Von Null auf HalleZero

Wie sich Klima-Aktivismus in Halle (Saale) trotz Corona weiterentwickelt

Die Klimakrise ist im Zuge von „Corona“ ins öffentliche Hintertreffen geraten. Stirbt die Klimabewegung aus? Grund zur Sorge gibt es. Viele Ortsgruppen von Fridays For Future haben sich im vergangenen Jahr – vermutlich aufgrund der Pandemielage – aufgelöst. Der Harte Kern ist aber noch da, wie Daniel George für den Mitteldeutschen Rundfunk berichtet hat. Wohin steuert die Klimabewegung? Ich sprach darüber mit den beiden Initatiorinnen des Vereins HalleZero.

Arian Feigl-Berger (22) ist Studentin für Kultur- und Medienpädagogik in Halle (Saale). Zusammen mit Susanne Bär (42) – wissenschaftliche Mitarbeiterin im Umweltbundesamt und studierte Bio-Chemikerin – gründete sie im September 2020 gemeinsam mit anderen Mitstreiter:innen den Verein „HalleZero“. Der Wunsch des Vereins ist es, dass Halle (Saale) bereits im Jahr 2030 Klimaneutral sein soll. Ziel: „[D]ie Klimakrise effektiv einzudämmen“.

Inmitten des Lockdowns im März 2020 beginnen die ersten Überlegungen zur Gründung. Daher sagt Susanne Bär auch: „Wir kennen HalleZero nicht ohne Corona.“

Feigl-Berger war früher noch bei den Students For Future aktiv, bevor sie 2019 auf GermanZero stieß. Über ihr persönliches Engagement in der Klimabewegung trifft sie schließlich auf Susanne Bär.

Susanne Bär, Mitgründerin des Vereins Halle Zero
„Ich will nicht nur den Protest. Ich will etwas Konkretes sehen. Den Wandel – die Transformation – mitgestalten“ (Susanne Bär, Mitgründerin des Vereins HalleZero)

Was ist „GermanZero“?

GermanZero ist ein Klimaschutzverein in Deutschland, der für ein klimaneutrales Deutschland bis 2035 eintritt. Dazu wird von der Initiative derzeit ein Gesetzesentwurf erarbeitet, der bis zur Bundestagswahl 2021 den Parteien vorliegen soll. Zudem setzt man bei GermanZero auch auf die Bildung von Lokalgruppen, die eigene Konzepte für ihre jeweilige Wohngegend erarbeiten.

Im laufe der Zeit lernen Susanne Bär und Arian Feigl-Berger weitere Mitstreiter:innen kennen. In einem Workshop von GermanZero bereitet man sich auf die Vereinsgründung vor, die trotz anfänglicher Bedenken über die Mitgliederzahl im September 2020 vollzogen wird. Mit circa 20 Mitgliedern ist die Bewegung sehr aktiv.

Gemeinsam arbeitet man bei HalleZero gerade an einer Petition für ein Klimaneutrales Halle bis 2030, leistet Überzeugungsarbeit für die Teilnahme von Halle (Saale) am Wattbewerb – einer Herausforderung zur Errichtung von mehr Photovoltaik – und ein eigener Podcast wird auch bald folgen. 

„Was wir alle hier leisten bei HalleZero, das geht weit über eine 15 Stunden-Beschäftigung hinaus, neben allem was wir sonst noch leisten müssen, um mit der Gesellschaft mitzuhalten. Mit Studium und Job sind das weit über 40 Stunden in der Woche, auch wenn sich das schwer für alle verallgemeinern lässt“, sagt Arian Feigl-Berger zu ihrem Arbeitspensum.

Nicht bei „Zero“ angefangen

Jedes Mitglied hat seine eigene Motivation für das Ehrenamt. „Für mich persönlich kam der Antrieb aus Magdeburg. Der Stadtrat hatte dort beschlossen bis 2035 Klimaneutral zu werden. »Magdeburg bis 2035 und wir fangen hier gar nicht erst an?«, dachte ich mir dann“, so Susanne Bär und fügt später hinzu: „Ich war auch mal bei Greenpeace, als ich so alt war wie Arian. So rein technisch ging das dann mit Fridays For Future bei mir wieder los.“

Susanne Bär ist zudem noch Mitbegründerin der „Scientists For Future Halle“ und war auch schon bei der Gruppe „Extinction Rebellion“ in Halle (Saale). Dieser gruppenübergreifende Ansatz ist auch gewollt, so Arian Feigl-Berger. „Meine Idee war dabei aus allen Gruppen Menschen mitzunehmen, um direkt gut vernetzt zu sein und auch gleich eine gute Zusammenarbeit gestalten zu können. Um Leute zu haben, die eine gewisse Erfahrung und Professionalität schon mitbringen.“

Sogar einen Mitarbeiter des lokalen Energieversorgers EVH findet man im Team, berichten beide. Auch Menschen mit konservativer Werthaltung sind dabei und möchte man auch ausdrücklich ansprechen, denn – so sagen beide einvernehmlich: „Wir müssen alle Menschen mitnehmen.

Für beide spielt auch der psychische Aspekt der Klimakrise eine bedeutende Rolle. Nicht nur in der Auseinandersetzung mit anderen, sondern auch in der direkten Betroffenheit. 

Arian Feigl-Berger: „Man redet in der Gesellschaft leider selten über Emotionen. Aber das sind erstmal keine schönen Gefühle, wenn man erfährt, dass eventuell Ende des 21. Jahrhunderts die Zivilisation zu der man gehört, ausgelöscht ist. Einige – so wie wir – die setzen sich damit pragmatisch auseinander, andere denen ist das psychisch zu viel und die grenzen sich dann ab.“

Ohne ihren Aktivismus, da sind sich beide sicher, würden sie depressiv werden. Ihnen ist wichtig, sich selbst nicht als passive Akteure zu verstehen. Das Wort „Empowerment“ („Selbstermächtigung“) fällt oft im Gespräch.

Fortschritt und Professionalisierung in der Krise

Die Botschaft von Susanne Bär ist klar. Der Verein wäre auch ohne das Zutun von Corona gegründet worden. Was sie zudem positiv festhält, ist der Wechsel zu digitalen Strukturen. Im Gegensatz zu anderen Klimagruppen, konnte man direkt den Wandel vollziehen, aufgrund der Gründungszeit während der Krise. Diese können auch nach Corona noch weiter wichtig für die Arbeit sein, so Bär weiter.

Das eigene Event-Team von HalleZero hat es dagegen nicht so leicht. „Die haben viele tolle Ideen, die sie gerade sehr gerne umsetzen würden“, berichtet Feigl-Berger und ergänzt: „Das Zwischenmenschliche fehlt – auch in unserer eigenen Arbeit“

Susanne Bär: „Wir haben auch neue Mitglieder, die wir noch nie in Natura gesehen habe. Das ist schon ein Hindernis“.

Feigl-Berger ergänzt schmunzelnd: Aber unser ältestes Mitglied ist schon geimpft und will uns im Sommer mal auf eine Gartenparty einladen.“

Über die Angst hinauswachsen

Feigl-Berger hat vor dem Start von HalleZero bereits Bedrohungen erlebt. Auf dem Klimacamp der Bewegung „Fridays For Future Halle“ erlebte sie vor Ort die Anfeindungen einer Gruppe des in Halle (Saale) agierenden und Polizeibekannten rechtsextremen Verschwörungsideologen Sven Liebich. Im Video schildert sie ihre Eindrücke des Geschehens.

„Wenn das nicht so wäre, müssten wir uns auch nicht dreimal überlegen, ob wir unsere vollständigen Namen auf die Webseite schreiben sollten oder wo wir unsere Adresse teilen“, sagt Arian Feigl-Berger.

Klimaaktivistin Greta Thunberg forderte im Januar 2019 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: „Ich will, dass ihr panisch werdet.“ In diesem Hinblick scheint HalleZero die Forderung von Thunberg weiterzuentwickeln. 

Arian Feigl-Berger meint: „Ich glaube nicht, dass wir panisch sind, aber wir rasten aus, was Transformation angeht. Das ist vielleicht eher die Panik pragmatisch umgesetzt.“

Susanne Bär ergänzt: „Ich habe extreme Klimaangst, das gebe ich ganz offen zu. Das ist so ein Motor. Ich habe die Angst auch deswegen, weil ich drei Kinder habe. Mein jüngstes Kind ist 9 Jahre alt und ich weiß, dass er enorm viel Leid durchleben muss, wenn wir so weiter machen. Ich will für meine Kinder eine gute Zukunft. Das gibt mir die Kraft weiterzumachen, obwohl ich weiß, dass es Menschen gibt, die wissenschaftliche Erkenntnisse nicht als solche anerkennen können. Zu Corona gibt es da viele Parallelen.“

Arian Feigl-Berger, Mitgründerin des Vereins HalleZero
Gegen gesellschaftlichen Fatalismus in der Klimakrise, (Arian-Feigl Berger, Mitgründerin des Vereins HalleZero)

Transformation, dass heißt auch eine Transformation unserer Ängste. Arian Feigl-Berger meint: „Eigentlich sind wir alle Klimakrisenleugner:innen. Wenn wir die Klimakrise alle ernstnehmen würden, würden wir schon längst komplett anders leben. Einige haben für sich schon ihre Ideologie erschaffen, dass es sowieso schon zu spät ist und dass sie sowieso nichts tun können. Bis hin zu denen die sagen: ‚Ich bin Opfer einer Verschwörung‘ und sich in dieser Opferrolle einfinden.“

Gegen den Fatalismus, so Susanne Bär, braucht es einen positiven Narrativ der Transformation, denn: „Was wir schaffen wollen und auch die Psychologists For Future sind Lösungsansätze und das Gefühl, dass man eine positive Zukunft noch gestalten kann, die besser ist als jetzt. Und das ist das, was die Politik leider auch nicht ausreichend macht. Wir brauchen positive Visionen. Und dabei gibt es schon Pionierregionen, wo diese Dinge schon gelungen sind. Der Landkreis Rhein-Hunsrück etwa oder die Autofreiheit in Oslo.“

Fazit: Aus Betroffenen sollen Akteure werden

Das positive Visionen auch gut kommuniziert werden müssen, hat für die Aktivistinnen auch die Reaktionen auf den Stadtratsbeschluss gezeigt, Halles Innenstadt für weniger Autoverkehr umzugestalten. Arian Feigl-Berger hat im Diskurs darum einen Mangel an Bürger:innenbeteiligung festgestellt und sagt abschließend weiter: „Es wurde nicht aus Betroffenen Akteure gemacht, sondern Betroffene wurde in eine Ecke gedrängt und haben sich dementsprechend gewehrt, was ich auch nachvollziehen kann. Indem wir bei HalleZero ein Problembewusstsein schaffen, wollen wir aus Betroffenen Akteure machen.“

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6 Comments

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