Querdenken „mit einer schöneren Oberfläche“?

Neue Einblicke in die querdenkernahe Initiative Familien

Das Engagement von Kristina Schröder für den umstrittenen Verein „Initiative Familien“ reicht lange zurück. Neue Dokumente und eigene Netzwerkrecherchen belegen: Der Kontakt zwischen der ehemaligen Familienministerin und INSM-Botschafterin mit dem Verein besteht weiterhin. Trotz klarer Belege über die Vernetzung mit Querdenkern. Außerdem: Interne Einblicke in die Initiative.

Der 13. November. Die Initiative Familien veröffentlicht einen offenen Brief an die bayerische Landesregierung. Gefordert wird die Abschaffung der 2G-Regel für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren im Freistaat. Begründet wird dies mit einer Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) aus dem August. Bereits wenige Tage zuvor, verdichteten sich die Hinweise auf eine Triage-Situation in Teilen Bayerns. Ein Experte warnte in der Süddeutschen Zeitung zu diesem Zeitpunkt vor einer massiven Überlastung der Intensivstationen.

Die Belege dafür, dass die Initiative gegenüber Querdenkerpositionen offen ist und in der Vergangenheit bereits mit solchen direkt Kooperiert hat, sind eindeutig. Zwei der vier Vorstandsmitglieder sind auf Twitter mit Mitgliedern der Querdenkerbewegung vernetzt. Stephanie Schläfer und Zarah Abendschön-Sawall folgen solchen Accounts nicht nur, sie haben mit diesen über Monate – eventuell sogar länger – offen interagiert, obwohl sich diese klar als Mitglieder der Heiner ULTRAS zu erkennen gaben.

Zum prominenten Unterstützerkreis derjenigen, die den letzten Brief des Vereins mitzeichneten, gehören der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Johannes Hübner und Johannes G. Liese von der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sowie STIKO-Mitglied Rüdiger von Kries. Ob man aufgrund der Erkenntnisse die Unterstützung zurückziehen würde, beantworteten BVKJ, DGPI sowie Jonas Schmidt-Chanasit auf Anfragen in den vergangenen Wochen bislang nicht.

Eine der Unterzeichnerinnen ist auch die ehemalige CDU-Familienministerin Kristina Schröder. Sie hat die Initiative Familien zu Beginn der Gründung im vergangenen Jahr beraten und teilt regelmäßig Inhalte des Vereins auf Twitter. Schröder ist Botschafterin der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und auf Twitter stark mit einzelnen Mitgliedern der Initiative Familien und deren sogenannter Kindertruppe vernetzt.

Wenige Tage vor ihrer Unterschrift verharmloste sie die Lage an deutschen Schulen erneut. Sie schrieb: „Von „dramatischen Lagen“ an #Schulen ist mir wenig bekannt. Was stimmt, ist, dass lnzidenzen unter Schülern teilweise höher sind. Was bei einer Vollerhebung unter Schülern im Vergleich zu selektiven Tests vor allem von symptomatischen und ungeimpften Erwachsenen auch zu erwarten ist.“

Kristina Schröder: Verharmlosung, Desinformation und Beratung

Verharmlosung und Desinformation

Das ist eine irreführende Darstellung der Situation. Kinder Jugendliche gehörten bereits zu dieser Zeit zur Gruppe mit den höchsten lnzidenzen. Korrekt ist, dass wir die lnzidenzen in dieser Altersgruppe mit hoher Sicherheit besser kennen, als diejenige von Erwachsenen. Schröder vernachlässigt aber, dass Kinder genauso infektiös sind, wie Erwachsene. Auch wenn Kinder relativ gesehen seltener versterben, verharmlost der Tweet Long Covid. Eine einfache Suche auf Google reicht aus, um sich davon ein Bild zu machen.

Aus epidemiologischer Sicht ist dieser Verkürzung von Schulen auf Kinder und Jugendliche mehr als bedenklich, denn es geht letztlich um die Unterbrechung von Infektionsketten. Wer versteht, dass Long Covid ein reales medizinisches Phänomen ist und das Infektionsketten über die unteren Altersgruppen hinausreichen, müsste verstehen, warum diese drastischen lnzidenzen an deutschen Schulen besorgniserregend sind. In diesem Zusammenhang ist es schlicht unlogisch so zu argumentieren. Es ist Desinformation, die umso tragischer ist, weil sie von einem ehemaligen Regierungsmitglied kommt.

Dass Kristina Schröder das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts über Schulschließungen in ihrer Kolumne bei der WELT nicht respektiert, sei als Randnotiz erwähnt. Ebenso, dass sie Falschinformationen der Initiative Familien verbreitet, die mehrfach auf Twitter als solche entlarvt wurden. Auch von mir.

Weitere Randnotiz: Vor wenigen Tagen ließ die WELT Heike Riedmann (Vorstandsmitglied der Initiative Familien) in einem Gastbeitrag zu Wort kommen. Der Beitrag ist trotz meiner Hinweise weiterhin auf der Seite der WELT abrufbar. Auf eine Anfrage in der vergangenen Woche reagierte die Redaktion bislang nicht.

Dazu passt auch, dass Schröder regelmäßig Inhalte des Nutzers Zacki (@FrankfurtZack) auf Twitter teilt und mit diesem interagiert. Zacki gilt auf Twitter als Verbreiter von Desinformationen zu Corona. Er ist direkt mit Henning Rosenbusch verbunden, der neben Boris Reitschuster als journalistischer Arm von Querdenken gilt.

Im Juni 2020 berät Kristina Schröder den Vorläufer der Initiative Familien. Neue Informationen zeigen: Informell gab es weiteren Kontakt. Quelle: https://www.initiativefamilien.de/.
Im Juni 2020 berät Kristina Schröder den Vorläufer der Initiative Familien. Neue Informationen zeigen: Informell gab es weiteren Kontakt. Quelle: https://www.initiativefamilien.de/.
Beratung

Ein Dokument von einer anonymen Quelle belegt, dass Kristina Schröder im vergangenen Jahr im regelmäßigen informellen Austausch mit der Initiative Familien stand. Aus dem Dokument – ein Entwurf für einen Förderungsantrag durch JoinPolitics – geht ebenfalls hervor, dass die Initiative mit Rapidtest kooperiert hat, zur „Entwicklung eine Lösungskonzeptes für Schnelltests in Bildungsreinrichtungen“.

Randnotiz: Franziska Briest von Rapidtest reagierte auf meine Netzwerkanalyse mit Unverständnis und sah sich in die Nähe von Querdenken gerückt, obwohl ich sowohl in meiner Analyse als auch auf Twitter erklärte, dass eine Verbindung zum Netzwerk nicht eine automatische Zuordnung bedeutet. Ähnlich wie Briest äußerte sich Kai Schulze vom Robert Koch-Institut.

Das Kristina Schröder mindestens auf Twitter weiter in Kontakt mit Mitgliedern der Initiative befindet – darunter Vorstandsmitglied Zarah Abendschön-Sawall –, steht außer Frage. Anfragen dazu, ob ein weiterer informeller Kontakt zur Initiative besteht, blieben bislang unbeantwortet. Die Initiative selbst, wollte sich dazu ebenfalls nicht weiter äußern.

Ein weiterer Einblick in die Initiative Familien

Bezüglich der Initiative erhielt ich folgenden Kommentar des Informanten, von dem auch das interne Dokument stammt:

"Zu Anfang hat man sich noch für echten Kinderschutz eingesetzt und auch langsame Lockerungen gefordert (...), aber dann hat man sich in Richtung Querdenker entwickelt bzw. Positionen kopiert.

Plötzlich sollten Schulen unbedingt offen gehalten werden. Bezeichnend ist hier diese Petition der bayerischen Landesgruppe, deren Zugang zu Ministerien bereits bei Dir Thema war (...).

Kinderschutz ist hier nicht wirklich gegeben. Auch der offene Brief an den bayerischen Kultusminister ist hierzu sehr interessant. Hier wird mit emotionaler Erpressung gearbeitet.

Intern wird IF streng hierarchisch geführt. Andere Meinungen als vom Vorstand sind nicht erlaubt."

Anonym

Für letzteres spricht auch ein weiteres internes Dokument des Vereins, das von ehemaligen namhaften Unterstützerinnen unterzeichnet wurde. Darin heißt es: „Konflikte der zukünftigen Vorstandsmitglieder werden offen ausgetragen. (…) Die grundsätzliche Stimmung ist angespannt (…), es wird Stimmung gegen einzelne Aktive oder BuLä [gemeint sind Bundesländer, Anmerkung GH] gemacht. All dies sind keine guten Vorzeichen für einen erfolgreichen Verein.

Kommentar des anonymen Informanten: Die Initiative Familien sei wie Querdenken, „nur mit einer schöneren Oberfläche.

Schweigen oder Handeln?

Die Liste an Unterstützer:innen des Vereins sind lang. Neben den bereits genannten Fachverbänden und Personen befinden sich darunter auch die Landtagsfraktion der bayerischen FDP, Anne Franke und Johannes Becher (MdL, Bündnis90 / Die Grünen) sowie Dieter Janecek (MdB, Die Grünen). Nicht jede unterzeichnende Person kann von den Belegen über die Kooperation und Interaktion mit Querdenkern informiert sein. Auch wenn einige Akteure aus der Bubble – darunter Franziska Briest – das gerne unterstellen, bin ich der Überzeugung, dass man sich erst in der Verantwortung befindet, wenn man gegen besseres Wissen handelt.

Die bayerische FDP, Dieter Janecek, Kristina Schröder, den BVKJ und die DGPI habe ich über die klaren Belege informiert. Wenn diese sich nicht distanzieren, dann sind sie in der Verantwortung. Zumal der Verein sich bislang nicht von den beiden Vorstandsmitgliedern getrennt hat und auf Twitter weiterhin Desinformation betreibt.

Schweigen oder Handeln? Zur Freiheit gehört eben auch die Entscheidung. Mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen muss man dann aber auch leben.

* Titelbild mit Foto von Kristina Schröder: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons). Bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de.

Teile die Vision:

Dir gefällt was du liest? Dann unterstütze mich auf Patreon:

6 Comments

Bewegung Halle: Die „GrundRechten" - OSTPROG · 16. Dezember 2021 at 13:07

[…] anfällig darin zu sein, Verständnis für Positionen ähnlicher Gruppe zu zeigen. Siehe etwa die fortlaufende Unterstützung der Initiative Familien durch die FDP Landtagsfraktion Bayern. Wolfgang Kubicki (MdB, FDP) hatte […]

FDP Bayern bietet Plattform für querdenkernahe Initiative - OSTPROG · 11. Januar 2022 at 23:11

[…] auf eine Nähe zu Querdenken hinwiesen. Im Dezember schrieb mir eine glaubwürdige Quelle, die mir interne Dokumente zukommen ließ, dass die Initiative „sich in Richtung Querdenker entwickelt, bzw. Positionen […]

Nah am Querdenken? - OSTPROG · 13. Januar 2022 at 6:41

[…] 7. Dezember ließ mir ein anonymes ehemaliges Mitglied der Initiative Familien interne Dokumente zukommen und sagte hinsichtlich der Initiative: „Zu Anfang hat man sich noch für echten […]

Initiative Familien trifft Goldener Aluhut - OSTPROG · 8. März 2022 at 21:40

[…] Dezember erhielt ich interne Dokumente von einem ehemaligen Mitglied der Initiative. Diese belegten unter anderem, dass die ehemalige […]

#UnmaskNicoleReese? - OSTPROG · 1. April 2022 at 9:57

[…] der Initiative Familien (damals noch mit Frau Flüchter) gab es eine enge Kooperation, wie interne Dokumente einer Aussteigerin belegen. Zudem ist darin die Rede von regelmäßigen informellen Treffen zwischen Schröder und der […]

Initiative Familien: Von allen guten Medien verlassen? - OSTPROG · 28. Mai 2022 at 19:35

[…] ihres Besitzes interner Dokumente eindeutig als ehemaliges Mitglied zu identifizieren war und mir gegenüber erklärte, dass die Initiative zunehmend Positionen von Querdenken kopiert […]

Schreiben Sie einen Kommentar

Avatar placeholder

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ampel mit dem Schriftzug "Should I stay or should I go?" In der gelben Ampel ist das Logo der Initiative Familien sichtbar.

Initiative Familien – Mit Meinung gegen den Expertenrat

Der zu Querdenken offene Verein Initiative Familien veröffentlicht ein Positionspapier. Darin wirft man dem Expertenrat unter anderem vor, in einem „Netz von interessengeleiteten Fehlentwicklungen gefangen zu sein“. Über ein Positionspapier ohne Belege und mit nachweislichen Desinformationen, das auf eines hindeutet: Die Initiative Familien scheint mittlerweile in einem Netz von radikallibertär anmutenden Coronamythen gefangen zu sein, das sie selbst mitgesponnen hat. Ein Kommentar.

Fortschreiten »
Foto von Bettina Stark-Watzinger von Bundesregierung/Guido Bergmann. Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung. Weitere Abbildungen via Pixabay.com. Bearbeitung/Montage: Gunnar Hamann, Ostprog.de.

Masken und Spracherwerb: Auf der Suche nach der Evidenz

Bundesbildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) gab am 25. Juni ein Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Studien – so Stark-Watzinger – besagten, dass Masken einen negativen Effekt auf den Spracherwerb von Grundschulkindern hätten. Viel wichtiger jedoch, was die Ministerin dabei nicht erwähnt. Eine Einordnung mit Kommentar.

Fortschreiten »
Ulrike Guérot, Martin Sprenger and Andre Kerbl. Standbilder aus dem Film "Eine andere Zukunft" (Schutzfilm). Bearbeitung / Montage: Gunnar Hamann, Ostprog.de.

Filmkritik: „Eine andere Zukunft“

Der Dokumentarfilm „Eine andere Zukunft“ versucht sich an einer alternativen Erzählweise der Coronapandemie. Dass die Filmemacher:innen dafür auch nicht vor der Instrumentalisierung von Kindern und Jugendlichen zurückschrecken, ist an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten. Eine Filmkritik.

Fortschreiten »