Die Politisierung des „Stoffs“

„Reconquista Querdenken“

Corona, statt Cannabis? Mancher Clickbait muss sein. Insbesondere, wenn er vielleicht zumindest noch Anhänger bestimmter Parteien erreichen kann, die teilweise in der Vergangenheit vergleichsweise wenig Interesse an der Frage gezeigt haben, wie Gesundheitsschutz und individuelle Freiheit wirklich auf wissenschaftlichen Grundlagen gemeinsam gedacht werden können. Die sich stattdessen politisch auf einen Freedom Day beriefen, der von der Querdenken-Bewegung zum damaligen Zeitpunkt wohlwollend aufgenommen wurde.** Es ist an der Zeit „Querdenken“ wieder zu dem zu machen, wofür es einst stand. Ein Kommentar über den wahren „Maskenirrsinn“.

Foto einer Hanfpflanze via Pixabay.com.

Seit Pandemiebeginn tobt in Deutschland ein politischer Kulturkampf um den Mund-Nasen-Schutz. Anfangs war die Studienlage noch uneindeutig. Längst ist jedoch klar, dass diese wirken. Sie versprechen keinen 100%igen Schutz, aber was tut das schon?

Doch was von dieser grundlegenden Erkenntnis bleibt im Diskurs noch übrig, wenn etwa weiterhin von Expert:innen öffentlich darüber gestritten wird, ob etwa FFP2 oder medizinische Masken für Laien besser seien? Mancher Experte stellt gar in Frage, dass Masken in Bussen und Bahnen einen Betrag leisten könnten, als Infektionsschutzmaßnahme.*** Häufig beruhen solche Argumentationen bislang nur auf anekdotischer Evidenz, anstatt die Frage – wie es eigentlich üblich ist – im stillen Kämmerlein der Wissenschaft zu klären.

Selbstverständlich hat die Bewegung von Querdenken an der öffentlichen Skepsis auch einen nicht unwesentlichen Anteil. Teils gefüttert mit Desinformationen aus russischer Urheberschaft. Mal mehr, mal weniger offensichtlich. Auch diese sich selbst verstärkende Verbreitung von Falsch- und Fehlinformationen hat dazu beigetragen, dass das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit eine große Seltenheit geworden ist.

Wer ist gerade wirklich Dr. Strange, wenn jetzt in vollen Veranstaltungssälen kaum noch Maske getragen wird, obwohl Überlastungserscheinungen in der Medizin medial bereits überdeutlich sichtbar gemacht werden?

Kinder sterben?

Dabei ist die Lage an deutschen Kinderkliniken so prekär, wie lange nicht. „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, sagte Michael Sasse auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. Sasse ist leitender Oberarzt der Kinderintensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Später stellte sich zwar heraus das aktuell am betreffenden Universitätsklinikum keine Kinder aufgrund der Situation sterben und der Höhepunkt der RSV-Welle mittlerweile erreicht sei, aber es bleibt eine Frage: Wie konnten wir es als Gesellschaft erst dazu kommen lassen? Auch unter Überbelastungen leidet die Qualität medizinischer Arbeitsprozesse und letztlich: die Patient:innen.

Eine Frage, die niemanden kalt lässt. Aber gerade deshalb auch eine Frage, die für ordentlich Tumult in der Diskussion sorgt und für einige so unangenehm zu sein scheint, dass sie – wenn sie denn eine Antwort formulieren – in alte Denkmuster zurückfallen. Es liegt nicht an einer „Immunitätsschuld“, dass Säuglinge, die nie Maske tragen mussten, in Kliniken eingeliefert werden. Es liegt auch nicht allein an der FDP, dem zurückhaltenden Agieren der weiteren Ampelparteien, Querdenken oder den argumentativ teils sehr schrägen Debatten in den Medien. Zumindest nicht ausschließlich.

Grund ist eine seit dem Regierungswechsel immer deutlicher zu beobachtende gesellschaftliche Ignoranz. Die Mehrheit scheint „high“ von der versprochenen Freiheit. Können wir diese aber auch wirklich genießen? Wenn um uns herum viele Familien in der Vorweihnachtszeit erkranken und Routinen zusammenbrechen, die wiederum auch psychologisch einen negativen Effekt auf Dynamiken in Familien und Gesellschaft haben können? Unter anderem darauf weist jedenfalls wohl auch der Professor für klinische Kinder- und Jugendpsychologie Julian Schmitz von der Universität Leipzig hin:

Es ist auch nicht allein die Ignoranz gegenüber dem wissenschaftlich nachgewiesenen Schutzeffekt von Masken, die uns hierhergebracht hat. Seit Jahrzehnten wird vor einem Abbau von Betten an den Kinderkliniken gewarnt. Kurz vor der Pandemie erschien ein Artikel im deutschen Ärzteblatt, der vor einer weiter zunehmenden Ökonomisierung in der Pädiatrie warnte. Auch für die Qualität der intensivmedizinischen Versorgung Erwachsener sieht es seit vielen Jahren sehr düster aus.

Die Sparpolitik in der medizinischen Landschaft ist ein strukturelles Problem, das von weiten Teilen der Gesellschaft öffentlich nur unzureichend in einer angemessenen Form kritisiert wird. Das muss man attestieren, denn andernfalls wäre die Lage nicht so prekär, wie sie ist. Das heißt: nicht ausschließlich.

Denn natürlich hätte ein besserer Ansatz zur öffentlichen Gesundheit als das nun offensichtlich als unzureichend zu bezeichnende Infektionsschutzgesetz der Ampel mit Sicherheit zu einer Entlastung beigetragen. Auch das gehört zur Wahrheit dazu. Die große Gefahr besteht darin, sich zwischen diesen beiden Ursachen aufreiben zu lassen. Das sollten wir als Gesellschaft vermeiden, denn beides kann und sollte diskutiert werden.

Dass nun insbesondere die Fachgesellschaften der Pädiatrie die Maßnahmen des Gesundheitsministers kritisieren, ist legitim. Etwa darüber, dass es keine gute Idee sei, fachfremdes Personal aus anderen Kliniken einzusetzen. Eine Meinung, die auch der Intensivpfleger Ricardo Lange teilt.

Auch das die pädiatrischen Verbände ihrem Unmut angesichts der jahrelangen Ignoranz Luft machen, ist nachvollziehbar und richtig. Erstaunlich jedoch, dass sich nach meinem Wissen bislang nur der Präsident der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP)Philippe Stock – durchringen konnte, laut über eine Maskenpflicht nachzudenken.

Reconquista „Querdenken“

Ein Teilnehmer einer Querdenkendemonstration positioniert sich gegen das Infektionsschutzgesetz. Foto: Michael Hofmann / Pixabay.com.

Ich habe mich damit abgefunden. Aus der Politik heraus und auch von den meisten pädiatrischen Gesellschaften wird keine Wiederbelebung der Debatte um den Mund- und Nasenschutz zu erwarten sein. Zu eingetreten scheinen die Pfade, auf die man sich jeweils auf Grundlage der eigenen Gewissheiten begeben hat.

Es gibt aber eine Hoffnung. Die ruht jedoch auf unseren Schultern, respektive im eigenen Gesicht, an dessen Nase wir uns packen müssen. Der Begriff „Eigenverantwortung“ wurde leider in der Vergangenheit politisch zu sehr ausgeschlachtet und umgedeutet. Doch dieser gehört uns. Eigenverantwortung heißt auch für seine Gesellschaft tätig zu werden und nicht allein bei der bloßen individuellen Freiheit stehen zu bleiben. Wer jede Form von kollektiver Freiheit als Ausdruck eines Verlangens nach Kommunismus deutet oder parallel dazu jede Betonung individueller Freiheitsrechte als Libertarismus, verkennt die janusköpfige Bedeutung beider Freiheiten in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Solche alten Denkmuster neu aufzurollen, ist eine große Aufgabe. Sie ist jedoch nicht unlösbar, es sei denn wir geben auf. Es gibt sie noch. Menschen, die in der Öffentlichkeit für andere eine Maske tragen. Das sollten wir anerkennen, statt auf diese hinabzuschauen. Wahre Eigenverantwortung erfordert Mut.

Wer bei diesem Appell schon einknickt, weil eben nur noch auf „die da oben“ geschielt wird, hat sich von der Umdeutung dieses Begriffs selbst vielleicht ein Stück weit „high“ machen lassen und wird dem nun Folgenden vermutlich überhaupt nichts abgewinnen können, aber: In ähnlicher Weise sollten wir mit dem Begriff „Querdenken“ verfahren.

Auch ich habe irgendwann in diesem Begriff kaum noch die alte Lesart entdeckt. Kein Wunder, wenn dieser von einem Personenkreis reklamiert wurde, der sich von Wissenschaft und Fakten entfernt hat. Doch etwas verändert sich gerade. Die Bewegung zerfällt derzeit zusehends. Dies kann man sagen, ohne zugleich das weiter bestehende Gefahrenpotential, insbesondere in kleineren Ortschaften Sachsens, zu negieren. Auf diese weiterhin bestehende Gefährdungslage wies auch Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen auf einer Podiumsdiskussion des Zentrum Liberale Moderne hin. Der allgemeine Rückgang bleibt jedoch vorläufig ein zu den vorherigen Jahren positiver und gegenläufiger Trend.

Aus der Politik ist gerade deshalb mit wenig Unterstützung zu rechnen, weil man die Bewegung nicht wieder stärken mag. Gerade deshalb muss der Wandel aus der Gesellschaft heraus entstehen. Sind nicht eigentlich im ursprünglichsten Sinne des Wortes diejenigen Querdenker, die sich entgegen der breiten gesellschaftlichen Ignoranz dafür entscheiden, ins Handeln zu kommen? Die echte Eigenverantwortung leben?

Wir müssen selbst Vorbild werden und bleiben. Wenn mich jemand fragen sollte, warum ich noch eine Maske im Supermarkt trage, antworte ich jedenfalls demnächst: „Weil ich Querdenker bin.“ Auch wenn man mir dabei die unterschwellige Ironie trotz Maske zunächst deutlich anerkennen wird.

* Titelbild: Foto einer Hanfpflanze via Pixabay.com.

** Nachtrag vom 5. Dezember 2022: Zuvor war die Rede davon, dass der Begriff „Freedom Day“ für das Ende von Infektionsschutzmaßnahmen aus der Querdenken-Szene stammt. Dafür gibt es Beobachtungen, allerdings möchte ich an dieser Stelle nicht den Eindruck erwecken, dass dieser aus der Partei vereinzelt bewusst im Hinblick darauf so gewählt wurde. Hier sind auch andere Erklärungen denkbar.

*** Nachtrag von 5.Dezember 2022: Zuvor war möglicherweise missverständlich die Rede davon, dass der Experte die Wirkung von Masken im ÖPNV bezweifele. Zur Sicherheit: Eindeutiger ist, dass die Wirksamkeit von Masken zur Reduktion von Infektionen als Maßnahme in Bussen und Bahnen öffentlich angezweifelt wurde.

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Abbildung: Chinesische Flagge. Via Pixabay.com.

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