Mediensucht und freiwillige Selbstkontrolle

"I can't get no... Good connection..." | Ein Interview mit "X"

Frage: Hallo “X”, kannst du dich vielleicht kurz vorstellen, damit wir einen Eindruck von dir gewinnen?

Antwort X: Hi, ich bin Mitte 30, wohne in den alten Bundesländern und bin Vater von zwei Kindern. Ich habe Mathematik und Informatik studiert und arbeite als Informatiker in der Wissenschaft.

 

Frage: Kannst du uns kurz beschreiben, wie sich dein Arbeitsleben gerade gestaltet?

Antwort X: Ich verbringe einen gewöhnlichen Arbeitstag zu 100% vor dem PC mit Programmierung und Datenauswertung. Meine „sozialen“ Kontakte beschränken sich dabei auf sehr wenige Kollegen, da wir insgesamt ein kleines Team sind. 

Telegram
Vertrauen ist gut, Selbstkontrolle ist besser?

Frage: Du lässt dich ja momentan von außen auf Telegram beobachten. Was hat es damit auf sich und wie genau funktioniert das technisch?

Antwort X: Da muss ich etwas weiter ausholen. Ich bin mediensüchtig, das heißt ich habe wenig bis keine Impulskontrolle, wenn es um den Konsum von Medien geht. Im Speziellen Filme, Serien, Nachrichten und besonders Computerspiele. Ich habe das Problem bereits seit meiner Jugend, auch wenn sich mein Umgang damit über die Jahre drastisch verändert und verbessert hat. 

Damit ich das in den Griff bekomme, ist es für mich wichtig zu erkennen, welche Umstände mich bei meiner Impulskontrolle unterstützen. Ein wesentlicher Punkt ist hier Sichtbarkeit bzw. gewisses Maß an Öffentlichkeit.

Wie bei fast jeder Sucht, ist auch bei der Mediensucht letztendlich das Ziel eine Manipulation des Empfindens. Substanz-gebundene Süchte gehen den Weg der direkten Aufwertung bzw. Manipulation der Selbstwahrnehmung, Gefühle, etc. Im Fall der Mediensucht versuche ich stattdessen meiner Selbstwahrnehmung zu entfliehen, indem ich mein Bewusstsein mit anderen Inhalten überlade. Verdrängung und Weltflucht sind dabei zentrale Ziele. 

Ich habe gemerkt, dass diese Verdrängung, diese Flucht vor dem sich-selbst-spüren bei mir nur funktioniert, wenn ich allein bin und mich unbeobachtet fühle. Sobald auch nur eine zweite Person anwesend ist, ist da auch Reflexion über den aktuellen Moment und damit Selbstwahrnehmung und letztendlich auch Scham.  

Dies nutze ich aktuell zu meinem Vorteil. Über einen Bot lasse ich in zufälligen Abständen Screenshots in eine Telegram-Gruppe hochladen. In der Gruppe sind Freunde, die für mich die Gegenöffentlichkeit erzeugen. In erster Linie hilft mir das, auf Arbeit weniger mit Social-Media, Nachrichten, etc. zu prokrastinieren. Dieses Prokrastinieren ist häufig der Einstieg in den eigentlichen maßlosen Medienkonsum, der dann häufig zu Hause stattfindet.

But who is watching the observers?
Aber wer überwacht die Überwacher? (George Orwell) - Screenshot aus der Telegram-Gruppe von "X"

Frage: Ist es nicht Paradox, dass du dich mit dem Einsatz zusätzlicher Technik versuchst von der Technik unabhängig zu machen? Wie gehst du mit diesem Widerspruch um?

Antwort X: Da legst du natürlich den Finger in die Wunde. Einfach keine Technik mehr zu benutzen wäre der radikalste, aber auch „einfachste“ Gedanke – wobei einfach hier nur bedeutet, dass er sich auf dem Papier leicht ausformulieren lässt. Meine Stärken und Interessen liegen im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Mir ist kein Beruf bekannt, der mir erlaubt in diesem Gebiet zu arbeiten, ohne einen Computer zu nutzen. Daher bin ich (noch) nicht bereit diesen „einfachen“ Ansatz zu folgen. 

Und natürlich funktioniert mein aktueller Ansatz „Technik mit Technik zu bekämpfen“ nur bedingt, da ich immer die Möglichkeit und auch Fähigkeit dazu habe, diese selbstentwickelte „Überwachungstechnik“ zu manipulieren. Entscheidend bleibt dennoch, dass in der aktuellen Lösung Menschen involviert sind. Die Manipulation der „Selbstüberwachung“ fühlt sich für mich wie Lügen an. Daher mache ich das auch nicht. Insgesamt ist das aber keine wasserdichte Lösung, sondern nur ein Baustein von vielen, der mir dabei hilft, abstinent zu bleiben. Tatsächlich sind die anderen Bausteine weitaus bedeutender als diese „Selbstüberwachungstechnik“.

 

Frage: Warst du wegen deiner Medienabhängigkeit bereits in Behandlung, bzw. wurdest du diagnostiziert?

Antwort X: Ja, ich habe bereits eine tiefenpsychologische Therapie absolviert und im Anschluss habe ich eine stationäre Reha (für 8 Wochen) gemacht. Beides hat mir sehr viel weitergeholfen.

 

Frage: Könntest du für die Leser:innen in groben Zügen beschreiben, wie so eine Therapie abläuft? Bzw. bist du selbst auf die Idee gekommen oder hat jemand in deinem Freundes-/Bekanntenkreis dich darauf aufmerksam gemacht? Was hast du dort vielleicht über dich (neu) gelernt?

Antwort X: Dass es Therapien gibt, war mir seit langer Zeit bekannt. Allerdings hatte ich zu Beginn eine ganz andere Vorstellung von dem, was Therapie eigentlich ist. Dies hat mit dazu beigetragen, dass ich es lange Zeit abgelehnt habe, eine Therapie aufzusuchen. Gespräche mit Freunden und Bekannten, die selbst bereits Erfahrung mit Therapien gemacht hatten halfen mir, diese Vorurteile zu überwinden. 

Ein anderes Hindernis war, dass ich mir immer eingebildet habe, schon allein damit klar zu kommen – Im Nachhinein ein großer Fehler, der mich viel Lebensqualität gekostet hat. Mit der Geburt meines ersten Kindes habe ich mich dann in Therapie begeben, da ich vermeiden wollte, meine Kinder durch meine Erkrankung zu beeinträchtigen. 

Die eigentliche Arbeit und „Heilung“ geschieht im Alltag.

"X"

Im Wesentlichen besteht so eine Therapie nur aus Reden. Der Therapeut stellt dabei mehr oder weniger geschickte Fragen, die einem helfen, das Ganze besser zu verstehen. Das betrifft sowohl die Entstehung des Problems (meist in Zusammenhang mit der Kindheit) wie auch deren aktuelle Auswirkungen. Die eigentliche „Heilung“ passiert dabei aber nicht in der Therapie. 

Ich dachte Anfangs, es reicht aus, immer fleißig zu den Therapiesitzungen zu gehen. Ich dachte durch die vielen Gespräche wird dann in meinem Hirn einfach ein Schalter umgelegt und dann bin ich geheilt. Leider läuft es nicht so einfach. Die eigentliche Arbeit und „Heilung“ geschieht im Alltag. Wer immer das Gleiche tut, wird auch immer die gleichen Resultate erzielen. Es kommt darauf an, sein Leben völlig umzukrempeln. Das ist und bleibt hart, kostet viel Mut. Man muss sich viel mit Angst und Schmerz konfrontieren (denen man ja mit der Sucht ausweichen will) und neue Wege finden damit umzugehen. Diese neuen Wege sind anfangs sehr mühselig, mit den Jahren wird es aber leichter.  Anders geht es nicht. Die Therapie begleitet diesen Prozess nur.

  

Frage: Süchte sind häufig stigmatisiert. Gilt das auch für dich? Welche Erfahrungen hast du mit deiner Mediensucht gemacht.

Antwort X: Ich treffe zwar immer wieder auf Unverständnis. Insbesondere weil viele nicht verstehen, worin das Problem liegt und es nicht als richtige Sucht ansehen. Von wirklicher Stigmatisierung war ich bis jetzt allerdings nicht betroffen. Die Reaktionen im Freundes- und Bekanntenkreis waren durchweg positiv. Häufig war dies für viele die Einladung, über ihre eigenen Probleme zu sprechen.

 

Frage: Letzte Frage: Was wünscht du dir zu Weihnachten?

Antwort X: Kraft, Energie und Mut die „neuen Wege“ auch nächstes Jahr weiter zu gehen.

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Statement zu Kerstin Godenrath (CDU Halle) | Pressefreiheit | OSTPROG · 4. Juni 2021 at 17:05

[…] Die Äußerungen machten mich stutzig, aber ich war zu dieser Zeit mit einem Interview über „Mediensucht“ beschäftigt, das mich längerfristig in Beschlag genommen hatte. Außerdem war ich im Dezember […]

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