Bericht vom Klimastreik in Halle (Saale)

Bericht vom Klimastreik in Halle (Saale)

Rund 4000 Stimmen aus der Zivilgesellschaft für mehr Klimaschutz

Am Freitag, dem 24. September, fanden sich etwa 4000 Personen zum Klimastreik in der Stadt zusammen und demonstrierten für mehr Klimaschutz. Ein Bericht.

Es war eine bunte Menge, die sich am Steintor um 14 Uhr zusammenfand. Vom Eingang zum Steintor Varieté bis zum Ende der Bahnhaltestelle drängten sich die Demonstrant:innen um einen Lautsprecherwagen. Am Seitenrand, wenige Meter vor dem Versammlungspunkt, hatte sich die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) positioniert, die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt beobachtet wird.

Eine Gruppe von Trommler:innen – laut Susanne Bär (HalleZero) aus der Bewegung um Extinction Rebellion in Halle hervorgegangen – sorgte für musikalische Untermalung. Daneben am Wasserspiel eine Gruppe der Bürgerbewegung Saaletal, die einen Stopp des Weiterbaus der A143 fordert und derzeit plant, sich an den Europäischen Gerichtshof zu wenden. Die neue Regierung in Sachsen-Anhalt schließt einen Stopp für das Bauprojekt laut Koalitionsvertrag bislang aus.

Soziale Ungleichheit, Landwirtschaft und David Bowie

Die erste Rede hielt Friedrich Hirschmann von Fridays For Future (FFF) Halle. Er kritisierte insbesondere die zunehmende soziale Ungleichheit in Deutschland. Anschließend hielten Arian Feigl-Berger und Debora Heinrich für HalleZero eine gemeinsame Ansprache, in der sie für das Gesetzespaket der Initiative GermanZero warben, dass auf eine Erreichung des 1,5-Grad-Ziels aus dem Pariser Klimaschutzabkommen hinwirkt. Zuvor sang Arian Feigl-Berger den Song „Five Years“ des verstorbenen Musikers David Bowie, den sie im Anschluss an die Rede noch einmal in einer Version mit geändertem Text präsentierte, der die Klimakrise thematisierte.

Danach folgte eine Rede zur Landwirtschaft von Willi. Sie kritisierte die bisherige Landwirtschaftspolitik von CDU-Ministerin Julia Klöckner und forderte, dass Moore weiterhin als CO2-Speicher zur Verfügung stehen müssten, wenn Deutschland sein fossiles Budget einhalten wolle. Landwirt:innen dürften mit diesen Herausforderungen nicht alleingelassen werden und es bräuchte einen Ausstieg aus der industriellen Tierhaltung und finanzielle Unterstützung für eine nachhaltige Landwirtschaft, so die Rednerin. Bisher, so sagte sie, schütze die Politik weder Klima noch die Landwirt:innen. Kritik übte sie auch an einem Einsatz von Julia Klöckner für den Lebensmittelkonzern Nestlé und stellte in Richtung der Ministerin als auch der CDU die Frage: „Sind Sie Lost?

Dmeonstrationszug am Eselsbrunnen.
Demonstrationszug am Eselsbrunnen. | Foto: Gunnar Hamann, Ostprog.de.
Ein friedlicher Demonstrationszug mit kleinen Störungen von außen

Um kurz nach 15 Uhr setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung. Über den Joliot-Curie-Platz ging es vom Hansering zum Leipziger Turm. An der Ecke Leipziger Turm und Waisenhausring gab es auch die Einschätzung zur Zahl der Teilnehmer:innen. Die Polizei ging vor Ort von etwa 4000 Demonstrationsteilnehmer:innen aus. Klimaschutzaktivist Marco Gergele erwähnte, dass dies damit die bisher zweitgrößte Klimademo in der Stadt war. „Zum Großstreik im Herbst 2019“, so der Aktivist, waren es 4500 Teilnehmende.

Auf dem Weg zwischen Franckeplatz und Markt pöbelte eine vorbeigehende Gruppe gegen Demonstrationsteilnehmer:innen. Sie zeigten beleidigende Gesten in Richtung der Demonstration und ein Mitglied der Gruppe – die nach der Kleidung zu urteilen von einem Spiel des Hallesche Fussballclubs kamen – murmelte etwas von „kaputtschlagen“. Weitere Vorkommnisse ähnlicher Art beobachtete ich auf dem Rückweg zum Steintor nicht.

Mit Wissenschaft, Kultur und Bildung gegen die Klimakrise

Gegen 16:30 Uhr begann der Intendant des Neuen Theaters – Matthias Brenner – mit einer Rede zur Bundestagswahl und der Klimakrise. „Wir sollten uns vor keinem Ergebnis fürchten, außer das Herr Merz unser Schicksal gestaltet“, sagte er und fuhr im Anschluss fort: „Ich möchte aber keine Wahlempfehlung abgeben.“ Er zitierte eine Stelle aus William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, in der Titania die Königin der Elfen spricht:

Der Intendant des Neuen Theaters Halle (Saale), Matthias Brenner. | Foto: Gunnar Hamann, Ostprog.de
Der Intendant des Neuen Theaters Halle (Saale), Matthias Brenner. | Foto: Gunnar Hamann, Ostprog.de

Die Kegelbahn verschwindet unterm Schlamm,
Die grünen Pfade sind, weil keiner sie mehr geht,
Wild überwuchert und nicht mehr zu finden.
Den Menschen fehlen ihre Winterfreuden,
Kein Hymnus, kein Choral weiht ihre Nächte.
Drum wäscht der Mond, Beherrscher aller Fluten,
Ganz bleich in seinem Zorn, rundum die Luft,
Und alles steckt sich an, ist krank, hat Gicht.
Dies Missmutstief bringt selbst die Jahreszeiten
Ganz durcheinander: Schlohweißer Frost
Sticht in den frischen Schoß der roten Rose;
Und auf des greisen Winters eisgrauem Scheitel
Liegt, wie zum Spott, ein duftend süßer Kranz
Aus Sommerknospen. Frühling, Sommer und
Der reife Herbst, der böse Winter tauschen
Die Kleidung aus, und die verstörte Welt
Weiß an den Zeichen nicht mehr, wer ist wer.

Auszug aus "Der Sommernachtstraum" von William Shakespeare

In der Rede thematisierte auch er die zunehmende Armut in Deutschland. Er sagte weiter: „Deshalb können wir uns von Merz und Konsorten nicht zurückwerfen lassen.“ Zum heutigen Kulturspektakel rief er die Teilnehmer:innen dazu auf, ihre Plakate nach der Demonstration abzugeben, damit diese auf dem Universitätsplatz vor dem Neuen Theater ausgestellt werden können. Er schloss mit: „Kunst, Leben und Bildung sind die Voraussetzung für Menschenwürde.

Es folgte Felix Ekardt, von der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik. Ekardt war Initiator für die erfolgreiche Klage gegen die unzureichenden Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht. Er nahm auf die Klage Bezug und kritisierte die Klimapolitik der vergangenen Jahre.

Danach hielt Henrike Cremer (FFF Halle) eine Rede, während der sie sichtlich emotional wirkte. Sie erzählte von einem Gespräch mit einem Sicherheitsmann aus dem Iran, der sie in einer nächtlichen Kreidemalaktion antraf. Nachdem sie ihm über die Aktion aufgeklärt hatte, erzählte er ihr von seinen Erfahrungen mit Demonstrationen im Iran. Dort hätten Proteste die Lage eher verschärft, weshalb er sehr skeptisch sei, ob mit Demonstrationen eine Veränderung zu erreichen sei. „Das könnt ihr nicht stoppen. Es gibt Menschen, die wollen die Klimakatastrophe“, seien seine Worte gewesen.

Die Aktivistin habe geantwortet: „Nein, die wollen das Geld und das Öl und die können wir aufhalten.“ Jedoch sagte er, so Henrike Cremer, dass er hoffe, dass sie damit Erfolg hätten. Für Cremer steht die Demokratie in Deutschland auf dem Spiel, wenn sich politisch kein Wandel vollziehe. Die Demokratie, die wir in Deutschland genießen, zwinge die Zivilgesellschaft gleichzeitig, Verantwortung zu übernehmen. Sie kündigte an, dass der Protest auch nach der Wahl weitergehe. Der Protest müsse größer werden, so Henrike Creme.

Es folgten weitere Reden, etwa von einer Vertreterin der Verdi-Jugend, die mangelnde Investitionen in den Öffentlichen Personennahverkehr bemängelte und den Nachwuchsmangel thematisierte. Die Teachers For Future aus Halle hielten ebenfalls eine Rede und sprachen von einer verfehlten Bildungspolitik. Sie bemängelten, dass das Wort Klimawandel in den Lehrplänen nicht auftauche.

Die letzte Ansprache endete um circa 17:15 Uhr. Von den Medien waren der DuBistHalle, Linke Zukunft Osten, der MDR und die Mitteldeutsche Zeitung vor Ort und berichteten. Weitere Ausschnitte aus Reden sowie Eindrücke von der Demonstration habe ich auf YouTube in einer Playlist zusammengefasst.

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