Kunst, Kultur und Corona

Wie zwei Künstler:innen in Halle (Saale) mit dem Virus umgehen

Seit über einem Jahr beherrscht die Pandemie unseren Alltag. Auch Künstler:innen können davon ein Lied singen. Allerdings auf leeren Bühnen. Über die digitale Bühnenflucht und welche Hürden die unerwartete Situation mit sich bringt, sprach ich mit Julia Raab (Figurenspielerin und Theaterpädagogin) sowie Jonas Schütte (Leiter der Volksbühne Kaulenberg und Schauspieler).

Julia Raab wurde von Corona überrascht. Mitte März 2020 folgt sie einer Einladung nach Braunschweig, wo sie ihre Figurentheaterinszenierung – „Der Sängerkrieg der Heidehasen“ – aufführen sollte. Zur gleichen Zeit hatte sie bereits eine Absage für eine weitere geplanten Aufführungen erhalten und hört von Kolleg:innen, deren Aufführungen ebenfalls abgesagt werden. Doch die Freude währt nicht lange, denn noch am Abend der Ankunft erhält sie einen Anruf. Die Aufführung kann nicht stattfinden.

Julia Raab
Julia Raab ist vor einigen Jahren aus Hessen in die Händelstadt gezogen und an den freien Bühnen der Stadt sehr aktiv (Foto: Julia Fenske).

„Das war schon eine Existenzangst, die dann aufkam. Gerade die erste Zeit im März/April hat bei mir Panik ausgelöst“, so Julia Raab. Doch sie hat Erfolg und erhält mit ihrem Antrag Fördermittel des Fonds Darstellende Künste aus der ersten #takecare-Initiative im März 2020. Die Förderbedingung lautet jedoch, dass man zuvor im Zeitraum von fünf Jahren mindestens einen Förderantrag beim Fonds gestellt hat. Viele ihrer Kolleg:innen haben dieses Glück leider nicht.

Was ist der „Fonds Darstellende Künste“?

Es handelt sich um einen eingetragenen Verein, der – laut Selbstdarstellung – als einer von insgesamt sechs Bundeskulturförderfonds in Deutschland angesiedelt ist. Ein gewähltes Kuratorium aus verschiedenen Bereichen der deutschen Kunst- und Kulturlandschaft „wählt aus (…) Anträgen bundesweit bedeutende und bemerkenswerte Vorhaben, Einzelprojekte und Projektkonzeptionen aus.“ Die geförderten Bereiche decken inhaltlich unter anderem „Schauspiel, Musiktheater, Tanz, Figuren- und Objekttheater, Performance, Theater für junges Publikum, site specific performances, performative Installationen, Gaming etc.“ ab. Daneben widmet sich der Verein der Beratung von Künstler:innen, Veranstaltungs- und Erfahrungsaustausch, Vermittlung zwischen Kulturpolitik und Kulturschaffenden sowie der Auszeichnung herausragender Arbeiten an. Der Sitz des Fonds befindet sich in Berlin.

Für Julia Raab nimmt die Förderung zunächst viel der ersten Ängste in dieser Zeit. „Ich finde den Fonds Darstellende Künste kann man hier sehr positiv benennen, weil er eine wahnsinnige Arbeit leistet und versucht da zu sein für uns Künstler:innen“. Und gerade auch für Kulturschaffende mit wenig Erfahrung in der Antragsstellung, so Raab, hat der Fonds viel getan. Sie erhält auch weiterhin Förderungen aus dem Fonds.

Ein Vorteil für Julia Raab war auch ihre theaterpädagogische Arbeit im Klassenzimmer. So konnte sie von Sommer bis Spätherbst noch in Schulen in Präsenz auftreten. „Das hat mir im wahrsten Sinne finanziell den Hintern gerettet.“

Am 18. Mai berichtete Luca Deutschländer für MDR Kultur zusätzlich über das Stipendienprogramm “Kultur ans Netz” des Landes Sachsen-Anhalt und sprach dazu ebenfalls mit Julia Raab. Sie wird über das Programm auch finanziell unterstützt, wie im Beitag nachzulesen ist.

Keine finanziellen Ängste mehr, aber Fragezeichen

Im Gegensatz zu den Soforthilfen der Bundesregierung für die Wirtschaft, erhielten Raab und Schütte die Gelder ohne Verzögerung. Trotz der finanziellen Absicherung bleibt für Raab aber auch die persönliche Belastung der Pandemie spürbar.

Zwei Monate am PC für die Förderung

Kritik der Kulturschaffenden an der rigiden Vergabepraxis ist auch für Jonas Schütte nachvollziehbar, doch er ergänzt: „Es gab aber daneben auch weitere Hilfen. Die „NEUSTART KULTUR“-Hilfe zum Beispiel. Das war eine Milliarde an Geldern der Staatsministerin für Kultur und Medien der Bundesregierung. Diese Hilfe wurde dann verteilt auf Fonds Soziokultur, Fonds Darstellende Künste, DTHG, Initiative Musik, GEMA… Also alle Bereiche, die die Bühne betreffen, haben Geld bekommen, um die Akteur:innen zu fördern.“

Für Schütte, der in Halle mit der Volksbühne Kaulenberg eine eigene Spielstätte betreibt, war die Anfangszeit der Pandemie ebenfalls eine Herausforderung. Jedoch nicht, weil es an Möglichkeiten zur finanziellen Förderung mangelte. „Ich saß die ersten zwei Monate nur an Rechner und Telefon und habe diese ganzen Förderanträge durchgeackert. Das wurde mit der Zeit so viel… und vieles davon war für uns auch möglich zu beantragen – entweder für uns als Spielstätte oder mich als Einzelkünstler.

Die Volksbühne erhielt so etwa Förderung im Teilbereich „Pandemiebedingte Investition“ des NEUSTART-Programms. Einen Großteil des Geldes nutzt er für die Digitalisierung seines Theaters, um Livestreams der Bühnenproduktionen anzubieten. Zuvor hatte der offene Kanal aus Wettin (WTV) Technik für Übertragungen ins Internet bereitgestellt. Mit der Anschaffung neuer Technik ist die Volksbühne mittlerweile unabhängig von auswärtiger Hilfe.

Jonas Schütte
Jonas Schütte ist Leiter der Volksbühne Kaulenberg und interessiert an den Möglichkeiten digitaler Mittel im Theater.

Innovation vor der „Blütezeit der Schwänke“

Jonas Schütte sieht in der Krise auch eine Chance für eine Auseinandersetzung mit neuen Spielformen der Kulturproduktion, die den digitalen Raum mehr als bislang in das Theater einbezieht. So bietet er für Inszenierungen auch die Möglichkeit an, den Chat als neues Element in die Performance einzubetten. Für Schauspieler:innen eine Herausforderung, da sie ihre Stücke jetzt anders – filmischer und gleichzeitig interaktiver – denken müssen. Schütte ist mit der Volksbühne mittlerweile auch Teil des Theaternetzwerk Digital, dass sich für einen Austausch von Spielstätten im Bereich digitaler Theaterproduktionen einsetzt.

Julia Raab sieht diesen Reiz auch, möchte sich aber weniger vom “klassischen Theater” mit Bühne und Publikum entfernen. „Ich finde es schon spannend, aber ich merke, mich reizt das nicht.“ Ihre gemeinsame szenische Lesung mit Martin Kreusch – „…schon fünf Jahre oder noch länger lebst Du in dieser Wüste“, Briefwechsel zwischen Widerstandskämpferin Sophie Scholl und Wehrmachtsoffizier Fritz Hartnagel – kann sie in diesem Monat fast unverändert im Livestream des WUK Theater Quartier anbieten.

Vor etwa einem Jahr bietet Raab bereits ihre szenische Lesung „Im Frühling hat man keine Lust zu sterben“ – im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt und mit technischer und räumlicher Unterstützung von Jonas Schütte – im Livestream auf YouTube an.

Neben dem fehlenden Applaus und der physischen Interaktion mit dem Publikum bereitet der Umzug in das Digitale aber auch Probleme. Kulturveranstaltungen im Freien lassen sich auch mit guter Technik nicht so einfach veranstalten, so Jonas Schütte. Außerdem macht sich ein Zuschauerschwund bemerkbar. Julia Raab selbst gibt offen zu, dass sie sich als Zuschauerin weniger Theaterproduktionen im Netz ansieht, als gewöhnliche Theaterproduktionen vor der Pandemie.

Die Bereitschaft sich auf etwas einzulassen was einen fordert – die hat nachgelassen“, so Jonas Schütte: „Der Durst nach Entertainment hat sich vergrößert. Ich würde sagen, wenn wir die Theater wieder aufmachen wird eine neue Blütezeit der Schwänke anbrechen.“

Derweil steht Jonas Schütte bereits mit dem Zollstock bereit. Parallel arbeitet er an der Vergrößerung seiner Spielstätte von derzeit zwei auf vier Bühnen. Und auch dort sieht er bereits Ideen für eine digitale Zukunft.

#allesdichtmachen macht #allesfalsch

Zum Abschluss spreche ich mit Raab und Schütte noch über die Aktion #allesdichtmachen, an der sich Ende April zahlreiche bekannte deutsche Schauspieler:innen beteiligen. Jan Josef Liefers – bekannt aus dem Tatort Münster – sowie seine Schauspielkollegin Heike Makatsch sind zwei der möglicherweise prominentesten Vertreter:innenAuf YouTube erscheinen unter dem gleichnamigen Hashtag eine Vielzahl von Videos, deren Protagonist:innen die Corona-Politik der Bundesregierung satirisch kritisieren wollen. Einige (so auch Heike Makatsch) lassen ihre Videos kurze Zeit später wieder entfernen und distanzieren sich. Wie Recherchen des Tagesspiegels jüngst ergaben, steht hinter der Aktion eine Reihe von Personen, die enge Verbindungen zum Netzwerk der Querdenker pflegen.

Für Julia Raab ist die Aktion nicht gelungen. „Ich habe das Gefühl die haben sich benutzen lassen und haben die Hintergründe nicht früh genug erkannt“, und Jonas Schütte ergänzt mit Zustimmung von Raab: „Und sie haben auch noch schlecht gespielt. Ironie will gekonnt sein.

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