Masken und Spracherwerb: Auf der Suche nach der Evidenz

Normalität auf Kosten der epidemiologischen Realität?

Bundesbildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) gab am 25. Juni ein Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Studien – so Stark-Watzinger – besagten, dass Masken einen negativen Effekt auf den Spracherwerb von Grundschulkindern hätten. Viel wichtiger jedoch, was die Ministerin dabei nicht erwähnt. Eine Einordnung mit Kommentar.

Wieso muss das Bewährte auf den Prüfstand?“ Eine Frage der Journalistin Friederike Haupt an die Bundesministerin für Bildung und Forschung Bettina Stark-Watzinger (FDP) in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Antwort:

„Es geht nicht darum, zu sagen: Niemals mehr Maske. Sondern man muss prüfen, wie verhältnismäßig etwas in einer bestimmten Lage ist. Denn uns sagen Studien, dass Kinder, gerade im Grundschulalter, Schwierigkeiten beim Spracherwerb haben, wenn sie und die Lehrer Maske tragen, was ohnehin schon anstrengend ist. Insofern muss man das eine gegen das andere abwägen. Entscheidend ist: Schülerinnen und Schüler brauchen so lange wie möglich Normalität.“

Bundesbildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP)
Fehlende Evidenz

Aus mehreren Gründen eine bemerkenswerte Aussage einer Ministerin für Bildung und Forschung. Eine im Oktober 2021 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass es für den Einfluss von Masken auf die Sprachentwicklung an Forschungsdaten fehlt.

Medienberichterstattungen haben zu diesem Bild in der Öffentlichkeit beigetragen. Im April geisterte durch die deutsche Medienlandschaft eine Meldung über eine angebliche Studie, die auf einen negativen Einfluss auf die Sprachentwicklung von Kindern hinweisen soll. Auch in der Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist die Rede von einer Studie. Bebildert wurde der Beitrag mit einem Foto aus dem Unterricht einer Grundschulklasse.

Der Beitrag – so wie einige weitere, die über die angebliche Studie berichteten – ist damit doppelt irreführend. Es handelt sich bei der Publikation der britischen Schulbehörde Ofsted um eine Befragung und nicht etwa eine wissenschaftliche Studie. Diese erhebt nicht einmal den Anspruch auf Repräsentativität, wie die Verantwortlichen schreiben. Befragt wurden 70 Einrichtungen der Kindertagespflege sowie Kindergärten. Damit befindet sich die „Studie“ außerhalb des relevanten Altersspektrums von Grundschulkindern, welches der Beitrag der FAZ über die Bebilderung suggeriert.

Mir sind keine Studien bekannt, deren Ergebnisse eindeutig auf einen negativen Einfluss von Masken auf den Spracherwerb an Grundschulen hindeuten. Welche Studien Stark-Watzinger hier konkret gemeint haben könnte, bleibt unklar. Eine Anfrage beim Bundesministerium für Bildung und Forschung blieb bislang unbeantwortet.

Fakt ist: Eine eindeutige Evidenz für einen negativen Einfluss von Masken auf die Sprachentwicklung von Kindern im Grundschulalter gibt es in der wissenschaftlichen Debatte nicht.

Kommentar: Zweifel streuen auf dem Rücken des Infektionsschutzes?

Agiert Stark-Watzinger hier als Ministerin für Bildung und Forschung oder nicht doch viel eher als Parteipolitikerin? Diese Frage muss sich die Ministerin gefallen lassen. Noch mehr. Streut Stark-Watzinger hier im Vorfeld der Diskussion um die Änderung der Infektionsschutzgesetzes erste Zweifel in der Öffentlichkeit? Welche Zielgruppe spricht sie damit noch an? Die Antwort auf letztere Frage könnte besonders unangenehm ausfallen.

Gleichzeitig muss sich aber auch das Portal News4Teachers um das eigene Wording kümmern. Denn anders als berichtet, behauptet Stark-Watzinger im Gespräch mit Friederike Haupt nicht, dass diese unbenannten Studien ein klarer Beleg für deren Hypothesen seien, wie im Eingangs wiedergegebenen Zitat nachzulesen ist. Die Kritik an den Implikationen dieser einseitigen Wiedergabe, teile ich aber.

Stark-Watzinger impliziert im Interview ebenfalls, die Digitalisierung an Schulen vorantreiben zu wollen. Das ist begrüßenswert. Gleichzeitig irritieren solche Aussagen. Insbesondere wenn sie von einer Ministerin kommen, die für die Bereiche Bildung und Forschung zuständig ist. Wünschenswert wäre es auch endlich das Mantra der „Normalität“ hinter sich zu lassen, denn dieses weckt unschöne Assoziationen. Etwa an den Querdenken-FilmEine andere Zukunft“, dessen Protagonist:innen dieses Wort wie eine Beschwörung an eine seidene letzte Hoffnung vor sich hertragen.

Mit Corona leben lernen, heißt nicht, sich gedanklich in eine alte Normalität ohne Virus zu flüchten. Es braucht eine Anerkennung einer sich verändernden Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, in der Maßnahmen mit epidemiologischen und psychologischen Auswirkungen vereinbart werden. Da wären Stark-Watzinger und ich sicher einer Meinung.

Bei der wissenschaftlichen Kommunikation – Kernkompetenz einer Bildungs- und Forschungsministerin – sollte aber noch dringend nachjustiert werden. Zumindest dann, wenn sich diese nicht dem Vorwurf aussetzen möchte Oppositionsarbeit zu machen, statt Politik für die breite Bevölkerung zu gestalten.

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