Bild von Klaus Stöhr (Quelle: ZDF). Foto von Jonas Schmidt-Chanasit von Wikipedia-Nutzer „FirstHarvest“, lizensiert unter CC BY-SA 4.0 und modifiziert von Gunnar Hamann (Ostprog.de).

Nah am Querdenken?

Das Schweigen von Fachverbänden und Virologen zur Initative Familien

Am 9. Januar veröffentlichte die „Initiative Familien“ erneut einen offenen Brief mit dem Titel: „Quarantäneregeln dürfen nicht zu Schulschließungen durch die Hintertür führen“. Mitglieder der Initiative haben nachweislich mit Querdenker:innen kooperiert und interagieren mit diesen offen auf der Plattform Twitter, wie verschiedene Recherchen von mir belegen. Dennoch unterstützen Fachverbände und bekannte Virologen den jüngsten Brief des Vereins. Ein Beitrag mit Kommentar zum bisherigen Schweigen von einigen Verbänden, Virologen und Medien.

Chronologie

Der 23. November vergangenen Jahres. Die Initiative Familien entschuldigt sich öffentlich, nachdem Recherchen von mir – basierend auf Informationen von @nazifreifilder – zweifelsfrei belegten, dass der Verein am 7. Oktober mit einer Querdenkerin eine Demonstration in Stuttgart organisiert hatte.

Am Tag nach der Entschuldigung erscheint meine Netzwerkanalyse der sogenannten „Kindertruppe“. Einem losen Netzwerk von z.T. anonymen Nutzer:innen auf Twitter, die sich unter diesem Hashtag formieren. Involviert in das Netzwerk sind auch Mitglieder der Initiative Familien. Das Ergebnis meiner Analyse: Mitglieder des Netzwerks agierten oder agieren weiter offen mit Personen aus dem Umfeld von Querdenken.

Darunter auch Zarah-Abendschön Sawall, Stephanie Schläfer (beide im Bundesvorstand der Initiative Familien) sowie Agnes Horvath (Initiative Familien Hessen). Diese Interaktionen zwischen Mitgliedern der Initiative Familien und Querdenker:innen wurden über einen längeren Zeitraum geführt, wie ich am 3. Dezember noch einmal nachwies. Zu diesen Interaktionen gibt es bis heute, über einen Monat nach meinen Recherchen, keine Erklärung seitens der Initiative. Stephanie Schläfer äußerte sich am 16. Januar bei mir via Twitter (siehe unten).

Stattdessen erhielt ich von einem anscheinend rechtsextremistischen Account aus dem Umfeld der Querdenker nur einen Tag nach der Veröffentlichung meines Beitrags eine Morddrohung mit den Worten: „Na du Hurensohn.. Auch dich kriegen wir noch! Peng!! [sic!]

Am 7. Dezember ließ mir ein anonymes ehemaliges Mitglied der Initiative Familien interne Dokumente zukommen und sagte hinsichtlich der Initiative: „Zu Anfang hat man sich noch für echten Kinderschutz eingesetzt und auch langsame Lockerungen gefordert (…), aber dann hat man sich in Richtung Querdenker entwickelt bzw. Positionen kopiert.

Es gibt hier nichts zu sehen, scrollen sie weiter

Der neue offene Brief der Initiative Familien wurde vom Virologen Klaus Stöhr unterzeichnet und von seinem Kollegen Jonas Schmidt-Chanasit unterstützt. Ebenfalls unterstützt wird der Brief von Peter Walger, der darin auch als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. (DGKH) gelistet wird. Unterzeichner sind zudem:

  • Prof. Dr. Nikolaus Haas, Präsident Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler e.V. (DGPK)
  • Dr. med., Prof. h.c. (MNG) Walter Popp, Arzt für Innere Medizin, Arbeitsmedizin, Hygiene; Ärztliches Qualitätsmanagement, ABS-Experte (DGKH), Dortmund
  • Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ)
  • med. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Köln

BVKJ-Pressesprecher Jakob Maske wurde von mir am 2. Dezember über meine neusten Erkenntnisse informiert. Via Twitter wies ich Jonas Schmidt-Chanasit und Klaus Stöhr wiederholt auf die Verbindungen hin und erkundigte mich nach Konsequenzen daraus. Gestern stellte ich eine erneute Anfrage an Klaus Stöhr, Jonas Schmidt-Chanasit sowie die Fachverbände BVKJ, DGKH und DGKP.

Grundlegend wollte ich erfahren, ob die Informationen zur Tolerierung und Interaktion mit Querdenker:innen durch einige Vorstandsmitglieder der Initiative Familien dort bereits bekannt waren, ob die Fachverbände den genannten Mitgliedern die Nennung des Verbandes im Vorfeld gestattet hatten und ob ein Rückzug von der Unterstützung/Unterschrift des offenen Briefes nun geplant sei.

Die einzige Antwort, die ich bislang erhielt, stammt von Klaus Stöhr. Er schrieb mir am gestrigen 12. Januar: „Sie haben in Ihrer umfangreichen und gründlichen Recherche vielleicht diese Nachricht der Initiative übersehen? Wir haben einen Fehler gemacht – Initiative Familien“. Ähnlich hatte sich bereits Julika Sandt (MdL. FDP Bayern) geäußert.

Wie ich oben aber bereits geschildert habe, bezieht sich diese Entschuldigung auf eine ältere Recherche. Zu den neuesten Informationen hat die Initiative bislang keinerlei Stellung bezogen. Ich habe Herrn Stöhr darauf hingewiesen, aber noch keine Antwort erhalten.

Veränderung?

Der Bundesvorstand der Initiative Familie besteht nach dem kürzlichen Rücktritt von Sabine Kohwagner aus drei Personen. Zarah-Abendschön Sawall, Stephanie Schläfer und Heike Riedmann. Letztere ist nach meinem Wissen nicht auf Twitter aktiv. Hat sich also in der Zwischenzeit etwas im Twitterverhalten der beiden anderen Vorstandsmitglieder verändert, dass auf eine klare Distanzierung hindeutet?

Mit Blick auf die Accounts denen Abendschön-Sawall aktuell folgt, sieht es nicht danach aus. Sie folgt den in Kreisen von Querdenken beliebten Journalisten Boris Reitschuster und Henning Rosenbusch. Sie ist außerdem vernetzt mit dem Account @Gehirn_akrobat, der neben der Online-Querdenker-Publikation @HAMBURGonline auch die Tweets von Martin Kulldorff verbreitet. Kulldorff ist mitverantwortlich für die von Wissenschaftler:innen mehrheitlich abgelehnte Great Barrrington Declaration

Ebenfalls unter den Accounts denen Abenschön-Sawall folgt, findet sich @tomdabassman, der auf seinem Profil auf die Querdenken-Desinformationsseite vom sogenannten Team Reality verlinkt und einen eigenen Telegramkanal betreut. Auf dem Kanal findet sich beispielsweise das Bild von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auf einer Dartscheibe, worüber die Worte „Spuck-Test“ stehen. Zudem werden dort auch Links aus der Telegramgruppe der als rechtsextrem eingestuften Freien Sachsen geteilt.

Weitere ähnliche Accounts aus diesem Umkreis, mit denen Zarah Abendschön-Sawall vernetzt ist, sind:

Zarah Abendschön-Sawall ist weiterhin vernetzt mit den querdenkernahen Desinformationsaccounts von @LViehler und @FrankfurtZack. Letzteren teilt sie zuletzt am 5. Dezember auf ihrem Profil. Sie folgt außerdem trotz meiner Recherchen vier Twitter-Accounts, die sich klar der Querdenken-Bewegung der Heiner Ultras zuordnen lassen. Die Heiner Ultras sind bekannt für Morddrohungen gegen Karl Lauterbach und haben nachweislich an Demonstrationen von Querdenken teilgenommen. Zu diesen Accounts gehören:

Stepanie Schläfer folgt dem Heiner Ultra @FLupsipupsi, war allerdings seit 28. Mai nicht mehr auf Twitter aktiv. Nachtrag vom 16. Januar: Frau Schläfer beteuert, dass der benannte Account zum Zeitpunkt ihrer letzten Aktion noch nicht klar als Heiner Ultra zu erkennen gewesen sei. Dies ist korrekt. Bei einer weiteren Interaktion im September ließ sich dies jedoch belegen. Eine direkte Interaktion mit dem Account @HeinerUltras vom September 2020 erklärt sie damit, dass es inhaltlich um die Kinderkommission im Bundestag gegangen sei und man die Heiner Ultras zu diesem Zeitpunkt noch nicht als radikal habe identifizieren können. Ob sie in ihrer Timeline nichts von den Beiträgen der Querdenker um die Heiner Ultras mitbekommen habe, dazu hat sich Frau Schläfer auf Nachfrage bislang nicht geäußert. 

Bei meiner Nachrecherche habe ich zudem festgestellt, dass Frau Schläfer dem @CoronaAusschuss auf Twitter folgt. Dieser war von Anfang an dafür bekannt, ein bekanntes Sprachrohr für Querdenken zu sein. In der Vergangenheit hat sie regelmäßig mit Tweets von @LViehler und @CoronaRealism interagiert, die beide jeweils dem Milieu von Querdenken zuzuordnen sind. Auch hierzu warte ich noch auf eine Reaktion seitens von Frau Schläfer.

Die komplette Liste der Accounts denen Zarah Abendschön-Sawall folgt, können hier als ZIP-Datei heruntergeladen werden. Zwei weitere interessante Randbemerkungen: Abendschön-Sawall retweetet auffällig häufig Tweets der hier besprochenen Virologen, Fachverbände und Personen aus dem Kreis dieser Verbände. Was meine Recherchen zudem erneut bestätigt haben: Von der querdenkernahen Kindertruppe hat man sich bei den Mitgliedern der Initiative Familien weiterhin nicht abgegrenzt.

Nachtrag: Mir wurde zudem von einer glaubhaften Quelle berichtet, dass sich Heike Riedmann in Gesprächen häufig „querdenkernah“ geäußert habe. So soll sie etwa in einer Diskussion über die Anschaffung von Luftfiltern an Bildungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen unter anderem das Bedenken geäußert haben, dass die Geräte womöglich Kinder einsaugen könnten.
Covid-Strategie?

Zwischen einigen der Beteiligten am offenen Brief der Initiative und Klaus Stöhr gibt es eine interessante Parallele. Stöhr ist betreibt die Seite covid-strategie.de. Sowohl er als auch drei weitere Personen die im offenen Brief auftauchen, sind Mitglieder der dort gelisteten Arbeitsgruppe. Ein Unterstützer der Arbeitsgruppe, der auch im Brief der Initiative unterstützen, ist Detlev H. Krüger.

Unter den Unterstützer:innen wird auch Andreas Sönnichsen genannt. Sönnichsen ist nicht nur Allgemeinmediziner, sondern auch Mitglied der Querdenker-Partei dieBasis. Er fiel im Zuge der Pandemie bereits durch stark kritisierte Aussagen an einzelnen Pandemiemaßnahmen auf und musste daraufhin von einigen Posten, darunter der Mitherausgeberschaft der Zeitschrift für Allgemeinmedizin, zurücktreten. Ein weiterer Unterstützer ist der Neurologe Christian Schöps, der mit Mitgliedern der Kindertruppe vernetzt ist.

Sowohl der BVKJ, Schmidt-Chanasit als auch Stöhr tauchten neben Schöps in meiner Netzwerkanalyse häufig im Zusammenhang mit Accounts aus der Twitter-Kindertruppe auf.

Nachtrag vom 16. Januar: 

Kommentar: Klare Abgrenzung von querdenkernahen Initiativen nötig

Ich habe es ja bereits im Zusammenhang mit der FDP Bayern geschrieben, aber wer mit einer querdenkernahen Initiative kooperiert, die sich bislang auf Grundlage bereits alter Erkenntnisse nicht glaubhaft abgrenzt, läuft selbst Gefahr als querdenkernah betrachtet zu werden.

Solange die Initiative Familien diese Aufarbeitungsarbeit verweigert – und das scheint insbesondere mit Blick auf Zarah Abendschön-Sawall und Agnes Horvath weiter der Fall zu sein –, ist eine Kooperation zu kritisieren und das auch der Öffentlichkeit so zu kommunizieren. Das größere Medien das bislang nicht getan haben, spricht ebenfalls möglicherweise für ein handfestes Problem in den Redaktionen, was ein Bärendienst gegenüber allen Journalist:innen ist, die sich täglich mit ihrer Berichterstattung der Gefahr durch Querdenken aussetzen.

Stöhr und Schmidt-Chanasit sollten verstehen, dass es eine klare Abgrenzung zur Gruppe der Querdenker:innen erfordert. Nicht nur mündlich, sondern auch im eigenen Handeln. Ihre Kolleg:innen wurden oft genug in dieser Pandemie zum Ziel von Angriffen. Das gleiche gilt auch für die Fachverbände, denn die Bedrohungen für Mediziner:innen sind allgegenwärtig.

Vor allem Schmidt-Chanasit und der BVKJ haben hier bisher insbesondere versagt, denn beide wurden mehrfach und zeitnah von mir informiert. Wie es dazu kam, wäre entsprechend zu erörtern. Leider bleibt es bislang bei einem lauten Schweigen. Auch hier wäre es wiederum Aufgabe der Medien, dieses zu durchbrechen.

Die Verantwortung liegt nie allein bei den Medien. In einer perfekten Welt würden wir ein rasches und verantwortungsvolles Handeln der Beteiligten erleben. Ich glaube aber, dass zum Wort „Eigenverantwortung“ in dieser Pandemie genügend gesagt wurde. Die Bewegung von Querdenken sollte ein Mahnmal dafür sein, dass der Verweis auf Eigenverantwortung Grenzen hat, sobald er dazu missbraucht wird, die eigene Verantwortlichkeit zu verdecken. Nicht nur, aber insbesondere in einer Pandemie gilt das. Es ist Aufgabe der Initiative Familien dieses Vertrauen in die Eigenverantwortlichkeit wiederherzustellen. Bis dahin aber bleibt die Verantwortung auch bei den Beteiligten, die sich auch ihrer Eigenverantwortung bewusst sein sollten.

* Titelbild: Bild von Klaus Stöhr (Quelle: ZDF). Foto von Jonas Schmidt-Chanasit von Wikipedia-Nutzer „FirstHarvest“, lizensiert unter CC BY-SA 4.0 und modifiziert von Gunnar Hamann (Ostprog.de).

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