Das Klimacamp Ost in Halle (Saale) am Tag nach den Angriffen.

Rechtsextreme bedrohen Klimacamp in Halle (Saale)

"Zigeunerlager"- und "Dreckspack"-Rufe - Sven Liebich ist auch dabei

In der Nacht von Samstag auf Sonntag bedrohten mehrere Rechtsextreme, inklusive des stadtbekannten Rechtsextremisten Sven Liebich, das Klimacamp Ost in Halle, wie die lokale Online-Nachrichtenseite „Du bist Halle“ berichtete. Um mir ein Bild von der Lage zu machen, sprach ich vor Ort mit Jonas Venediger von Fridays For Future Bitterfeld und einem Klimaaktivisten, der anonym bleiben möchte.

Das Klimacamp am zentral gelegenen Hallmarkt in Halle steht noch nicht einmal einen Tag, schon gibt es Anfeindungen von Rechtsextremisten. Bereits auf dem letzten Klimacamp in Halle kam es zu derartigen Vorfällen, wie Arian Feigl-Berger (HalleZero) in einem früheren Interview auf Ostprog.de bestätigte (siehe Video weiter unten).

Seit Samstag, dem 31. Juli, haben Klimaaktivist:innen dort ein Zeltlager errichtet, um für mehr Klimaschutz zu protestieren. Darunter befindet sich auch Jonas Venediger (18), Pressesprecher von Fridays For Future Bitterfeld. Jonas Venediger hat bereits in Gesprächen mit der taz, dem MDR und der ZEIT über Anfeindungen aus der rechten Szene gegenüber Klimaschützer:innen in Bitterfeld und dem Osten berichtet.

"Wollt ihr wirklich drei wochen bleiben?"

Am Samstag gegen 23 Uhr warfen vier Personen eine Taucherbrille auf Teilnehmer:innen des Camps. Warum ausgerechnet eine Taucherbrille, kann sich Venediger nicht erklären. Er bemerkt mit Galgenhumor: „Vermutlich haben wir bald noch einen Schnorchel.“ Die Personengruppe hatte das Camp zuvor aus der Ferne über längere Zeit beobachtet und flüchtete im Anschluss. Ein Versuch von Aktivist:innen die Angreifer zu verfolgen, scheiterte.

Kurz vor Mitternacht wurden die Angriffe fortgesetzt. Diesmal hatten sich Sven Liebich sowie sieben seiner Anhänger am Brunnen des Hallmarkts niedergelassen und pöbelten gegen die Campbewohner:innen. Einen lesenswerten Artikel über den stadtbekannten Rechtsextremisten Liebich, der seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird, gibt es beim MDRWährenddessen fuhren nach Aussagen auch wiederholt Autofahrer am Klimacamp vorbei und beschimpften Aktivist:innen als „Dreckspack“ und – wie Venediger mit sichtbarer Fassungslosigkeit feststellt  als „Nazis“.

Sven Liebich und Anhänger schrien in Richtung Camp: „Zigeunerlager.“ Diese Bezeichnung soll er zum Klimacamp im vergangenen Jahr ebenfalls gebraucht haben, so Jonas Venediger. Etwa bis 01:30 Uhr verblieben die Rechtsextremisten auf dem Hallmarkt, so ein anonymer Aktivist. Sven Liebich soll in dieser Zeit die Frage gestellt haben: „Wollt ihr wirklich drei Wochen bleiben?“ Kurz darauf soll Sven Liebich mit seiner Freundin in einem PKW verschwunden sein.

Jonas Venediger, Fridays For Future Bitterfeld.
Jonas Venediger – Fridays For Future Bitterfeld – setzt sich für Klimaschutz im Osten ein und kennt die Anfeindungen aus seiner Heimat Bitterfeld (Bild: Jonas Venediger).
Sie kamen bewusst nach halle (Saale)

Die Freundin von Sven Liebich, so beschreibt es Venediger und bestätigt auch die Berichterstattung des MDR sowie entsprechendes Videomaterial auf sozialen Medien, soll bei einer Querdenken-Demonstration im vergangenen Jahr in Leipzig einen Journalisten körperlich angegriffen haben. Danach wurde sie von ihrem Dienst als Erzieherin in einer Kindertagesstätte in Halle freigestellt. Erst heute gab es bei einer nicht genehmigten Demonstration von Querdenken in Berlin einen gewaltsamen Angriff gegen den Geschäftsführer der Deutschen Journalisten- und Journalistinnenunion in Verdi, Jörg Reichel, der anschließend in ein Krankenhaus gebracht werden musste, wie der Tagesspiegel berichtet.

Nachdem Sven Liebich verschwand, zogen sich auch seine übrigen Anhänger zurück. Laut Teilnehmerangaben gingen von der Gruppe insgesamt sieben drei Personen in das gegenüberliegende Hotel und beobachteten das Camp dort von einem erhöhten Standpunkt aus. Laut einem anonymen Mitarbeiter ist es zu dieser späten Uhrzeit nur Hotelgästen möglich, dass Hotel zu betreten. Ein Teilnehmer bestätigte mir gegenüber, dass ein Sicherheitsmann am Eingang des Hotels gesehen wurde. Dementsprechend kann davon ausgegangen werden, dass ein Teil der Anhänger von Liebich extra von außerhalb nach Halle für die Aktion angereist sind.*

Ich berichte weiter.

* Anmerkung: Zuvor war hier die Rede davon, dass alle Anhänger von Liebich in das Hotel gegangen seien. Jonas Venediger wies mich darauf hin, dass es aber lediglich drei Personen waren. Demnach sind höchstwahrscheinlich nicht alle seiner Anhänger von außerhalb angereist.

Arian Feigl-Berger (HalleZero) berichtete hier bereits von den Drohungen aus dem vergangenen Jahr gegen das Klimacamp Ost in Halle (Saale).

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3 Comments

Klimademo in Halle (Saale) | OSTPROG - Progressiv as F*ck · 6. August 2021 at 21:59

[…] damit nach zwei Stunden gegen 17:30 Uhr für beendet. In der Rede sagte er, dass man sich von rechtsextremistischen Anfeindungen nicht einschüchtern lassen werde und weiterhin auf dem Hallmarkt das Klimacamp betreiben […]

Klimacamp Ost – Demonstration gegen rechte Gewalt | OSTPROG · 17. August 2021 at 1:08

[…] mehreren rechtsextremistischen Vorfällen in den vergangenen Wochen und Tagen (Ostprog und DuBistHalle berichteten lokal darüber), riefen die Organisator:innen des Klimacamp Ost auf dem […]

Transparenzkalender 2021 - OSTPROG · 22. Dezember 2021 at 18:49

[…] journalistische Begleitung des Klimacamps in Halle […]

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