Klimacamp Ost Halle – Ein Fazit

„Da hat man irgendwann akzeptiert, dass Hass keine Meinung ist“

Nach drei Wochen neigt sich das vierte Klimacamp Ost dem Ende entgegen. Was bleibt vom Protest und der Präsenz? Was hat sich im Vergleich zu den Vorjahren getan? Ein Gespräch mit Alina Baisch (Fridays For Future Halle) und Jonas Venediger (Fridays For Future Bitterfeld).

Auf dem Hallmarkt traf ich mich am Donnerstag mit einer Sprecherin der Ortsgruppe von Fridays For Future (FFF) Halle. Alina Baisch (16) ist seit der zweiten Woche aktiv beim Klimacamp Ost in Halle (Saale) vor Ort. In den drei Wochen, die das Klimacamp am Hallmarkt stand, gab es zwei politisch motivierte Übergriffe, aus dem Umfeld des vom Verfassungsschutz unter Beobachtung stehenden Rechtsextremisten Sven Liebich. „Faschistische Angriffe haben in diesem Jahr zugenommen“, so Alina Baisch. Einer davon, hätte sogar mit einem Personenschaden enden können, sagte Jonas Venediger (18) von FFF Bitterfeld auf einer Demonstration in dieser Woche.

Wir bleiben, bis ihr handelt.“ So lautete im vergangenen Jahr der Slogan des Klimacamps Ost, einem Zusammenschluss verschiedener Ortsgruppen von Fridays For Future aus den neuen Bundesländern. Doch bereits im Jahr 2020 gab es Übergriffe auf das Camp, weshalb sich die Aktivist:innen aus Sicherheitsgründen dazu entschlossen, vorzeitig das Klimacamp zu beenden.

Mehr Angriffe bei weniger Unterstützung

Alina Baisch berichtet nicht nur über diese negativen Eindrücke. Sie hat überwiegend Menschen erlebt, die mit Interesse auf das Camp zugegangen sind. Dennoch gab es auch „Menschen, die nur zum Pöbeln mit uns reden wollten.“

Auf die Frage, ob er einen Unterschied zwischen Ost und West sieht, sagte mir Jonas Venediger: “Ich bin gerade in Niedersachsen und war heute im Klimacamp in Hannover und würde da und in anderen Klimacamps davon ausgehen, dass die Beteiligung der Zivilbevölkerung ähnlich groß ist, aber die Abneigung ist wesentlich geringer. Da hat man irgendwann akzeptiert, dass Hass keine Meinung ist.

Am 7. August gab es einen nicht politisch motivierten Zwischenfall in der Nähe des Klimacamps. Man bat daraufhin die Polizei, mehr Schutz zu gewährleisten. Daraufhin kündigte die Polizei den Aktivist:innen an, dass sie in der Nacht stündlich Streifen vorbeischicken würden. Nach dem Angriff am vergangenen Sonntag wurde erneut um mehr Polizeischutz gebeten.

Alina Baisch kritisiert, dass es 2020 nach einem ähnlichen Vorfall mehr Präsenz am Klimacamp gegeben hätte. Damals sei die Polizei in der Nacht auch längerfristig in der Nähe des Camps geblieben. Zudem, so Alina Baisch, wäre die stündliche Frequenz durch die Polizei nicht eingehalten worden.

Die Klimaaktivist:innen mussten daher auf eigene Nachtwachen zurückgreifen, die diese selbst stemmen müssten. Die Unterstützung der Ortsgruppe Halle war in diesem Jahr geringer ausgefallen, was wohl auch mit der Organisation und Teilnahme an einer Konferenz mit verschiedenen Ortsgruppen aus ganz Deutschland in Halle zusammenhing. „Coronamüdigkeit“ könnte dabei auch eine Rolle gespielt haben, so Baisch, aber in einem geringeren Maße, als man annehmen würde.

Alina Baisch (Fridays For Future Halle) setzt sich für mehr Klimaschutz in Deutschland ein. | Foto: Gunnar Hamann, Ostprog.de
Alina Baisch (Fridays For Future Halle) setzt sich für mehr Klimaschutz in Deutschland ein. | Foto: Gunnar Hamann, Ostprog.de

Solidarität mit dem Klimacamp zeigten auch Lokalpolitiker:innen von SPD, Die Linke und Die PARTEI aus Halle. Anders die AfD, die sogar ein Ende der Unterstützung für das Klimacamp in Halle forderte, wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtete. Angesprochen auf die Abwesenheit von Grünen und CDU Halle, stellt Jonas Venediger klar: „Insgesamt möchte ich betonen, dass wir überhaupt keine Solidarität brauchen.“ Dies begründet er auch mit dem Gebot der Überparteilichkeit von Fridays For Future.

Klare Kante gegen rechts, war das Versprechen von Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff im Landtagswahlkampf. Doch eine Äußerung zu den Übergriffen in Halle blieben bisher aus.

Jonas Venediger überrascht das nicht: “CDU und Haseloff sind nicht sehr äußerungsbereit, wenn es um rechtsextreme Angriffe es sei denn, der äußere Druck ist so groß, dass Position bezogen werden muss.Dies war etwa der Fall, als es in Seehausen einen Angriff mit einer Paintballwaffe durch eine als KKK-Mitglied verkleidete Person auf junge Klimaschützer:innen gab, bei denen ein Kind und ein Jugendlicher verletzt wurden.

"Keine der großen Parteien fährt gerade eine optimale Linie"

Das Klimacamp hat in diesem Jahr auf eigene Forderungen verzichtet. Der Kontakt mit der Bevölkerung ist für die Aktivist:innen derzeit im Wahlkampf besonders wichtig.

In diesem Jahr hat Alina Baisch den Kontakt zu den Menschen vermisst, die weder zu den Unterstützer:innen zählen, noch zu jenen, die einzig und allein den Konflikt suchen. Die Menschen, die “noch nicht überzeugt sind.” Diese zu erreichen, ist für die Aktivistin wichtig, denn zur Bundestagswahl, so Alina Baisch, hat bisher keine der großen Parteien einen Plan zum Klimaschutz, der sie überzeugt. Lediglich mit dem Programm der Partei “Klimaliste“, zeigt sie sich vollends zufrieden. Alina Baisch betont am Ende unseres Gesprächs: “Der soziale Punkt muss einfließen”, bezogen auf die Programme der Parteien zum Klimaschutz.

Jonas Venediger, Fridays For Future Bitterfeld.
Jonas Venediger – Fridays For Future Bitterfeld – setzt sich für Klimaschutz im Osten ein und kennt die Anfeindungen aus seiner Heimat Bitterfeld (Bild: Jonas Venediger).
Persönliches Fazit

Das Klimacamp Ost war selbst ein sozialer Punkt in der Stadt. Drei Wochen lang habe ich das Klimacamp journalistisch begleitet. Für drei Wochen waren dort Aktivist:innen aus Ost und auch West anwesend, haben Teile ihrer Sommer- oder Semesterferien und Arbeitszeit geopfert und mussten sich, so Alina Baisch, dann von einigen wenigen anhören, sie sollten sich einen Job suchen.

Meiner Meinung nach, sollten wir diesem Verhalten mit Anerkennung entgegenkommen und nicht mit Ressentiments entgegnen, die die eigenen Vorurteile der Öffentlichkeit vor Augen führen. Ob es eines Klimacamps im Jahr 2022 bedarf, entscheidet nun in der kommenden Zeit unsere Wahlentscheidung und anschließend die Politik.

Eines können wir jetzt schon wählen: Ob wir Respekt gegenüber einer Jugend haben, die reale Angst vor der Zukunft hat und diese Ängste erstnehmen, oder uns von Hasspredigern beeindrucken lassen.

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1 Comment

Ohne Kerosin nach Berlin – Zwischenhalt in Halle (Saale) | OSTPROG · 3. September 2021 at 23:28

[…] so Klara Bosch, eine Arbeit suchen. Ähnliche Antworten erhielt auch Alina Baisch (FFF Halle), wie sie mir im Gespräch am Rande des Klimacamps Ost […]

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