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Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Aber wer keine hat, sollte zum Bestatter

Die Wa(h)re Vision oder Warum der Neoliberale Kapitalismus für unsere Freiheit sterben muss

Die Wahrheit schmerzt. Eigentlich sollte man zum Arzt gehen, um sich der Wahrheit zu stellen. Andere behaupten hingegen: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“.

Im Jahr 2020 sind auf der Erde Kipppunkte erreicht worden, die nicht mehr länger ignoriert werden können. Punkt. Was ist die Ursache dafür? Eindeutig die kapitalistische Wachstumsmaxime des Homo Oeconomicus. Meine Erfahrung hat mich gelehrt sehr vorsichtig mit Monokausalitäten umzugehen, aber in diesem Fall sehe ich keine Alternativerklärung für die Ursache einer noch nie dagewesenen Selbstzerstörung menschlichen Lebens. Wir sind aus einer Phase der menschlichen Genozide übergegangen in eine Phase der globalen Suizidalität.

Dr. Wolfgang Schäuble und die brachiale Suizidalität des Neoliberalismus

Wolfgang Schäuble ist symptomatisch für diesen Drang nach Selbstzerstörung und möchte während der derzeitigen Pandemie den Schutz des Lebens aufweichenAndere applaudieren auch noch und nennen sich Ethik-Experten. Warum möchte aber Wolfgang Schäuble lieber Tote riskieren als Corona-Maßnahmen aufrecht zu erhalten?

„Wir dürfen nicht allein den Virologen die Entscheidungen überlassen, sondern müssen auch die gewaltigen ökonomischen, sozialen, psychologischen und sonstigen Auswirkungen abwägen. Zwei Jahre lang einfach alles stillzulegen, auch das hätte fürchterliche Folgen.“ (Wolfgang Schäuble im Tagesspiegel, 26. April 2020)

Sehr bemerkenswert in vielerlei Hinsicht. Erstens, der Vorrang der Ökonomie im Sprachgebrauch. Zweitens, die Angst, die aus Schäuble spricht und die er dem Leser und seinem Gegenüber vermittelt. Denn wer möchte schon fürchterliche Folgen? Was aber jetzt nun genau diese Folgen wären und warum diese schlimmer als der Tod wären, das bleibt im Interview unbeantwortet. Verkürzt könnte man seiner Aussage entnehmen: Ökonomie vor Menschenleben.

Es gibt keinen richtigen Sinn im Falschen

Im sokratischen Sinne nachgehakt: „Ist es nicht schlimmer, wenn X Personen Selbstmord begehen, weil sie wirtschaftlich ruiniert werden, als wenn Y Personen an Corona sterben?“  Das Problem an dieser Deutung ist aber: Wieso sollte überhaupt jemand in dieser Gesellschaft aus finanziellen Gründen Selbstmord begehen?

Romeo und Julia haben sich das Leben nicht aus Mangel an Geld genommen. Ein Mensch nimmt sich doch nicht das Leben in letzter Ursache, weil er kein Geld hat. Ein Mensch nimmt sich das Leben, weil er in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht. Wenn natürlich der einzige Sinn im Leben eines Menschen das Geld ist… Homo Oeconomicus.

Sinn haben, bedeutet ein Bild von der Zukunft zu haben. Eine Vision. Das dieses Bild mit annähernd 100%iger Wahrscheinlichkeit nicht die Wirklichkeit in der Zukunft beschreiben wird, sollte jedem Menschen klar sein. Es irrt der Mensch, solang er strebt!

Kapitalismus sei dank

Aber zurück zum Kapitalismus, dem wir gewissermaßen auch dankbar sein müssen. Ohne kapitalistisches Wirtschaften wären wir heute nicht in der Lage uns gegen den Zwang des Kapitalismus zu erheben. So wie ein Schüler seinen Meister irgendwann überflügeln sollte. Überflügeln, ohne nach ihm zu treten, wohlbemerkt!

Der Kapitalismus hat die Menschheit befähigt ihr eigenes Überleben sicherzustellen. Das ermöglichte der Menschheit ihre Sinnsuche im Meer der Visionen überhaupt. Das Paradoxe daran war, dass der Kapitalismus damit auch zugleich die Visionen zu Waren gemacht hat. Wenn Visionen zu Waren werden, dann haben wir einen Wettbewerb der Ideen.

An dieser Stelle eine positive Randnotiz. Während Schäuble und andere Vertreter der kapitalistischen Verhältnisse die Posaune schwangen, waren Forscher aus aller Welt dabei, den Wettbewerb der Ideen aus einem kollektiven Gegeneinander in ein noch nie dagewesenes Miteinander zu verwandeln.

Und dieses wunderbare Ereignis der globalen Vereinigung enthüllt soviel über das fatale Problem des Kapitalismus in seinem Umgang mit menschlichen Visionen, dass es mich nicht wundern würde, wenn immer mehr Menschen diese Erkenntnis teilen.

Wir dürfen nicht mehr länger in die Katastrophe schlafwandeln, in die wir uns mit dem Festklammern am kapitalistischen System manövriert haben. Eine unbequeme Wahrheit, die wir schon viel zu lange von uns ferngehalten haben, obwohl die Zeichen bereits lange sichtbar waren. Menschliche Visionen dürfen keine Ware mehr sein.

Und an alle die keine Visionen mehr haben? Schaut lieber nicht zu denen, die ihre Visionen verkaufen. Schaut zu denen, die ihre Visionen mit allen teilen!

Addendum: Ursprünglich hieß es in der Überschrift „Warum der Kapitalismus für unsere Freiheit sterben muss“. Korrekter muss es natürlich heißen, der Neoliberale Kapitalismus.

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