Hirn- und Herztod des deutschen Journalismus?

Denn Sie wissen nicht, was wirklich wichtig ist

Ich bin in dem Glauben groß geworden, dass Journalismus an der Wahrheit interessiert ist. Dass Journalisten die Aufgabe hätten, die Gesellschaft über Probleme aufzuklären und Agenten des Fortschritts sind.

Dieser Glaube wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder torpediert, weil Journalismus sich zu einer Wirtschaftsform entwickelt hat, die Personas vor Menschen stellt und Quote vor Wahrheit. Dennoch habe ich es in den vergangenen Jahren geschafft, auch das Gute in Journalist*innen zu sehen. Siehe auch mein Beitrag zur Debattenkultur in der Alternativlosigkeit. Alles was ich hier schreibe, könnte man natürlich auch auf den Zustand unserer Demokratie anwenden.

Der Journalist Tilo Jung ist seit 2013 mit dem Format Jung & Naiv auf YouTube aktiv und berichtet aus der Bundespressekonferenz (BPK). Er ist dabei unter dem Druck der etablierten Journalist*innen standhaft geblieben, die teilweise sogar erwogen hatten, ihn von der BPK auszuschließen.

Welche Fragen hat Tilo Jung gestellt, die den Kollegen in der Bundespressekonferenz unerwünscht waren? Nur ein Beispiel. Fragen dazu, wieso unsere Geheimdienste weiterhin mit der National Security Agency (NSA) zusammenarbeiten, obwohl schon damals und mittlerweile auch dem letzten vernünftig denkenden Menschen klar sein sollte, dass die Überwachungsprogramme der NSA sich gegen Demokratie und Menschenrechte richten. Für alle, die daran weiterhin zweifeln, sei dieses Video von The Intercept empfohlen:

Jung & Naiv? OK Boomer

Das also eine Kooperation zwischen NSA und Bundenachrichtendienst mindestens auf den Prüfstand gehört, sollte demnach klar sein. Stattdessen schweigen die meisten Medien in Deutschland über diesen Sachverhalt. Die die es nicht tun, dürfen sich hier mal gerne auf die Schulter klopfen! Eine klare Einordnung dessen, was wirklich passiert, erwarte ich in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht von Satirikern wie Martin Sonneborn und der Anstalt. Dass sie diese Arbeit übernehmen, halte ich jedoch menschlich für ein Leuchtfeuer der Demokratie und Aufklärung. Also nicht missverstehen. Es ist an euch. Den Verantwortlichen in den Medien. Die Zeit für die Übernahme echter Verantwortung für unsere Gesellschaft und die Welt ist jetzt.

Fokus Wirtschaft, statt Fokus Mensch

Dieser unscharfe Fokus ist einem Krieg gegen angehende junge Medienmacher*innen verschuldet, ausgetragen von denen, die nicht wahrhaben wollen, dass ihr Handeln eine massive Belastung der zukünftigen Generationen durch den Klimawandel bedeutet.

Auswirkungen dieser Ignoranz pflanzen sich auch in der lokalen und regionalen Berichterstattung fort. Anstatt Verantwortung zu übernehmen, verstecken sich die Debatten über soziale Probleme und Fragestellung hinter einer Paywall. Eine Paywall, die aufgebaut wurde, damit die, die im Land der sozialen Ungleichheit leben keinen Zugang zur notwendigen Information haben, die sie dringend benötigen, um eine informierte Entscheidung zu treffen. Beispiel gefällig?

Am 18.12.2020 veröffentlichte das Regierungsministerium von Sachsen-Anhalt einen Aufruf um in der derzeitigen Corona-Situation die Pflegekräfte zu entlasten. Ziel: Menschen finden, die sich vorstellen können die Pflegekräfte in der Krise über eine Hotline zu unterstützen. Die Wortwahl der Landesregierung lässt hier keinen Zweifel mehr: Wir haben einen Pflegenotstand.

Was passiert unten? Der Regional- und Lokaljournalismus verliert den Überblick. Ich verfolge Du Bist Halle auf Instagram und Twitter. Beide Netzwerke habe eine andere Nutzergruppe. Das sollte eigentlich allen klar sein, die sich mit diesen Netzwerken beschäftigt haben. Du Bist Halle hat den Aufruf auf Instagram als Story geteilt. Löblich, aber kein Selbstschutz, denn die Verteilung der Nachricht über das Netzwerk ist nur effektiv möglich, wenn die Information als Beitrag geteilt wird. Das ist bisher [Stand 01.01.2021, 18:38] weiterhin nicht passiert. Dadurch wird der Informationsaustausch verstopft. Und das bei einem so wichtigen Thema wie Covid 19. Das Ganze ließe sich übrigens für andere Themen sowohl nach oben als auch nach unten skalieren. Ich habe mich übrigens mehrfach bei der Redaktion dazu gemeldet. Telefonisch, via Twitter und Instagram. Es gab hierzu keine ernsthafte Reaktion, obwohl ich nur einen Hinweis liefern wollte:

Kommunikation mit Du Bist Halle auf Instagram

Weiteres Beispiel aus dem November 2020. Die Mitteldeutsche Zeitung berichtet über eine Sachbeschädigung am Lokal „Sonnendeck“ in Halle (Saale). Es gab ein Bekennerschreiben im Internet und schwere Vorwürfe gegen den Betreiber. 

Wenn ich von „schweren Vorwürfen“ lese, erwarte ich als Leser einen freien Zugriff auf die Information. Punkt. Es ist ethisch aus meiner Sicht nicht vertretbar, dies hinter einer Paywall zu verstecken, weil es das Klima in einer Stadt vergiftet, wenn Menschen sich Ihre Meinung nicht wirklich bilden können. Und das meine ich im Sinne von „mitmenschliches Klima“ wie auch „menschgemachtes Klima“. #Umweltsmiley

Stellt euch nicht nur gegen die aussterbende Art der Covid-Leugner/Skeptiker, sondern auch die Dummheit in eurem direkten Umfeld. Sagt nein zu schlechtem Journalismus und ja, zu gutem Journalismus. Journalismus, der Menschlichkeit in den Vordergrund stellt. Der den Wahnsinn dieser Zeit hinterfragt. Seid mutig, statt gelähmt. Lebt die Alternativen, statt die Alternativlosigkeit! Fuck Zynismus. Werdet progressiv.

Unter all diesen Gesichtspunkten. Wie rechtfertigt die Politik in Sachsen-Anhalt eine Minderung der Rundfunkgebühren? Ist sich die Politik der Ironie dieser Situation bewusst? Frage für einen Freund. #zwinkersmiley

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