Screenshot aus dem Spiel "Grand Theft Auto San Andreas".

#UnmaskOurKids: Nur echt mit 89% Querdenken

Neue Initiative fordert: Maskenpflicht an Schulen abschaffen

Wie aus dem Nichts ploppt eine neue Initiative auf, die sich für eine Abschaffung der Maskenpflicht an Schulen einsetzt. #UnmaskOurKids. Ein Blick auf das Umfeld, dass der Account in den sozialen Netzwerken – insbesondere auf Twitter – toleriert. Und: Warum die Initiative Familien hier nicht ganz unbeteiligt ist.

Vor einem Tag teilte ein anonymer Nutzer in der Facebookgruppe der querdenkennahen Initiative Familien einen Link zur Petition „#UnmaskOurKids – Abschaffung der Maskenpflicht an Schulen“. Noch am selben Tag warb der Petitionsführer Matthias H. um Unterstützung für die Petition der Initiative Familien.

Synergieeffekte dürften für Matthias H. nicht unbekannt sein, der beruflich lange Zeit in einem größeren Unternehmen tätig war. Sein beruflicher Hintergrund stehe jedoch „in keinerlei Verbindung“ zur von ihm gegründeten Initiative. Auf die Frage, wie viele Mitglieder seiner Initiative angehören, antwortet er vage: „Ein kleiner Kreis von Initiatoren steht hinter der Aktion und der Petition.

Zur Initiative Familien schrieb er: „Als wir dann am Dienstag live gegangen sind mit unserer Aktion schrieb uns am Mittwoch die Initiative Familien an und bat um Vernetzung, da wir ja inhaltlich ähnliche Ziele verfolgen und jemand aus deren Kreis ebenfalls eine Petition gestartet hatte.“ Eine Webseite und einen YouTube-Account gibt es ebenfalls. Letzterer mit einem recht professionell produzierten Videoclip:

Fakten- und Quellencheck

Die Quellen, die die Thesen der Petition untermauern sollen, sind dürftig. Folgendes wird behauptet: „Covid-19 ist und bleibt für Minderjährige weitgehend ungefährlich. Dies bestreitet kein seriöser Wissenschaftler, worauf jüngst vier medizinische Fachgesellschaften (u.a. die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie) in einer viel beachteten, gemeinsamen Stellungnahme noch einmal hingewiesen haben.“ Die verlinkte Quelle bezieht jedoch inhaltlich keine Stellung zur aufgestellten Behauptung.

Weiter heißt es: „Die Bundesregierung selbst äußert sich hierzu öffentlich wie folgt: ‚Kinder und Jugendliche haben ein deutlich geringeres Risiko als Erwachsene, schwer zu erkranken. In den meisten Fällen verläuft eine Erkrankung relativ mild und häufig sogar ohne Symptome.‘

Als Beleg wird eine Frage-Antwort-Seite der Bundesregierung vom 8. Juli 2021 herangezogen. Zum damaligen Zeitpunkt war die Datenlage bzgl. Long Covid noch wesentlich dürftiger. Mittlerweile wissen wir sicher, dass Long Covid auch Kinder betrifft. Momentan deutet vieles darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit einer solchen Erkrankung wohl im unteren einstelligen Prozentbereich liegt – vermutlich sogar eher im Bereich unterhalb von einem Prozentpunkt –, was das relative Risiko im Vergleich zur Erwachsenengruppe mindert, aber dennoch kein Grund darstellt, die Erkrankung auf die leichte Schulter zu nehmen.

Die Initiative Familien soll sich ebenfalls an UnmaskOurKids gewandt haben, um sich zu vernetzen, so Matthias H. von UnmaskOurKids. Für diese Initiative ließen sich ebenfalls starke Verbindungen zu Querdenken nachweisen und Like für typische Slogans und Aussagen der Bewegung. Zum Beitrag dazu gelang man, indem man auf die Abbildung klickt. Screenshot aus der Facebookgruppe der Initiative Familien.

Als einzige Verteidigung zum Tenor der Petition, dass es „nur eine sehr limitierte und praktisch nicht aussagekräftige Datenlage“ zum Thema Long Covid gebe, bezieht man sich auf eine Studie in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet. Die Studie wurde im August 2021 veröffentlicht. Mittlerweile gab es jedoch mehrere weitere Studien mit Kontrollgruppen und ausreichender Datengrundlage, die gute Hinweise auf die mögliche Prävalenz geben. Nicht benannt wird in der Petition das Risiko für eine Erkrankung am sogenannten PIMS-Syndrom, das zwischen 1:3000 und 1:4000 liegt.

Es gibt einige erste Hinweise darauf, dass Impfungen auch bei Kindern und Jugendlichen vor dem erhöhten Risiko an PIMS und Long Covid zu erkranken schützen können. Bislang ist die Impfquote – insbesondere in der Altersgruppe von 5 bis 11 Jahren – jedoch besorgniserregend gering. Ebenfalls ein Fakt, auf den in der Petition nicht eingegangen wird.

Weiter heißt es, dass das Tragen von Masken „zu sozialen und psychologischen Folgen für Minderjährige“ führe und dies „einschlägig und unumstritten in diversen Studien dargestellt und in ihrem gravierenden Ausmaß völlig inakzeptabel“ sei. „Exemplarisch“ wird hier auf zwei Dokumente verwiesen. Eines dieser Dokumente ist ein Preprint vom 28. April 2021, dem sogar ein großer Warnhinweis vorangestellt wurde, dass die Studie keine kausale Beziehung zwischen dem Tragen der Masken und den berichteten negativen Effekten bei Kindern belegen kann.

Das zweite Dokument befindet sich seit dem 11. August 2021 im Preprint-Status. Eine systematische Übersichtsarbeit vom 25. Oktober 2021 hat an den Ergebnissen ähnlicher Studien einiges an Kritik auszusetzen. Eine Studie vom November 2021 fand sogar Hinweise darauf, dass Kinder im Alter zwischen 3 bis 6 Jahren trotz Masken in der Lage zu sein scheinen, Emotionen korrekt zu erkennen.

Twitter-Check

Who’s‘Who

Auf Twitter ist die Initiative #UnmaskOurKids ebenfalls aktiv. Offensichtlich im zweiten Anlauf. Dort heißt der Account nämlich @UnmaskOurKids_1. Die Bestätigung dafür liefert der Initiator auf Facebook selbst. Dort schrieb er am 23. Februar: „Wirklich unglaublich. Der von uns für die Aktion ‚UnmaskOurKids‘ heute eröffnete Twitter Account, wurde nach wenigen Stunden wegen ‚Inappropriate Content‘ gesperrt. Möge sich da jeder seine eigenen Gedanken zu machen…

Ab dem 25. Februar war der neue Account dann aktiv. Die Auswertung des Accounts vom heutigen Morgen ergibt, dass die Vernetzung recht eindeutig in Richtung Querdenken geht.

Netzwekanalyse zum Account @UmaskOurKids_1. Durchgeführt von Gunnar Hamann, Ostprog.de. Zum Vergrößern anklicken.

Fast die Hälfte (~47%) aller verknüpften Accounts in der Netzwerkanalyse – der Account @UnmaskOurKids_1 ist dabei inkludiert – weisen eine regelmäßige Interaktion mit Accounts aus dem Umfeld von Querdenken auf. Mit großem Abstand folgen Accounts aus dem Bereich Journalismus (~19%), Virologie (~14%) und Politik (~12%). Einige bekannte Namen aus dem Netzwerk der Kindertruppe sind dabei ebenfalls vertreten.

Eine interessante, wenn auch eher qualitative Beobachtung: Von der Handvoll Accounts, die @UnmaksOurKids_1 am heutigen Morgen folgten, weisen einige in ihren Interaktionen Bezüge zur neuen Rechten auf. Ein solches Muster konnte ich für den Account nicht feststellen, aber es spricht für die These, dass sich das rechtsradikale Umfeld bewusst an diese Themen anheftet.

Die Datengrundlage (.csv-Format) kann hier als .zip-Datei herunterladen werden. Die Zuordnung mit Kommentaren kann man dieser Tabelle entnehmen:

Nur echt mit 89% Likes für Accounts aus der Querdenkenblase

Seit der Öffnung des Twitteraccounts hat @UnmaskOurKids_1 160 Tweets geliket. Davon gingen 143 Likes (~89%) an Accounts, die enge und regelmäßige Interaktionen zu anderen Accounts aus der Bubble von Querdenken aufweisen. 70 Likes (~44%) gingen an Tweets solcher Accounts, die entweder COVID-19 verharmlosen, irreführende Behauptungen bzgl. der Schutzmaßnahmen aufstellen oder einen positiven Bezug zu Querdenken enthalten.

In einem gelikten Tweet, der sich auf den Konflikt in der Ukraine bezieht, heißt es von einem anderen Nutzer: „Nein, ist nicht gut. Durch die Ablenkung können die jetzt heimlich ihre Agenda umsetzen. Noch rigider, da keiner sie einbremsen kann.“ Ein anderer Tweet, der geliket wurde: „Demonstrationen gegen das Hygieneregime hier. Jetzt. Noch immer. wäre nicht nur geografisch naheliegendender …“ Oder auch: „Wird Zeit das die Folter an den Kindern endlich aufhört!

In 69 Fällen (~43%) war beides zutreffend. Einige der Nutzer:innen, mit denen der Account hier interagiert hatte, waren ebenfalls der Kindertruppe zuzuordnen. Darunter auch @SoniaMarima, der Account der Querdenkerin Nele Flüchter, Mitinitiatorin von Laut Für Familien, Lobbyisten Für Kinder NRW und #FriedlichZusammen, die aus dem früheren Umfeld der Initiative Familien stammt und offensichtlich weiter mit Mitgliedern der Initiative in sozialen Medien interagiert und netzwerkt. Die einzelnen Zuordnungen kann man in diesem Google Doc nachvollziehen.

Ich konfrontierte Matthias H. abschließend mit den Ergebnissen: „Ist Ihnen bewusst, dass Sie mit dem Account @Unmaskourkids_1 zahlreichen bekannten Querdenkenaccounts auf Twitter folgen und Sie mit diesen bereits interagiert haben?“ 

Die Antwort war im Vergleich zum Text der Petition recht wortkarg: „Nein.

Titelbild: Screenshot aus dem Videospiel „Grand Theft Auto San Andreas“ von Rockstar Games. Logos: Initiative Familien / #UnmaskOurKids / Ostprog. Bearbeitung durch Gunnar Hamann, Ostprog.de.

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4 Comments

Initiative Familien trifft Goldener Aluhut - OSTPROG · 8. März 2022 at 21:40

[…] die Initiative Familien mit einer weiteren Initiative namens #UnmaskOurKids. Diese findet, wie ich nachweisen konnte, großen Anklang bei Accounts aus dem Umfeld von […]

Das pädiatrische Toleranz-Paradoxon - OSTPROG · 5. Mai 2022 at 15:48

[…] #UnmaskOurKids aufgefallen, die überwiegend aus dem Spektrum von Querdenken getragen wird, wie ich im Rahmen einer Recherche aus dem Februar zeigen konnte. Vermutlich ist Becke über die Arbeit für die Initiative Familien […]

Kristina Schröder, Klaus Stöhr, Kindertruppe – Wer ist Axel Koch? · 18. August 2022 at 12:05

[…] Die Initiative Familien soll sich ebenfalls an UnmaskOurKids gewandt haben, um sich zu vernetzen, so Matthias H. von UnmaskOurKids. Für diese Initiative ließen sich ebenfalls starke Verbindungen zu Querdenken nachweisen und Like für typische Slogans und Aussagen der Bewegung. Zum Beitrag dazu gelang man, indem man auf die Abbildung klickt. Screenshot aus der Facebookgruppe der Initiative Familien. […]

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