Der Turmbau zu Bubble

Gedanken zur Politik und dem Umgang des Journalismus mit Sozialen Medien und Expert:innen während der Coronakrise

Dieser Beitrag fällt in sich zusammen, wenn man Ihn nicht versteht.

Journalismus ist in der Corona-Krise in einer Zwickmühle. Das hat auch der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) für sich erkannt und sogar öffentlich reflektiert. Viele Medienschaffende sind bereits zu diesem reflektierten Umgang gelangt. Nicht nur beim MDR hat mich das zutiefst beeindruckt, sondern auch in der selbstkritischen und transparenten Auseinandersetzung der Krautreporter. Rico Grimm und Ben Hadamowsky haben Ihre interne Kommunikation während Corona offenbart und damit anderen Medien gezeigt, wie es gehen sollte.

Auch der Journalismus ist häufig auf seine eigenen vier Wände beschränkt und greift daher noch mehr als zuvor auf Soziale Medien wie Twitter zurück, um seine Beobachtungen zur Welt zu teilen. Mancher schießt dabei etwas über das Ziel hinaus, wie hier etwa Tobias Blanken vom Medienangebot DIE WELT:

Der neuste Trend unter Journalist:innen und Personen des öffentlichen Lebens heißt dabei Clubhouse. Eine App für iPhone-Nutzer:innen, die derzeit dem Ministerpräsidenten von Thüringen  Bodo Ramelow (Die LINKE)  zum Verhängnis wurde. Diese Form von Journalismus sehe ich äußerst kritisch. Nicht weil Ramelows Aussagen nicht kritikwürdig wären  denn das sind sie  sondern weil sie eine Blase aus Journalismus und Politik bildet, in der die Belange der Bevölkerung offensichtlich keine Rolle mehr spielen. Ich würde das journalistisch-politische Selbstmasturbation nennen, oder in Twitter-Sprech: Eine Bubble.

Mit wem sollten Journalist:innen reden?

Wir müssen mit Experten reden

Ob die Journalist:innen von Krautreporter und MDR sich die Forderung von Jeff Jarvis zu Herzen genommen haben? Jarvis ist ein US-amerikanischer Journalist, der im September vergangenen Jahres von journalist.de – eine Präsenz des Deutscher Journalisten-Verbands – zur Zukunft des Journalismus befragt wurde. Seine klare Botschaft: Hört auf die Experten. Zitat:

„Unser Job ist nicht die Bekämpfung von Desinformation, sondern der Aufbau und die Verbreitung von Expertenwissen. Die Heilung von Unwissenheit liegt in der Expertise. Ich habe mich damit befasst, wie Wissenschaftler und Ärzte sich an ein neues, offenes Informations-Öko-System anpassen. Sie machen das viel besser als wir es im Journalismus tun. Sie wollen einen schnellen und offenen Informationsaustausch und haben dafür Preprint-Server eingerichtet, um Studien schneller untereinander zu verbreiten und zugänglich zu machen. Und sie nutzen Social Media, um der Öffentlichkeit komplizierte Sachverhalte verständlich zu erklären. Sie haben sich an das neue Informations-Öko-System angepasst. Wir Journalisten konzentrieren uns lieber auf die unangenehmen Akteure, statt unseren Fokus darauf zu legen, welche Chancen uns das Internet bietet.“

Jeff Jarvis

Wir müssen mit Betroffenen reden

Im Jahr 2015 begleitete ich die Sommertagung des “Thüringer Landesprogramms für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit” (kurz: DenkBunt) journalistisch. Dabei war unter anderem der MDR-Journalist Axel Hemmerling (LINK zum Programm von damals). Hemmerling hat sich als Journalist mit seiner Arbeit zu Mafia-Strukturen in Mitteldeutschland einen Namen gemacht.

Während seines Vortrags ging Hemmerling auch auf die *GIDA-Bewegung ein. Was mich damals verärgerte, war die Aussage (Gedankenprotokoll): “Diese Bürger hätten ja zu uns kommen können, wenn Sie ein Problem mit der Lokalpolitik haben”. Ich nenne so etwas “Öl ins Feuer gießen“.

Richtig ist, wir sollten als Journalist:innen keine Menschen zu Wort kommen lassen, die anderen Menschenrechte vorenthalten wollen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass viele Menschen um ihr wirtschaftliches und persönliches Überleben kämpfen und daher oft einfach nicht die Kapazitäten haben, sich an Journalist:innen zu wenden. Diesen Menschen auch noch fehlendes Engagement vorzuwerfen verschleiert, dass wir ein Problem mit Journalismus an der Basis haben. Formate wie bspw. FUNK versuchen das aufzufangen, aber der politische Wille solche und ähnliche Projekte weiter zu fördern fehlt offenbar.

Hier unterstelle ich Politiker:innen eine tiefgreifende Angst davor, dass Menschen ernst genommen werden.

When keeping it "real" goes wrong

Experten-Roulette mit der Gesundheit während einer Pandemie

Christoph Lütge ist deutscher Ökonom und Philosoph, sowie unter anderem Mitglied im Bayerischen Ethikrat. Ethikexperte Lütge ist aber natürlich auch auf Twitter aktiv. Privat versteht sich:

Wollte die Leopoldina Weihnachten oder Menschenleben retten?

Lütge schreibt, dass die Kampagne von Zero Covid unethisch sei. Ähnlich äußerte er sich bereits in einem Interview der Deutschen Welle mit dem Arzt und „No Covid“-Befürworter Marc Hanefeld. Hier ein Ausschnitt mit einer Argumentation von Lütge:

Lütge behauptet hier, dass das Paper der Leopoldina vom 08. Dezember 2020 die Behauptung aufgestellt hätte, dass der Lockdown von Seiten der Leopoldina gefordert worden wäre, „um Weihnachten zu retten“. Eine derartige Formulierung findet sich weder auf Seiten der Leopoldina noch konnte ich diese in den Medien finden. Diese Forderung danach „Weihnachten zu retten“ stammt jedoch aus der Politik. Der Chef der Unionsfraktion im Bundestag, Ralph Brinkhaus, argumentierte so. Ähnlich äußerte sich auch der Ministerpräsident von Niedersachsen, Stephan Weil (SPD), der jedoch nicht das Wort „Rettung“ verwendete. Nachzulesen in der Berichterstattung der Tagesschau.

Lütge arbeitet hier also nicht mehr länger mit wissenschaftlichen Argumenten, sondern bedient sich politischer Meinungen. Anders lässt sich der Mangel an sachlicher Argumentation nicht erklären. Kritik an Zero Covid sollte selbstverständlich erlaubt sein, aber Unsachlichkeit vorwerfen und sachlich falsch zu argumentieren, ist unredlich. Man könnte sagen, diese Handlung ist ethisch fragwürdig. Insbesondere dann, wenn sie von Menschen in Machtpositionen ausgeübt wird. Das eigentliche Problem. Lütge ist nicht hinreichend informiert.

#ZeroCovid, aber 100% Verwirrung

Denn ein weiteres Problem, das derzeit grassiert, ist die Gleichsetzung der Kampagnen von #ZeroCovid und #NoCovid. Die Verwirrung ist allerdings aufgrund der Namensähnlichkeiten auch nachvollziehbar. Marc Hanefeld ist nach meinen Recherchen nicht Unterzeichner der #ZeroCovid-Kampagne, sondern hat einen separaten Brief von Mediziner:innen unterzeichnet, wie der Bayerische Rundfunk berichtet.

Hier müssen wir meiner Meinung nach aber auch die Argumentation von Jarvis verlassen und wirkliche Aufklärungsarbeit leisten. Das ist basal, aber ohne fundierten Journalismus kann keine Gesellschaft bestehen. Wie das geht zeigen etwa Formate wie das Katapultmagazin oder Kurzgesagt.

Improvise, adapt, overcome!

Selection bias, d.h. die Verzerrung in der Auswahl von journalistischen Quellen lässt sich nicht vermeiden. Auch nicht technisch. Sie zu verleugnen führt aber zur weiteren gesellschaftlichen Spaltung. Der Zement in den Fundamenten unserer Gesellschaft bröckelt bereits seit langem. Wenn Politik dem Journalismus keine weiteren finanziellen Mittel mehr zur Verfügung stellen will, dann wird der Effekt allerdings nicht eine bessere Berichterstattung sein, wie einige ostdeutsche Politiker behaupten.

Dieses Gebaren erinnert übrigens an einen ehemaligen US-Präsidenten, der dem Multilateralismus in den Vereinten Nationen und der WHO das Geld in großen Teilen versagt hat. So schafft man sich keine Gefügigkeit. Nur Spaltung. Im schlimmsten Fall platzt nicht nur die eigene Blase. Im schlimmsten Fall stürzt der Turm des “gesellschaftlichen Miteinanders” ein. Was das bedeutet, kann man übrigens in den Niederlanden gerade live beobachten.

Das Kartenhaus fällt schnell zusammen, wenn man nicht auf die Basis hört.

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