„Mit uns! Nicht über uns?“ – Initiative Familien und ihre Folgen

Warum die Initiative im politischen Diskurs nichts verloren hat. Ein Kommentar

Mit uns! Nicht über uns!“ So heißt es auf dem Instragram-Account der Initiative Familien (IF). Der Verein setzt sich unter anderem für eine Abschaffung von Tests und der Maskenpflicht an Schulen ein. Meine aktuellen Recherchen vom 27. Oktober sowie 31. Oktober belegen zweifelsfrei, dass die Initiative – trotz mehrfacher öffentlicher Abgrenzungsbekundungen – mit einem Elternnetzwerk kooperiert hat, das mit Querdenker:innen besetzt ist. Mein Kommentar zu einem traurigen Medien- und Politikversagen, das mehr Aufmerksamkeit verdient.

WDR 5 interviewte am 26. Oktober Heike Riedmann (Vorstandsmitglied IF) und sogar Zarah Abenschön-Sawall (ebenfalls Vorstandsmitglied bei IF) wurde im ARD Extra mit ihren Kindern vorgestellt. In letzterem Fall sogar ohne Erwähnung, dass sie der Initiative angehört.

Vor Bekanntwerden der Vorwürfe konnte sich die Initiative bereits gut in den Medien platzieren. Etwa in der taz, bei t-online (ohne Nennung der IF), dem Kölner Stadt-Anzeiger (keine Nennung der Verbindung zur IF), dem SPIEGEL, WELT sowie Deutschlandfunk Kultur. Das ist lediglich eine Auswahl. Für Heike Riedmann könnte dabei auch ihre Position im Jugendamtselternbeirat der Stadt Köln hilfreich gewesen sein.

Ich hätte gerne mit, statt nur über die Initiative geredet, aber bis heute gab es keine Rückmeldung der Initiative Familien auf eine Anfrage via Mail. Eine Diskussion mit Zarah Abendschön-Sawall auf Twitter, führte dazu, dass ich von ihr geblockt wurde (Thread 1 | Thread 2). Vom Querdenker-Elternnetzwerk, mit dem die Initiative zuvor kooperierte, distanzierte sie sich nicht.

Durch ein Gespräch mit dem Vorsitz des Landeselternbeirat in Baden-Württemberg weiß ich, dass Zarah Abendschön-Sawall priorisierten Zugang zu Ministerien in Baden-Württemberg erhalten hat. Eine Anfrage zu weiteren möglichen Kontakten der Initiative mit Ministerien im Bundesgebiet, habe ich heute bereits an verschiedene bundesstaatliche Institutionen versendet. Im Februar diskutierte Abendschön-Sawall mit Hans-Ulrich Rülke (FDP, MdL Baden-Württemberg). Im SWR konnte sich die angehende Leiterin einer Familienfirma ebenfalls bereits präsentieren.

Medien und Politik müssen endlich „aufwachen“

Am 4. Oktober schrieb die Initiative Familien auf Twitter: „In einer Pandemie stellen sich Elternvertretungen unbestritten neue Herausforderungen, wenn ihr aber für alle sprechen wollt, müsst ihr Wünsche von #Querdenkern ebenso beachten wie von #NoCovid Anhängern. Wir grenzen uns von beidem ab & stehen für die Mitte der Gesellschaft.

Viele Fragen. Wenn man die Wünsche beachten muss, wie grenzt man sich dann ab? Generell, wie lassen sich diese diametralen Wünsche versöhnen? Eine Mitte kann es nicht geben zwischen Aufhebung aller Maßnahmen und angemessenem Schutz. Vor allem nicht in einer Pandemie.

Diese Gleichstellung beider Gruppen, die für sich genommen natürlich äußerst inhomogen sind, ist irreführend. Kann es ein „zu viel“ an Gesundheitsschutz geben? Vorstellbar wäre es. Ein Lockdown ohne Corona-Fälle etwa. Die Parallelen zur Argumentation bei Rechts- und Linksextremismus ist auffällig.

Während im Wahlkampf vor einem „Linksrutsch“ gewarnt wurde, warnt selbst Bundesinnenminister Seehofer (CSU) davor, dass der Rechtsextremismus die derzeit größte Bedrohung darstellt. Ähnlich hatte sich der Generalbundesanwalt geäußert. Kann Linksextremismus zur Gefahr werden? Selbstverständlich. Aber wie sieht denn die Realität der vergangenen Jahrzehnte aus? Politik muss auf reale Gefahren reagieren. Zudem beobachtet der Verfassungsschutz weiterhin linksextremistische Gruppierungen. Die Behörden sind hier also auch nicht „blind“, wie einige gerne behaupten. Eine beliebte Ablenkungsstrategie, der einige aufsitzen.

Wieso man anhand dieser Zahlen derzeit überhaupt noch die Lockerung von Maßnahmen an Schulen erwägen kann, ist fraglich. Zumal die Bildungsministerien sich bei ihren Entscheidungsfindungen so intransparent geben, als wären sie der Auswärtige Ausschuss des Bundestags. Das Experiment der Kultusminister:innen ist gescheitert und die These von „keine Treiber der Pandemie“ kann man ad acta legen, denn die hohen Inzidenzen unter Kindern haben zur Verbreitung des Virus in der Gesamtbevölkerung ohne Zweifel beigetragen.

Es hat einen Grund, warum Querdenken vom Verfassungsschutz beobachtet wird und nicht Befürworter einer NoCovid-Strategie. Das Gewaltpotential der Querdenker-Szene auch nur annähernd mit NoCovid vergleichen zu wollen, ist ein Fall für die Reihe „Maximaler Realitätsabstand erreicht.

Das Medien und Politik auf einen Verein zugehen, der so einen Vergleich überhaupt zieht, ist mehr als bedenklich. Es ist ein perfektes Anschauungsbeispiel für das Prinzip falscher Ausgewogenheit. Der WDR hat bisher immer noch nicht auf meine Anfrage geantwortet, wieso die Initiative eingeladen wurde. Eine Einordnung muss erfolgen und die Initiative als das dargestellt werden, was sie ist. Im Fall des Berichts von ARD Extra, hat der Philosoph Michael Oberst eine Programmbeschwerde eingereicht.

Die Politik muss sich selbst von Befürwortern der Initiative distanzieren. Dieter Janecek (MdB, Grüne) gehört beispielsweise dazu. Trotz Kritik wurde er von seiner Partei in die Ampel-Verhandlungen zur Innovations- und Forschungspolitik entsendet. Am 31. Oktober fragt sich seine Parteikollegin Renate Künast nun was da los ist in Oberbayern, angesichts von Kinderärzt:innen, die kaum noch Kapazitäten für die Versorgung ihrer kleinen Patient:innen haben.

Wenn ich hier von „aufwachen“ spreche, meine ich das auch nicht im Sinne von Querdenker:innen. Es gibt keine Verschwörung. Nur Informationsdefizite und die Egos einzelner Personen. Das Gruppendenken, das die Politik der Kultusministerien bestimmt hat, ist ebenfalls nicht komplett von der Hand zu weisen.

Fehlende Resonanz in der Berichterstattung

Die Initiative ist untragbar für eine Gesellschaft, die sich als wissenschaftlich, aufgeklärt und der Verfassung verpflichtet fühlt. Das Elternnetzwerk, auf das sich die IF eingelassen hat, verbreitet in der eigenen Telegram-Gruppe auch mal indirekte Morddrohungen gegen Karl Lauterbach (MdB, SPD) oder den Virologen Christian Drosten. Das Zarah Abendschön-Sawall und die Initiative trotz meiner Recherchen nicht wahrhaben will, mit wem sie hier kooperiert haben, sagt alles, was gesagt werden muss.

Stattdessen werde ich von ihr als Schwurbler und Verschwörungstheoretiker bezeichnet, was interessant ist, denn ich habe in meinen Recherchen nur meine Beobachtungen wiedergegeben. Wo ist die Grenze? Sie ist hier. Wer jetzt noch mit der Initiative kooperiert, soll hinterher nicht mehr behaupten können, man habe nichts gewusst.

Ihr wisst jetzt Bescheid. Macht was draus.

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2 Comments

Choc it · 5. November 2021 at 16:51

„Stattdessen werde ich von ihr als Schwurbler und Verschwörungstheoretiker bezeichnet…“

Das scheint deren neue Taktik zu sein – trolliges Spiegeln (gibt bestimmt nen hippen Anglizismus dazu ;)). Auch in Online-Foren fällt dies vermehrt auf und erstickt die Diskussion natürlich noch mehr, weil sodass gar nicht mehr auf den Ausgangspost oder -frage eingegangen wird.

Danke jedenfalls wieder für den Artikel, Gunnar!

Falsche Ausgewogenheit belegt: Initiative Familien dominiert Berichterstattungen - OSTPROG · 12. November 2021 at 22:05

[…] Ich „begnüge“ mich dabei, Nero zu spielen. Der Karneval tobt und die Masken sitzen. Die Masken an den Schulen sind längst gefallen. Die Maske der Initiative Familie ist es auch. […]

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