Wahlkampf ohne Inhalte?

Ein politischer Glossay über den Zustand des demokratischen Diskurses

Am 26. September wird in Deutschland der nächste Bundestag gewählt. Doch viele Vermissen die Inhalte. In diesem Glossay gehe ich der Frage nach, wie wir den demokratischen Diskurs in diesem Land anders gestalten könnten.

Deutschland steht vor fundamentalen Herausforderungen. Welche das aber nun eigentlich sind, darüber wird erbittert gestritten, während Klimawissenschaftler:innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber nur weil ein paar Forscher:innen verzweifelt an der Gesellschaft zweifeln – ja, es ist ein doppelter Zweifel –, heißt das doch nicht, dass die Natur ein Buch ist, aus dem man offen lesen kann. Denn wer kennt schon den Inhalt der Natur?

Dennoch, dieser Wahlkampf wird auf Augenhöhe geführt. Natürlich. Wie es sich gehört. Alle Parteien beteuern einen sauberen Wahlkampf zu führen. Manche tun dies. Andere nicht. Ohne Inhalte führt sich ein Wahlkampf schlecht. Das können alle bestätigen, die schon einmal eine spontane Rede über Quantenphysik auf der Abschlussfeier einer Waldorfschule halten mussten.

Dieser Glossay ist inspiriert von Instagram-Nutzer @politikwissenschaftlermitbart, der inhaltlich viel zu meiner Herangehensweise an dieses Thema beigetragen hat.

Der Inhalt entscheidet: Wenn wir ihn gefunden haben

Inhalt ist wichtig. Tucholsky fragte einst: „Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?“ Wer dieses Zitat versteht, wird auch sicherlich sofort wissen, worum es mir geht. Das Loch ist Loch und nur der Inhalt kann im Loch sein. Aber kann im Inhalt ein Loch sein?

Dazu später mehr, denn vorerst suchen die Parteien nach dem Inhalt. Der ist selbstredend in den Wahlprogrammen enthalten, erschließt sich aber erst im Austausch der Gesellschaft mit der Politik (Vermutung). Die Politik liefert hierzu wichtige Hinweise und Anreize, die den Wähler:innen als Orientierung dienen. Beispielsweise, wenn ein FDP-Mitglied eine Studie als „Propaganda“ bezeichnet. Hier beginnt bereits der Inhalt zu entstehen. Unter Expert:innen nennt man dies kurz und bündig „soziopolitischer Schöpfungsakt zweiter Kategorie“.

Doch hier geht es nicht um Inhalte in Form von ausgedachten Begrifflichkeiten, sondern um eine knallharte Abarbeitung am Fundament des demokratischen gesellschaftlichen Wettstreits. Ohne diesen zu verstehen, können wir auch den Inhalt im Wahlkampf nicht finden.

Geben Sie hier Ihre Überschrift ein

Im Jahr 2010 fand ein „Heiliges Compostelanisches Jahr” statt. In diesem Jahr – und das ist ein Novum – findet das Jahr erneut statt, wurde jedoch von Papst Franziskus um ein weiteres Jahr verlängert, aufgrund der Pandemie.

Warum erzähle ich das? Es ist eine Metapher. Ein Vergleich. Vergleiche hinken immer, denn sie dienen uns als Krücken. Um konkret zu werden: Das Heilige Compostelanische Jahr ist de facto irrelevant für diesen Essay. Seine Einführung erlaubt es aber grundlegende Fragen über die Erzeugung von Sinn und Inhalt zu stellen.

So sinnlos das Beispiel erscheint, es hat einen Zweck. Worin dieser besteht, dazu hat der Autor Sir Arthur Conan Doyle in seiner Krimireihe Sherlock Holmes eine vielsagende Abstraktion, die eine neue Verständnisebene eröffnet: „Bildung endet nie, Watson. Es ist eine Reihe von Lektionen, derer letzte die größte darstellt“ (aus „Der Blaue Karfunkel“).

Wir streben uns also empor, um den Inhalt zu begreifen. Der Tod aber als letzte Lektion? Ist das der Inhalt nach dem wir suchen? Sicherlich nicht, denn der Inhalt erschließt sich nur den Sinnsuchenden. Es wird daher Zeit, dass wir uns nun damit beschäftigen, wo der Inhalt im Wahlkampf abgeblieben ist, den so viele schmerzlich vermissen.

Demokratie in Zeitlupe erlaubt einen Blick ins Uhrwerk

Die Welt ist keine Maschine. Dennoch – und hier müssen wir vom Inhalt auch kurz ablassen – lässt sie sich nur als Maschine begreifen. Das ist nicht Paradox. Das ist Fakt. Inhalt? Nein, noch nicht. Aber kurz davor.

Um die Welt als nicht-deterministische Maschine zu verstehen, müssen wir die Zeit verlangsamen. Demokratie in Zeitlupe erlaubt uns nämlich einen Blick ins Uhrwerk. Was man dazu braucht? Einen freien Nachmittag und die Tagesschau. Durch eine Verlangsamung der Tagesschau um zwanzig Uhr können wir kleinste Details wahrnehmen, die zuvor verborgen waren. Eine 100-fache Verlangsamung ist vorzuziehen. Damit sichert man sich fünfundzwanzig Stunden bester Auseinandersetzung mit dem Inhalt. DEM Inhalt? Noch nicht ganz, denn wir blicken ja nur auf den Inhalt des Uhrwerks, nicht in das Innere der Demokratie.

Wo ist da der Inhalt?

Susanne Daubner würde in der Tagesschau etwa eine Minute für das Wort “sus” brauchen, wenn wir die Sendung um das 100-fache verlangsamen.

Wo?

Ist der Inhalt in uns selbst? Vielleicht. Ein wenig schon, wenn wir ehrlich sind. Ist der Inhalt auch als Content für YouTube-Videos zu gebrauchen? Nur, wenn alle Maßgaben des Urheberrechts eingehalten werden. Fremdcontent geht gar nicht.

Steckt der Inhalt in Fragen? In der Art wie wir miteinander umgehen als Gesellschaft? Steckt der Inhalt im Stau fest und konnte uns telefonisch nicht erreichen, weil da ein Funkloch war? Hat der Inhalt ein Ziel, oder ist der Inhalt Ziel an sich? Wollen wir frei sein? Was sind unsere Werte? Wie viele Fragen verträgt ein einzelner Abschnitt in einem Essay ohne Inhalt? Ist dieser Essay ohne Inhalt?

Wo ist der Inhalt?

Inhaltsbeschreibung

Das politische Tagesgeschehen so gut es geht verfolgen, die Wahlprogramme lesen, nett zu den Nachbarn sein und am wichtigsten (!) …

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