Über Ideologisierung, wo keine ist

Antwort auf Christian Schöps

Am 26. Januar ergab sich zwischen mir und dem Neurologen Christian Schöps eine Diskussion zum Thema Corona, Familien und Querdenken. Herr Schöps antwortete später erneut auf eine Replik von mir, veröffentliche dann aber noch am selben Abend einen Blogbeitrag. Eine Antwort.

Fände es gut, wenn der Twitter-Feuilleton mal allmählich etwas differenzierter auf dieses ‚zwei Arten von Eltern‘-Narrativ schaut, was man sich hier zurechtgelegt hat.“, so lautete mein Einstieg in einen Thread, der sich mit der auf Twitter wahrgenommenen Spaltung von Eltern in zwei Gruppen beschäftigte. Ausgangspunkt war ein Tweet, den der Tagesspiegel-Journalist Julius Betschka wenige Tage zuvor abgesetzt hatte.

Er schrieb am 24. Januar: „Was jedenfalls komplett sicher ist in dieser Pandemie: Bei jeder Corona-Entscheidung für Schulen fühlt sich jemand anderes vor den Kopf gestoßen. Zeigt wahrscheinlich vor allem die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse und Ängste in Familien.“ Dem würde ich uneingeschränkt zustimmen. Gleichzeitig warf das für mich bei den derzeitigen Inzidenzen die Frage auf: Was wollen denn die Eltern gerade am meisten? Ebenfalls am 24. Januar berichtete Christian Füller darüber, dass immer mehr Bürger:innen für Schulschließungen plädieren. „Der Wind dreht sich“, schrieb er auf Twitter.

Kinder und Jugendliche in der Pandemie

In seinem Blogbeitrag geht Christian Schöps einen sehr persönlichen Weg und beschreibt die Situation seiner Familie. Der Kernsatz steht aus meiner Sicht am Ende des ersten Teils: „Das sind unsere familiären Bedürfnisse und Beweggründe. Und ähnliche – je nach Lebenssituation spektakulärer oder unspektakulärer – wird es in ganz vielen Familien geben. Wer sind wir denn, das beurteilen und verurteilen zu wollen?

Die Antwort: Gefangene der eigenen Perspektive. Festzustellen, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt, ist wichtig und gut. Es zu akzeptieren sowieso. Gerade das ist es auch, worin ich einen gravierenden Mangel sehe. Sowohl im politischen als auch gesamtgesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie. Stattdessen pendelt Deutschland von Perspektive zu Perspektive.

Von einem Verständnis für die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der Gesundheit im ersten Lockdown – als noch schwer einzuschätzen war, welche Auswirkungen Corona mit sich bringen würde – bis hin zu der geradezu grotesk anmutenden gegenwärtigen Situation, die man vielleicht als „Durchseuchung durch Nichthandeln“ bezeichnen könnte.

Statt als Gesellschaft diesen Unterschied anzuerkennen und der Politik einen klaren Handlungsauftrag zu geben, diesen Perspektiven durch ausreichend Schutzmaßnahmen an Schulen und das optionale Angebot von digitalem Lernen zu ermöglichen, haben wir diese Schlimmste aller Entscheidungen zugelassen. Nichthandeln.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Perspektiven werden durch soziale Medien verzerrt. Sie werden aber auch durch Akteur:innen und Gruppen verzerrt, die sich aus der gesellschaftlichen Anerkennung dieser Standpunkte ausgeklinkt haben. Und damit kommen wir zur „Sache mit den Querdenkern“.

Die Sache mit den Querdenkern

Schöps schreibt: „Bei mir geht die Hutschnur erst bei Herrn Wodarg, Herrn Homburg und irgendwelchen Pathologenkonferenzen hoch, bei Ihnen halt deutlich früher.“ Leider sehe ich darin das Kernproblem. Wie funktioniert Radikalisierung? Wie dringen diese Perspektiven in den Diskurs?

Ich habe nur Vermutungen, welche Personen Schöps hier anspricht, bei denen ich „deutlich früher“ eine Grenze ziehe. Der Kardinalfehler an dieser Stelle ist allerdings, dass er damit die Ansicht vertritt, ich würde Personen geradezu beliebig den Stempel „Querdenken“ aufdrücken. Dazu möchte ich drei Dinge sagen.

ERSTENS, wenn eine Person wie Christian Winter auf Twitter schreibt: „Ich kann schon verstehen, dass es Eltern einfach nicht wahrhaben wollen, dass ihre Kinder 2 Jahre massiv fremdnützig und unter Vortäuschung falscher Tatsachen eingeschränkt wurden. Hilft aber nichts, so war es eben“, dann tut es mir leid, aber wir haben es hier mit der Aussage zu tun, dass jedwede Maßnahme an und für Schulen während der Pandemie unnötig war. Das ist keine dezidierte logisch nachvollziehbare Maßnahmenkritik mehr, das ist Querdenkertum und nur ein Beispiel unter vielen.

ZWEITENS, bin ich in der Regel sehr zurückhaltend. Ich behaupte – außer bei solchen klaren Aussagen – nie, dass jemand Querdenker:in ist. Bei meiner Bewertung der Kindertruppe sowie den Interaktionen von Klaus Stöhr spreche ich von „querdenkennah“ oder „Nähe zu Querdenken-Accounts“. Schöps schreibt, man habe Querdenken erst so groß gemacht „[D]urch die kategorische Abgrenzung und das Verdammen bestimmter Personen und Meinungen“. Ich halte dagegen:

DRITTENS, wehret den Anfängen. 

Christian Schöps sieht sich als „linksliberal“. Eventuell – und das ist nur meine Vermutung – ist die liberale Komponente hier das entscheidende. In den vergangenen Monaten zeichnet sich eine verzerrte Auffassung des liberalen Gedankens im Diskurs auf Twitter ab. Ein Liberalismus, der behauptet: „Freiheit ist Freiheit“.

Es ist aber, im Gegensatz zur von Schöps aufgestellten Frage „Wer sind wir denn, das beurteilen und verurteilen zu wollen?“, ein egoistisches Bild von Freiheit. Eine selbstbezogene Freiheit. In diesem Sinne verstehe ich auch den Kommentar zur Abgrenzung. Ich habe es im Fall von Tom Bohn geschrieben und ich schreibe es hier erneut: Es gibt keine Freiheit ohne Konsequenzen.

Das Profilbild eines Accounts, dem Tom Bohn folgt und mit dem er interagiert. Ein beliebtes Symbol bei Querdenken, insbesondere den Heiner Ultras, die bereits durch Morddrohungen gegen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) aufgefallen sind.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch meiner journalistischen Arbeit zu der Thematik. Es ist ein simpler Abwehrmechanismus zu behaupten, dass jemand anderes daran Schuld sei, dass eine Bewegung größer wird, obwohl man in der eigenen Timeline solche Personen duldet oder – wie im Fall von Tom Bohn – sogar aktiv zu Demonstrationen aufruft und diese gutheißt.

Man sollte sich für das Prädikat „querdenkennah“ und „Nähe zu Querdenken-Accounts“ schämen. Genau das ist der Sinn meiner derzeitigen Arbeit. Wer das anders sehen mag, mag es vielleicht nur so sehen, weil die Person Angst davor hat, in den Spiegel zu schauen. Für substanzielle Kritik bin ich immer offen, aber die Abwehrmechanismen sind sehr stark. Kein Wunder. Oder vielleicht doch, denn so richtig kann man sich bei einigen dieser Personen dann in den Gesprächen die ich geführt habe doch nicht sicher sein, ob Querdenken nun etwas Gutes oder Schlechtes sei.

Zumindest wird immer wieder auf die angebliche Delegitimierung von Maßnahmenkritik in einem Atemzug mit der Delegitimierung von Querdenken verwiesen. In diesem Zusammenhang: Ich interagiere täglich auch mit Menschen auf Twitter, die Maßnahmenkritiker:innen sind. Diese heißen nicht Pürner oder Winter. Es ist auch nicht Tom Bohn dabei. Ich bezeichne diese Menschen auch nicht sofort als Querdenker:innen, es sei denn anhand des Profils ist klar, woher der Wind weht. Das kann ich einschätzen, denn ich beschäftige mich seit Monaten mit der zunehmenden Durchdringung von Querdenken auf Twitter.

Eine weitere Aussage von Schöps: „Ich bin mir sicher, dass man mit dem jeweils harten Kern nicht inhaltlich diskutieren kann, siehe Impfdiskussionen auf Twitter. Aber ich bin mir auch recht sicher, dass man versuchen muss, die die mitlaufen, weil ihnen die andere Marschrichtung irgendwie unbehaglich ist, einzusammeln und mitzunehmen.“ Nein. Wird man nicht. Im privaten Umfeld mag das etwas anderes sein, aber sich in sozialen Netzwerken mit dieser Gruppe direkt auseinanderzusetzen ist nicht nur Zeitverschwendung, sondern gibt diesen eine Gelegenheit den Unsinn weiterzuverbreiten. Toleranz-Paradoxon.

Von Querdenken geht auf der Straße ein klares Gewaltpotential aus. Das kann man nicht mehr wirklich leugnen, wenn man auch nur ansatzweise die Berichte zu den Demonstrationen der vergangenen Wochen, Monate und Jahre verfolgt hat. Gewalt gegen Journalist:innen ist ein solches Problem bei diesen Demonstrationen, dass Reporter ohne Grenzen den Rang der Pressefreiheit in Deutschland erstmals als „zufriedenstellendeinstufen musste. Ich weiß gar nicht, ob das allen bewusst ist, die sich Sorgen um die angeblich eingeschränkte Meinungsfreiheit von Maßnahmenkritiker:innen machen. Diese Menschen schränken gerade aktiv die Pressefreiheit ein, durch physische Gewalt und Einschüchterung.

Warum Schöps abschließend noch auf das Thema Klimaschutz eingeht, erschließt sich mir nicht, aber es zeigt einen seltsamen Bias: „Und ich bin fest überzeugt, wenn wir das beim Thema Klimaschutz nicht besser hinbekommen, dann wird auch das in die Hose gehen. Es reicht eben nicht aus Hamburg Eimsbüttel oder Berlin Prenzlauer Berg vom Sofa zu posten, dass Autos Kacke sind und man sich gefälligst ein Lastenrad zulegen sollte, dass Benzin und Strom viel zu billig sind, wenn man die Bedürfnisse von Menschen die auf dem Land leben oder für die teueres Benzin oder Strom eine Katastrophe sind komplett außer acht lässt.

Ja, dem stimme ich zu, aber gleichzeitig muss ich fragen: Wer tut das? Eine der bekanntesten Personen, die sich zu diesem Thema äußert, ist Katja Diehl. Nehmen wir mal an, dass sie gemeint sein sollte: Wo differenziert sie bei diesem Thema nicht? Ich kann nur mutmaßen, woher dieser verzerrte Eindruck stammt, aber es wäre wünschenswert, genau diesen Personen mal vorbehaltlos zuzuhören, statt sich auf ein Framing einzulassen, von dem mir schleierhaft ist, woher es stammt.

Ist es nicht vielleicht eher so, dass der von Schöps abschließend erwähnte Parodie-Account der Ausdruck der eigenen verzerrten Wahrnehmung entspringt und diese spiegelt?

Great Barrington Declaration
Martin Kulldorff, Sunetra Gupta und Jay Bhattacharya (v.l.n.r.) unterzeichneten unter anderem die Great Barrington Declaration. Das Treffen fand mit Unterstützung von AIER statt. Quelle: gbdeclaration.org.

In meinen Augen ist der Umgang mit der und die Verteufelung der Great Barrington Declaration (…) exakt Ausdruck des eben beschriebenen. Eigentlich – wenn man sie mal unvoreingenommen liest – ist die Great Barrington Declaration relativ unspektakulär. Am Ende steht drin, man solle Risikobereiche und Risikogruppen schützen und junge Leute ihr Leben leben lassen“, schreibt Schöps.

Die „Verteufelung“ steckt im Detail. Was Schöps hier im Nachsatz so beiläufig erwähnt, nämlich das man „Risikobereiche und Risikogruppen schützen und junge Leute ihr Leben lassen“ solle, ist die gefährliche Naivität dieser Erklärung. Zu behaupten, man könne diese Bereiche und Gruppen effektiv schützen, wenn man das Virus laufen lässt, ist aus epidemiologischer Sicht nicht erreichbar.

Wir haben diese Forderungen immer wieder in Deutschland gehört. Sei es von Kolumnisten wie Fleischhauer, Virologen wie Streeck, Stöhr oder Schmidt-Chanasit. Was diese Herren dabei nicht erwähnen, ist die Unmöglichkeit dieses Unterfangens bei hohen Inzidenzen in der Gesamtbevölkerung. Wer als Virologe behauptet, man könne Risikogruppen effektiv schützen, bei einer hohen Allgemeininzidenz in der Bevölkerung, macht seinen Job nicht richtig, weil man wissen müsste, dass der Schutz von Risikogruppen mit den Inzidenzen im Zusammenhang steht.

Ich habe es zuvor bereits auf Twitter geschrieben, aber was ist hier eigentlich in diesem Land los, wenn eine Stimme der Vernunft wie der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer folgendes schreibt:

Mir geht es nicht um die Personen hinter der Great Barrington Declaration. Mir geht es um die Idee dahinter. Diese ist nicht konsequent zu Ende gedacht. Aber wir sehen gerade, wie diese anscheinend völlig ohne Konsequenzen ihre Anwendung findet. Warum? Weil man sich von der Verlockung eines vermeintlich schnelleren Endes der Pandemie dadurch verleiten lässt.

Wer die Saisonalität anerkennt, weiß, dass die Fallzahlen im Laufe der wärmeren Monate wieder sinken werden. Diese Unfähigkeit, sich selbst zu Gunsten anderer einzuschränken wird zahlreiche Menschenleben kosten und grob jede zehnte infizierte erwachsene Person wird Long Covid entwickeln. Das kann man gerne so machen. Dann soll man es auch bitte so benennen, statt sich hinter der eigenen vermeintlichen Opferrolle zu verstecken. Diejenigen, die die Great Barrington Declaration vertreten sind Täter:innen. Keine Opfer. Wer sie verteidigen möchte, soll klar sagen: Mir ist meine individuelle Freiheit wichtiger, als die Gesundheit und das Leben anderer.

Wobei wir wieder beim oben beschriebenen Abwehrmechanismus der Scham wären.

Die COVID-Pandemie als Pandemie der „sozial Schwächeren“

Es ist für Schöps nicht hinnehmbar, dass „wieder geschlossene Schulen, Aufhebung der Präsenzpflicht und Homeschooling gefordert werden, weil das nur ein gewisser Teil der Gesellschaft überhaupt in ausreichender Qualität hinbekommt“. Daraus ergibt sich dann aber die Frage, weshalb eine Initiative in Schutz genommen wird, die für diese Misere mitverantwortlich ist.

Die Initiative Familien und Teile von Querdenken-Elternnetzwerken haben sich stets an den Schutzmaßnahmen gerieben. In den offenen Briefen der Initiative Familien und den Stories auf Instagram findet man immer wieder mal den Bezug auf soziale Problemstellungen, was ich sehr begrüße, aber am Ende des Tages: Was davon findet sich an Forderungen in den offenen Briefen wieder?

Im Sommer und Herbst, als die Schulen offen waren, hätte man dafür lobbyieren können. Stattdessen im Visier: Maskenpflicht und „anlasslose“ Massentests. Man sagt ja: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“ (1. Johnnes 2,1-6). Auch Worte können Taten sein. Insbesondere, wenn Sie in einem offenen Brief stehen, der von tausenden Menschen unterzeichnet wird. Hier bleibt aber zu fragen: Was genau haben diese Initiativen von der Politik gefordert, das sich dieses Problems annimmt. Um bei den christlichen Analogien zu bleiben: „Faith without works is dead“ (James 2, 14-26).

Ganz offensichtlich wurde dieser Widerspruch im Fall einer Forderung der Initiative in Darmstadt, bezogen auf Schwimmkurse für Kinder: „Danke [sic!] einer Spende von Merck kann die Stadt Darmstadt ihr Angebot ausbauen. Die ‚Initiative Familien‘ wiederum kritisiert, das Konzept gelte nur für sozial benachteiligte Kinder.

Kann man machen. Man kann auch kritisieren, warum ausgerechnet eine Firma dafür notwendig ist, solche Kurse überhaupt anzubieten. All das zusammengenommen, ergibt sich aber die Frage, wie glaubwürdig die Behauptung der Initiative ist, man habe Kinder und Jugendliche aus einem sozial schwachen Umfeld im Hauptfokus.

Die Unterstellung, es gehe bei dem Wunsch nach Schulschließungen oder Distanzunterricht nicht mehr um soziale Belange, ist falsch. Es wäre in der Verantwortung der Politik hier gegenzusteuern.

Weiter schreibt Schöps: „Und es triggert mich genauso an, wenn über Impfpflichten, Impfverweigerer usw. gesprochen wird, während ich sehe, dass wir diese Woche eine unserer letzten COVID-Patientinnen, die einen schweren Verlauf hatten von der Frührehabilitation in die Phase C-Reha verlegen konnten. Und wenn man weiß, dass das eine ungeimpfte, alkoholkranke, insgesamt schwer psychisch kranke Frau ist, bei der diese ganze Diskussion sowas am Thema vorbeigeht, ebenso wie bei den allermeisten Patienten und Patientinnen zuvor.

Eine Sozialarbeiterin aus Nordrhein-Westfalen hatte der Landespolitik bereits 2020 Konzepte vorgelegt, wie sich Kinder aus Armutsverhältnissen unter solchen Bedingungen besser schützen ließen. Umgesetzt hat die Landesregierung davon offenbar nichts. Wenn der politische Wille fehlt, dann wäre es Aufgabe der Gesellschaft, ihren Willen klarer zu artikulieren. Daran scheitert man aber, wenn man sich immer und immer wieder auf die Maßnahmen als Wurzel allen Übels einschießt.

Es geht auch nicht um „sozial schwächere“, sondern um Menschen aus Armutsverhältnissen. Sozial schwach sind für mich die Akteur:innen, die am eigentlichen Problem vorbeireden, weil es sonst die individuelle Freiheit bedrohen könnte. Ich habe vollstes Verständnis für die Wut, die Schöps erfasst, wenn er von einer alkoholkranken ungeimpften Patientin berichtet.

Mein Aufruf wäre: Wut ist super. Aber vielleicht ist sie an dieser Stelle nicht auf das leicht verfügbare Ziel der „Maßnahmen“ zu richten, sondern den politischen Unwillen jetzt aktiv etwas an der sozialen Ungerechtigkeit in Deutschland zu verändern. Eine Maske kann man schnell mal aus Protest weglassen. Den sozialen Status nicht.

Die Überhöhung von SARS-CoV-2

Schöps verlinkt auf einen sehr lesenswerten Thread vom oben bereits erwähnten Lars Fischer. Diesen Thread kenne ich bereits und hat von mir an jeder Stelle einen Like erhalten. Warum Schöps mir diesen Abschnitt zum Thema schreibt, bleibt für mich aber unklar.

Ich bin auch der Meinung, dass man ausgewogen auf die Ergebnisse schauen muss. Neben der „Überhöhung“ gibt es aber auch klar eine „Unterschätzung“ der potentiellen Gefahren. Das zeigen Bewegungen wie Querdenken sehr gut.

Letztlich geht es hier um eines, nämlich Angst. Für Angst gilt: Etwas mehr ist besser, als etwas zu wenig. Angst ist ein Schutzreflex. Angst schützt uns vor Gefahren. Manchmal schätzen wir die Gefahr falsch ein. Dann ist es trotzdem besser reagiert zu haben, als sich der Gefahr auszusetzen.

Gibt es eine „Überhöhung von SARS-CoV-2“? Sicherlich gibt es die. Da sehe ich die Aufgabe der Medien, diese Studien einzuordnen und gut zu erklären. Oft gelingt das, manchmal nicht. Diejenigen aber, die Corona unterschätzen, sind keineswegs frei von Angst. Im Gegenteil. Ihre Ängste sind irrationaler Natur. Das heißt nicht, dass man diese Ängste nicht ernstnehmen darf. Es heißt aber auch, dass man sich von diesen Ängsten distanzieren muss, denn Angst – auch die irrationale – ist ebenso wie ein Virus ansteckend.

Fazit

Christian Schöps hat eine verbindende Rolle. Er sieht sich – so mein Eindruck – als jemand, der gerne alle Menschen mitnehmen möchte. Das ist eine an sich sehr lobenswerte menschliche Eigenschaft. Die Idee, es allen rechtmachen zu wollen. Das Problem: Er übersieht dabei, dass eine Integration von intoleranten Kräften letztlich zur Aufhebung der Toleranz führen wird. Appeasement hat noch nie funktioniert und wird auch hier nicht funktionieren. Den Preis für diese falsch verstandene Toleranz zahlen letztlich andere.

Ich werde abschließend auch einmal persönlich. Wenn ich sehe, welcher realen Gewalt meine Kolleg:innen auf der Straße durch die Demonstrationen von Querdenken ausgesetzt sind, wie verzweifelt Eltern aktuell sind, angesichts der fehlenden Schutzmaßnahmen, hohen Inzidenzen und der doch erheblichen Ignoranz der politisch Verantwortlichen; dann bleibt mir keinerlei Verständnis für die von Schöps zwischen den Zeilen geäußerten Positionen. Wir können uns darauf einigen, dass Kinder und Erwachsene in Armut geschützt werden müssen. Dass offene Schulen prinzipiell wünschenswert sind. Dass eine ungerechtfertigte Delegitimierung von Wissenschaftler:innen falsch ist.

Worauf ich mich nicht einigen werde, ist Ideen anzuerkennen, die konsequent zu ende gedacht einer sozialdarwinistischen Durchseuchung gleichkommen. Ich werde es auch nicht akzeptieren, wenn Querdenken relativiert wird oder eindeutige Verbindungen dazu als unproblematisch abgetan werden. Das bin ich mir selbst schuldig, wenn ich mit einem guten Gewissen durch diese Krise gehen möchte.

Zum Abschluss werde auch ich noch einmal persönlich: Wenn ich nach Recherchen zur Kindertruppe – die Verbindungen und Interaktionen zu Accounts von Querdenken unterhält – Beleidigungen und sogar eine Morddrohung erhalte, hat dieses Netzwerk ein Problem. Ich habe diese Leute nicht gerufen, sie kamen mit den Accounts aus der Kindertruppe, die sich auf meinen Beitrag stürzten.

Franziska Briest sieht das anders. Vielleicht weil Sie persönlich mit Personen aus dem Umfeld bekannt ist. Vielleicht weil der Support des Netzwerks auf Twitter hilfreich war, um Rapidtests zu befördern. Wem an einer anderen Person etwas liegt, der schließt bei Problemen nicht die Augen, sondern öffnet den Mund.

Die Augen zu verschließen hilft letztlich nämlich nur einer Gruppierung: Den Feinden der Demokratie. Wer das in Querdenken nicht erkennen möchte, ist Teil des Problems.

* Titelbild übernommen aus dem Beitrag von Christian Schöps (BrainPainBlog.org) und bearbeitet durch Gunnar Hamann (Ostprog.de).

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