Presserat duldet Intransparenz?

Über ein möglicherweise systemisches Problem im deutschen Journalismus

Ein Beitrag in der WELT verletzt aus meiner Sicht die journalistische Sorgfaltspflicht (Ziffer 2, Pressekodex). Der Presserat befindet nun nach Prüfung: Kann man machen. Ein Kommentar dazu, wieso es sich der Presserat hier in der gelebten falschen Ausgewogenheit zu bequem macht und weshalb das eine Gefahr für die Aufklärungsfunktion von Journalismus bedeutet.

Zur sogenannten „false balance“ (falsche Ausgewogenheit) habe ich bereits in verschiedenen Kontexten geschrieben. Auch der Deutsche Presserat war bereits Thema. Heute geht es um eine Verschmelzung beider Themen und natürlich darf auch die Initiative Familien dabei nicht fehlen, die aber diesmal nicht für den Fauxpas verantwortlich ist.

Am 11. Januar 2021 erschien in der WELT ein Artikel mit dem Titel: „Das Chaos um die Frage, wer noch in die Kita darf.“ Zu Wort kommt darin auch Heike Riedmann von der Initiative Familien. Zu diesem Zeitpunkt hieß die Initiative noch Familien in der Krise.

Gerahmt ist der Beitrag durch die persönliche Schilderung einer Mutter. Sina Denecke. Vorgestellt wird sie als „Mutter zweier Söhne“. Das Problem daran: Frau Denecke ist nicht einfach nur Mutter, sondern bereits zum damaligen Zeitpunkt Mitglied der Initiative Familien.

Sie war nicht einfaches Mitglied der Facebookgruppe, sondern fungierte bereits damals als Sprecherin des Ablegers der Initiative aus Niedersachsen, wofür sie sogar als „Niedersächsin der Woche“ vom Politikjournal Rundblick gekürt wurde. Ein Hinweis auf diesen Zusammenhang sucht man im Artikel jedoch vergebens.

Presserat: „Offenbar hatte sie dort keine besondere Funktion

Am 16. November 2021 bestätigte mir der Presserat den Eingang meiner Beschwerde zum fraglichen Artikel. Ich bezog mich bei der Beschwerde auf Ziffer 2 des Pressekodex: Sorgfalt. Mitte Januar erhielt ich die Antwort des Pressrats, die hier vollständig gelesen werden kann. Der wichtigste Abschnitt:

„Im Rahmen der Prüfung gelangten wir zu dem Schluss, dass eine Verletzung presseethischer Grundsätze - und hier speziell der in Ziffer 2 Pressekodex definierten journalistischen Sorgfaltspflicht - nicht vorliegt. Im konkreten Fall war es nicht zwingend geboten, zu erwähnen, dass die Frau Mitglied in einer Elterninitiative ist. Offenbar hatte sie dort keine besondere Funktion - wie die im Artikel auch erwähnte Heike Friedmann als Mitbegründerin einer Initiative - sondern ist bzw. war einfaches Mitglied. In einem solchen Fall ist es presseethisch nicht zu beanstanden, wenn dies in dem Artikel nicht mitgeteilt wird.

Insgesamt konnten wir eine Verletzung der publizistischen Grundsätze daher nicht feststellen.“

Deutscher Presserat

Abschließend bedankte man sich dennoch für die Beschwerde, denn diese habe „zu einer kritischen Überprüfung der Berichterstattung Anlass gegeben“. Hat sie das?

Pressefreiheit versus Narrenfreiheit: Ein Gedankenexperiment

Die Antwort auf diese Frage sollte klar zu beantworten sein. Aber ganz unabhängig von der Frage, ob es sich bei Frau Denecke um ein „einfaches Mitglied“ gehandelt haben sollte, was klar verneint werden muss, ergibt sich die Frage: Was wäre der Unterschied? Machen wir ein Gedankenexperiment.

Stellen wir uns hypothetisch einen Axel Maier vor. Axel Maier ist freier Journalist und Gründer der fiktiven Initiative Presserat Reformieren. Die Initiative ist nicht als Verein eingetragen. Sagen wir, der ebenfalls fiktive Sender StirnTV führt mit Maier ein Gespräch, über eine notwendige Reform des Presserats. Im TV-Beitrag kommen verschiedene Perspektiven vor. Darunter auch eine Journalistin mit dem Namen Selma Leverin. Leverin berichtet darüber, wie der Presserat ihr Leben als Journalistin zerstört hat.

Eine einfache Suche über die fiktive Webseite Joogle hätte dem verantwortlichen Redakteur von StirnTV zeigen können, dass Leverin Mitglied der Initiative ist. Das heißt, wenn der Kontakt nicht sogar über Axel Maier entstanden ist. Ein Interessenkonflikt könnte also vorliegen. Selma Leverin kann nicht mehr mit Fug und Recht in ihrer Rolle als Journalistin sprechen. Insofern wäre es mindestens berechtigt, diese Verbindung transparent zu machen. Unabhängig davon, ob Leverin einfaches Mitglied ist, oder Vorsitzende in der AG Transparenz von Presserat Reformieren.

Es handelt sich um eine Verschleierung der Vermischung verschiedener Rollen. Unabhängig davon, ob es bewusst oder unbewusst geschehen ist. Beides ist eine Verletzung journalistischer Sorgfaltspflicht. Dass der Presserat der Sache nicht mit der notwendigen Sorgfalt nachgegangen ist, dafür müsste man eine neue Ziffer erfinden.

Sorgenfalten statt Sorgfalt

Nicht nur wurde hier die journalistische Sorgfaltspflicht verletzt: Der Presserat hat die Beschwerde wohl selbst nicht mit der notwendigen Sorgfalt geprüft.

Eine Überprüfung der Hintergründe zu Frau Denecke, wäre über jede Suchmaschine in Sekundenschnelle erledigt gewesen. Davon unabhängig, steht für mich in Frage, ob die presseethischen Ansprüche des Presserats nicht auf den Prüfstand gehören. Mit einer solchen Begründung, ließe sich eine falsche Ausgewogenheit und Intransparenz in der Berichterstattung jedenfalls einfach begründen. Ein erstaunlich geringer Anspruch.

Noch irrwitziger: Eine erneute Prüfung des Falls dürfte wohl nicht möglich sein. Die Antwort des Presserats erreichte mich nach dem 11. Januar 2022. Der Presserat prüft Beschwerden nur, wenn diese sich auf eine Berichterstattung bezieht, die nicht älter als ein Jahr alt ist.

Presserat reformieren

Ein Presserat, der nicht mehr in der Lage ist, Fälle ausreichend zu prüfen und solche ultimativ bedenklichen Ansichten zur Presseethik pflegt, der bedarf vor allem einer dringenden Reform. Wenn Intransparenz im Journalismus nicht mehr als Verstoß geahndet wird, dann muss man sich Sorgen machen.

Ich habe zwar keine Initiative mit dem Namen Presserat Reformieren gegründet, aber wenn ich es tun würde, wäre ich jederzeit bereit für ein Gespräch. Aber nur wenn dieser Zusammenhang auch klar benannt werden sollte. Wer keinen Anspruch mehr an sich selbst hat, muss sich auch nicht wundern, wenn die Presselandschaft irgendwann keinen Anspruch mehr an sich selbst zu stellen wagt.

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