Schwere Vorwürfe einer Klimaaktivistin aus Halle (Saale) gegen RTL

Der Fernsehsender RTL kürzt Aussagen einer Klimaaktivistin aus Halle (Saale) im Gespräch mit Armin Laschet (CDU)

Am Sonntagabend, dem 19. September, tritt die Klimaaktivistin Arian Feigl-Berger aus Halle (Saale) in der RTL-Sendung „Am Tisch mit Armin Laschet – Zuschauer fragen – Der Kanzlerkandidat antwortet“ auf. Nach der Ausstrahlung äußert sie Vorwürfe gegen den Sender.

Arian Feigl-Berger ist Studentin aus Halle (Saale) und bereits in der Vergangenheit hier interviewt worden. Nun hatte sie die Gelegenheit, den Kanzlerkandidaten der CDU und Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen – Armin Laschet – beim Sender RTL Fragen zum Thema „Klimaschutz“ zu stellen. Das Gespräch kann man hier ab der sechsundzwanzigsten Minute sehen.

Die Klimaaktivistin wirft dem Sender nun vor: „Wenn RTL kritische Fragen von Bürger*innen haben möchte, und sie dann auch bekommt, werden sie weggeschnitten.“ Konkret geht es um zwei Stellen. In der einen habe Feigl-Berger auf die Seite Laschet-Fakten.de verwiesen, auf der jeder ihre Aussagen nachprüfen könne, so das Mitglied der Students For Future.  Zudem habe RTL eine Aussage herausgeschnitten, in der „sichtbar wird, dass Laschet den Anteil von erneuerbarem Strom in seinem Bundesland nicht kennt.“ Arian Feigl-Berger habe den Kanzlerkandidaten der CDU darauf verwiesen, dass dieser „bei lediglich 16% liegt, während der bundesweite Durchschnitt 40% beträgt.“ Ebenfalls soll eine Äußerung gekürzt worden sein, in dem sie auf die zunehmende soziale Ungleichheit in Deutschland eingeht. Sie erwähnt eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, die nahelegt, dass eine Umsetzung des Wahlprogramms der Union eine Vergrößerung der sozialen Ungleichheit in Deutschland bedeuten würde.**

Bei der Studie, das ergaben meine Recherchen, handelt es sich um eine Kurzexpertise des Zentrums. Es gibt darin zwei Ungleichheitsmaße. Das am häufigsten verwendete, ist der sogenannte Gini-Koeffizient, der in der Studie als Maß für die Ungleichverteilung von Einkommen verwendet wird. Zudem haben die Autoren auch die Armutsrisikoquote berechnet. Die Ergebnisse der Berechnungen des ZEW sind in der unteren Abbildung für die einzelnen Parteien nachzuvollziehen:

ZEW-Ungleichheitsstudie zu den Wahlprogrammen 2021.
Abbildung zu den Berechnungen des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zu den aktuellen Wahlprogrammen der Parteien. Die Union würde laut Berechnungen den Gini-Koeffizienten (Maß der Einkommensungleichheit) um 1,6% erhöhen. Die Armutsrisikoquote würde um 0,7% abnehmen. Quelle: ZEW Policy Brief No. 4, Juni 2021.
Auch bei der Redezeit gibt es auffälligkeiten

Ein von mir durchgeführter Vergleich der durchschnittlichen Redezeiten zeigt, dass zumindest themenübergreifend eine Ungleichbehandlung erfolgt ist. So hatte der Ministerpräsident und Kanzlerkandidat im Gespräch mit Arian Feigl-Berger eine Redezeit von circa 322 Sekunden (~75% Redeanteil). Die Aktivistin hatte eine Redezeit von 106 Sekunden (~25% Redeanteil). Das ist fast exakt ein Verhältnis von 3:1 zu Gunsten von Armin Laschet. Das mag aufgrund des Formats noch erklärbar sein, in dem die Antwort von Armin Laschet im Vordergrund stehen soll. Ein Vergleich mit den Redeanteilen von Intentsivkrankenpfleger Ricardo Lange und Armin Laschet zum Thema Pflegekräftemangel“ zeigt jedoch, dass hier eine thematische Ungleichbehandlung stattgefunden hat. Armin Laschet sprach 376 Sekunden (63,5% Redeanteil) und Ricardo Lange 216 Sekunden (36,5% Redeanteil).  Das entspricht ungefähr einem Anteil von 2:1 zu Gunsten von Laschet.***

Arian Feigl-Berger, Mitgründerin des Vereins HalleZero
Gegen gesellschaftlichen Fatalismus in der Klimakrise, (Arian-Feigl Berger, Mitgründerin des Vereins HalleZero)

Im Gespräch sagte mir Arian Feigl-Berger, dass sie bereits gestern mit der Redaktion von RTL dazu ein Gespräch geführt habe. Ihrer Kritik begegnete man laut ihrer Aussage damit, dass man sie mit den Kürzungen habe in Schutz nehmen wollen. Sinngemäß habe es am Telefon geheißen: „Wir müssen ja auch darauf achten, dass unsere Gäste gut dastehen.“  Für Feigl-Berger eine Bevormundung durch den Sender. Sie hätte sich im Vorfeld zumindest ein Gespräch dazu gewünscht. Bei Bedenken von Seiten der Redaktion hätte man ihr auch, so sagt sie beispielhaft, HateAid an die Seite stellen können, eine Organisation die Opfer von Hatespeech im Internet berät und schützt. Der Sender habe ihr aus dem gleichen Grund auch vom Gang an die Öffentlichkeit mit ihrer Kritik abgeraten. Entsprechende Nachrichten, so sagt Feigl-Berger, haben sie aber bereits am gestrigen Tag erreicht. Trotz der Kürzungen.

Auf eine Anfrage von Ostprog.de zu den Vorwürfen von Feigl-Berger hat RTL bisher nicht geantwortet. Ich habe Ricardo Lange angefragt, ob er die Aussagen von Frau Feigl-Berger bestätigen kann und warte auf eine Einschätzung, die ich hier veröffentlichen werde, sollte mich eine Antwort erreichen.

* Das Titelbild ist ein Screenshot aus der Sendung von RTL mit Arian Feigl-Berger und Armin Laschet.

** Transparenz: Ich kenne Frau Feigl-Berger persönlich aus einem lokalen Verein. Seit dem Ausbruch von Corona haben wir in diesem Zusammenhang keinerlei privaten Kontakt mehr verfolgt. Die Darstellungen von ihr habe ich – und werde ich weiterhin – nach bestem journalistischen Gewissen prüfen.

*** Korrektur vom 22. September: Ursprünglich habe ich die Verhältnisse hier mit 4:1 (Laschet und Feigl-Berger) und 3:1 (Laschet und Lange) angegeben. Danke für den Hinweis.

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3 Comments

OK · 22. September 2021 at 8:14

Danke für die Hintergründe. Die Redeverhältnisse stimmen so nicht: Es muss 3:1 (75:25) und 2:1 (36,5:63,5) heißen.

Klimastreik in Halle (Saale) - Ein Bericht - OSTPROG · 25. September 2021 at 17:23

[…] kritisierte insbesondere die zunehmende soziale Ungleichheit in Deutschland. Anschließend hielten Arian Feigl-Berger und Debora Heinrich für HalleZero eine gemeinsame Ansprache, in der sie für das Gesetzespaket der […]

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