Foto: Silvio Bürger / Bildmontage: Leipzig fürs Klima.

Historisch gutes Klima auf der Sachsenbrücke

Aktionsbündnis erreicht Spendenziel für „Klimastreifen“

Das Klimabündnis „Leipzig fürs Klima“ hat sein Ziel erreicht. Über 10.000 € hat man für die Anbringung von Klimastreifen an der Sachsenbrücke gesammelt. Ab dem 18. April beginnt die Realisierung des Projekts, das seit mehreren Jahren in Planung ist. Über das Projekt und die Vision dahinter, sprach ich mit zwei Mitgliedern des Leipziger Bündnisses.

Steffen Peschel und Jörg Schwulst vom Aktionsbündnis Leipzig fürs Klima sind sich sicher: Die Sachsenbrücke in Leipzig war die richtige Wahl für das Projekt. Innerhalb weniger Wochen sammelte die Bewegung über 10.000 € für die Anbringung von Klimastreifen an der beliebten Rad- und Fußgängerbrücke.

Hinter dem Aktionsbündnis steht ein Ende 2020 gegründetes breites Netzwerk von Akteur:innen aus verschiedensten Leipziger Klimagruppen. Unterstützt wird die Kampagne vom Amt für Umweltschutz der Stadt Leipzig, sowie der ZukunftsAkademie Leipzig.

Klimastreifen als Bekenntnis zur Wissenschaft

Die Abbildung der Streifen von Klimawissenschaftler Ed Hawkins verdeutlichen den Anstieg der durchschnittlichen globalen Jahrestemperaturen von 1850 (links) bis 2018 (rechts). Der Klimawandel ist eindeutig menschgemacht, wie auch die aktuellen Berichte des Weltklimarats unterstreichen. Doch es gibt auch Hoffnung, dagegen vorzugehen. Erster Schritt: Erkenntnis. Dafür steht auch das Projekt des Leipziger Klimabündnis. (Abbildung: Ed Hawkins / CC BY-SA 4.0).

Die Abbildung der Streifen von Klimawissenschaftler Ed Hawkins verdeutlicht den Anstieg der durchschnittlichen globalen Jahrestemperaturen von 1850 (links) bis 2018 (rechts). Der Klimawandel ist eindeutig menschgemacht, wie auch die aktuellen Berichte des Weltklimarats (IPCC) unterstreichen. Doch es gibt auch Hoffnung, dagegen vorzugehen. Erster Schritt: Erkenntnis. Dafür steht auch das Projekt des Leipziger Klimabündnis. (Abbildung: Ed Hawkins / CC BY-SA 4.0).

Die Klimastreifen – auch „warming stripes“ oder „climate stripes“ genannt – zeigen den jährlichen Anstieg der Durchschnittstemperatur auf dem Planeten Erde. Entworfen hat diese der Klimawissenschaftler Ed Hawkins von der Universität Reading im Jahr 2018. International dient das Bild als Erkennungssymbol für die Klimabewegung. Insbesondere für die Scientists for Future. Diese führen die Klimastreifen im offiziellen Logo.

Darüber hinaus dient die Abbildung als Bekenntnis. Nicht jedoch für einen Glauben – wie eine radikale Minderheit von Klimaskeptiker:innen behauptet – sondern für einen wissenschaftlichen Fakt. Der menschgemachten Erwärmung des Planeten seit Beginn der Industrialisierung.

Für Jörg Schwulst haben die Streifen außerdem noch eine ganz fundamentale menschliche Bedeutung, die er auf seinen künstlerisch-gestalterischen Hintergrund als Grafiker zurückführt: „Ich bin ein Bild-Mensch. und ich glaube, das sind wir alle. Wenn ich dir das Wort »Baum« sage, wirst du zuerst wohl das Bild von einem Baum im Kopf haben und nicht die geschriebenen Worte.“ Solche Bilder, so sagt er, lösen in Menschen etwas aus und: „Wenn man ein starkes Bild findet, werden die Menschen neugierig und stellen Fragen, wenn sie es nicht verstehen. Darin sehe ich auch einen Teil des Potentials der Klimastreifen.“

Die Idee dazu formulierte zuerst Christoph Gerhards, bei einem gemeinsamen Treffen vor zwei Jahren, so Schwulst. Gerhards ist Mitglied des Bündnisses und auch aktiv für die Scientists for Future Leipzig. Die Überlegung fand Anklang, aber die praktische Realisierung blieb zunächst unklar. „Es gab anfangs die Idee, das mit Straßenmalkreide umzusetzen und einem großen Fest. Mir war aber klar, dass das nicht reicht. Die Farben mussten aus meiner Sicht im Originalton draufkommen“, so Jörg Schwulst.

„Bei der Aktion die wir hier machen, glaube ich mittlerweile nicht mehr an Zufälle“

Jörg Schwulst (im Bild) ist „kreativer Kopf“ der Kampagne, sagt Steffen Peschel. (Foto: privat / bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de).

Jörg Schwulst (im Bild) ist „kreativer Kopf“ der Kampagne, sagt Steffen Peschel. (Foto: privat / bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de).

Die Farben mussten also professional auf die Brücke gebracht werden, so Schwulst, der erklärt: „Mit einem relativ kleinen Team haben wir am Anfang versucht überhaupt eine Firma zu finden, die das machen kann und daran Interesse hat.

Die Suche gestaltet sich zunächst schwierig. Viele der Firmen melden sich auf Anfragen nicht zurück. „Das sind eben Baufirmen, die Standardmarkierungen anbieten“, erklärt Jörg Schwulst. Doch schließlich hat man Erfolg. Eine bundesweit tätige Firma mit einem Sitz in Delitzsch hat den Auftrag angenommen. Dort hat man für uns Farben gefunden, die lange haltbar sind. Diese Farben gibt es so nicht im Straßenbau. Da haben wir wirklich großes Glück gehabt.

Auch künstlerisch hat man Glück. Anfang Januar wird deutschlandweit gegen die Zerstörung des Dorfes Lützerath demonstriert. Auch das Leipziger Klimabündnis möchte ein Zeichen setzen. Jörg Schwulst sei an diesem Tag in seinen Keller gerannt. „Schnell zwei Holzlatten gelb angemalt und ein Schild drangeklebt mit »Leipzig bleibt«.“ Das gelbe Kreuz ist Zeichen für den Widerstand gegen die Pläne der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen.

Eigentlich wollte er das Kreuz nur für ein Foto an der Sachsenbrücke aufstellen, doch es kam zunächst anders. Die beiden Hip-Hop-Künstler der Gruppe SGK standen bereits auf der Brücke und performten Freestyle-Raps. „Die kannten das Thema Lützerath gar nicht so sehr, aber nachdem ich den beiden drei Worte zur Erklärung gegeben habe, haben die sofort aus dem Stegreif ein paar Strophen zu dem Thema Klimawandel gerappt.“

Eines führte zum anderen. Die Künstler sagten ihre Teilnahme an der Eröffnungsfeier für die Klimastreifen am 30. April zu und brachten selbst noch den Vorschlag ein: Warum nicht noch einen eigenen Song beisteuern? Die beiden schrieben den Track „4 Grad„, der vom Rap-Artist Sir Mantis produziert wurde. Das Klimabündnis unterstütze das Duo bei den Aufnahmen für das Video zum Song:

Für Jörg Schwulst „einfach eine supertolle Story. Gefühlt Zufälle, aber bei der Aktion die wir hier machen, glaube ich mittlerweile nicht mehr an Zufälle. Die Dinge haben sich gerade alle so gut gefügt mit dem Team dahinter und der Crowdfunding-Kampagne.

Ein neues Wahrzeichen für Leipzig

Steffen Peschel programmiert beruflich Webseiten. Es müsse mehr darüber geredet werden, welcher zeitliche Aufwand hinter dem Engagement der Klimabewegung steht. (Foto: privat / bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de).

Steffen Peschel programmiert beruflich Webseiten. Es müsse mehr darüber geredet werden, welcher zeitliche Aufwand hinter dem Engagement der Klimabewegung steht, sagt er. (Foto: privat / bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de).

Wer aus Leipzig kommt, der kennt die Brücke“, so Steffen Peschel. „Es ist auch ein Nadelöhr, weil es die größte Brücke für Radfahrer:innen über einen Kanal ist. Alle Radfahrer:innen aus Leipzig nutzen die Brücke, auch weil man damit den Autoverkehr sehr gut umgehen kann.

Jörg Schwulst nennt die Brücke einen „Ort für kulturellen und sozialen Austausch. Mitten im grünen Herzen von Leipzig. Die größte Brücke in der grünen Ader, die sich durch die Stadt zieht.“

Daneben sei es auch die Symbolik, die Steffen Peschel anspricht. Zur Bewältigung der Klimakrise, so sagt er, sei es Aufgabe der Klimabewegung, Brücken zu bauen. „Von der Vergangenheit, über die Gegenwart, in die Zukunft und zum anderen natürlich auch zum überwinden der Gräben in der Gesellschaft, die drohen, immer weiter aufzureißen.

Seine Hoffnung ist, dass das Bild der Sachsenbrücke mit den Klimastreifen über Leipzig hinaus eine Wirkung entfaltet. Man wolle Leipzig untrennbar mit dem Bild der Brücke verbinden. „Wir möchten da am liebsten auch ein neues Wahrzeichen schaffen für die Stadt.

Sollte die Kampagne noch mehr Geld generieren, würde man sich sogar für die Anbringung von Klimastreifen in weiteren Städten engagieren. Das Interesse ist da. Aus Wiesbaden, Mainz, Herford und einem Vorort von München seien bereits Anfragen eingegangen.

Auch historisch könnte die Kampagne in Deutschland bisher einmalig sein. Bislang sei den beiden keine vergleichbare permanente Anbringung der Klimastreifen an einem Ort im öffentlichen Raum bekannt. Eine mobile Variante gibt es in Freiburg, in Form einer Klimaschutz-Straßenbahn. Und auch in Mainz sei ähnliches angedacht. Einzig Cottbus hat am Hauptbahnhof ein Design für die Außenfassade gewählt, dass an die Streifen erinnert. Laut der Deutschen Bahn, ist die Farbgebung aber nicht an die Klimasteifen angelehnt, sondern an eine freie künstlerische Interpretation des alten Bahnhofdesigns.

Klimastreifen oder nicht am Cottbuser Hauptbahnhof? Laut der Deutschen Bahn nur eine Interpretation des alten Bahnhofdesigns. Manche haben daran Zweifel. (Foto: Wikipedia / Karatecoop / CC BY-SA 4.0).

Klimastreifen oder nicht, am Cottbuser Hauptbahnhof? Laut der Deutschen Bahn nur eine Interpretation des alten Bahnhofdesigns. Manche haben daran Zweifel. (Foto: Wikimedia Commons / Karatecoop / CC BY-SA 4.0).

Arbeiten für das Klima und Feiern für das Klima

Der Aufwand für die Realisierung der Klimastreifen an der Sachsenbrücke war enorm. Steffen Peschel programmiert beruflich Webseiten. Die Arbeit für das Klimabündnis erfolgt nebenher. „Da muss man schon hin und wieder aufpassen, dass das ehrenamtliche Engagement nicht auch Auswirkungen auf die Arbeit hat. Das muss man aber auch mal sagen finde ich: Das ist die Herausforderung, die sich alle Aktiven im Klimabereich stellen müssen. Alles was wir tun, geschieht im Rahmen der Freizeit. Das ist wirklich viel Zeit und Arbeit, die wir da reinstecken.

Doch die Arbeit trägt auch Früchte. Die Leipziger Volkszeitung veranstaltet einmal im Jahr ein Fest für ihre Leser:innen auf der Brücke. Mit einem Schmunzeln merkt Jörg Schwulst an: „Die müssen vermutlich dann beim nächsten Fest einiges erklären.

Auch das Klimabündnis Leipzig feiert. Am 30. April werden die Klimastreifen mit einem Fest eingeweiht. Neben SGK wird auch ein Tanztheater aus der Stadt eine Performance darbieten. Der Oberbürgermeister von Leipzig sei leider dienstlich verhindert. Vor Ort werde aber die Leiterin des Referats für Klimaschutz der Stadt Leipzig teilnehmen. „Sie ist auch froh, dass es uns als Initiative gibt, um die Arbeit des Referats zu unterstützen“, so Peschel. Sachsens Staatssekretär vom Ministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und LandwirtschaftGerd Lippold – werde ebenfalls teilnehmen.

Vor der Eröffnung am 30. April plant man am Ostermontag „eine große Reinigungsaktion“, für die noch Freiwillige gesucht werden, so Peschel weiter. Danach werden die ersten Streifen aufgetragen. Es geht jetzt los.

Auch ein Modell für Halle an der Saale? Derzeit arbeitet die Klimaschutzbewegung noch am Widerstand in der Stadt. Leipzig gilt vielen hier als Vorreiter. Brücken gibt es hier genug. Im Bild: Die Peißnitzbrücke im Erholungspark der Stadt. (Foto: Wikimedia Commons / Jwaller / CC BY-SA 3.0 / bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de).

Auch ein Modell für Halle an der Saale? Derzeit arbeitet die Klimaschutzbewegung noch am Widerstand in der Stadt. Leipzig gilt vielen hier als Vorreiter. Brücken gibt es hier genug. Im Bild: Die Peißnitzbrücke im Erholungspark der Stadt. (Foto: Wikimedia Commons / Jwaller / CC BY-SA 3.0) / bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de).

Jörg Schwulst weist abschließend auch noch einmal über Leipzig hinaus und fügt mit Blick auf die Nachbarstadt Halle an der Saale hinzu: „Wichtig wäre nochmal das ihr auf der Peißnitzinsel schaut, was es dort für Brücken gibt. Und nicht vergessen, dass ihr die Burg Giebichenstein habt. Die könnte sich ja auch was künstlerisch Wertvolles und Intelligentes zum Thema einfallen lassen.

Bis zum 30. April besteht noch die Möglichkeit, für das Projekt online zu Spenden.

* Titelbild: Foto: Silvio Bürger / Bildmontage: Leipzig fürs Klima.

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3 Comments

Jörg · 17. April 2022 at 8:50

Danke! Alles super auf den Punkt gebracht. Würde mich freuen, Dich am 30.4. auf der Brücke zu treffen.

    Gunnar Hamann · 18. April 2022 at 17:10

    Hallo Jörg,

    danke! Ich bin leider am 30. April nicht in der Gegend, wünsche euch aber eine erfolgreiche Eröffnung und heute nochmal frohe Ostern!

Sandra · 24. April 2022 at 18:38

Hallo aus Bonn! Ich finde das eine ganz tolle Aktion. Es gibt auch ein Cello-Stück, in dem die Erwärmung vertont wurde. Der „Song of our Warming Planet“ wurde von Daniel Crawford , ein Student von der University of Minnesota komponiert. Wir haben den Stück schon öfters mal gespielt in Verbindung mit den Warming Stripe Banner von S4F bei lokalen Aktionen und kreativen Events in Bonn. Falls Ihr einen Cellisten kennt, wäre das vielleicht noch eine Idee zur offiziellen Eröffnung am 30. April in Leipzig. Siehe https://www.youtube.com/watch?v=8xv-2g6_Ml8 Unter diesem Link findet Ihr die Noten https://ensia.com/videos/a-song-of-our-warming-planet/

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