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Inside "Initiative Familien"

Ein Vater will reden

Markus Schenk ist zweifacher Vater und seit Anfang Dezember in der internen Facebookgruppe der Initiative Familien aktiv. Bei meinen eigenen Recherchen fiel er mir bereits auf, als jemand der differenziert und interessiert an Argumenten ist. Ein starker Gegensatz zu anderen Accounts, die sich an der Gruppe beteiligen. Vor kurzem wurde er aus der Gruppe ohne Erklärung entfernt, weil er die Schüler:innen-Petition von #WirWerdenLaut teilte. Ein Gespräch über seine Motivation und Eindrücke aus der Gruppe.

Ostprog: „Hallo Herr Schenk, wie sind Sie auf die Gruppe aufmerksam geworden?“

Markus Schenk: „Ich bin seit ungefähr zwei Jahren auf Twitter aktiv. Die Plattform nutze ich als Informationsquelle zur wissenschaftlichen Seite in der Coronapandemie, aber auch im Hinblick auf Schule unter dem Gesichtspunkt »Corona und Kinder«.

Damals bin ich schon recht früh auf die Initiative Familien aufmerksam geworden, die damals noch Familien in der Krise hießen. Ich habe da auch mitgelesen. In meiner eigenen Bubble überwiegt schon eher die Einstellung, dass Infektionsschutzmaßnahmen an Schulen sinnvoll sind und eine gewisse Vorsicht überwiegt.

Dann habe ich mich im Dezember 2021 entschieden, der Facebookgruppe beizutreten. Meine Hoffnung war, besser zu verstehen, wie die meisten Eltern und Mitglieder in dieser Gruppe ticken. Auf Twitter hatte ich mitbekommen, dass der überwiegende Teil dort davon ausgeht, dass Corona für Kinder generell nicht schlimm sei und dass Masken und Tests »ganz furchtbar« seien. Salopp gesagt.

Ich habe dazu eine ganz andere Meinung und wollte das nutzen, um eine andere Perspektive in die Gruppe einzubringen. Persönlich bin ich auch sehr offen für Diskurs auf einer sachlichen Ebene, aber empathisch ggü. den Bedürfnissen der Kinder. Ich versuche mich in andere Positionen reinzudenken. Das war mein Anliegen. Andere Positionen einzubringen und zu schauen, wie der Diskurs dort abläuft. Die Hoffnung war auch: Vielleicht lesen einige dann auch still mit, so dass man auch darüber etwas bewirken kann.“

Eine Auswertung von Ostprog.de zum Mitgliederwachstum der Facebookgruppe. Die Hälfte der heutigen Mitglieder stammen aus dem Zeitraum vom 14. Mai 2020 (Gründung) bis Mitte Juli 2020. Anfang Januar 2021 waren es bereits 75% der heutigen Mitglieder. Zahlen zum Schwund von Mitgliedern, sind den Admins der Gruppe vorbehalten.

Ostprog: „Könnten Sie noch etwas mehr dazu sagen, wie Ihr Eindruck von der Initiative vor Ihrem Beitritt auf Facebook war?“

Markus Schenk: „Ich habe das auch schon vorher als etwas einseitig wahrgenommen. Zuvor bin ich auch, auf ein damaliges Mitglied aufmerksam geworden, dass selbst einen wissenschaftlichen Hintergrund hat. Von diesem Mitglied habe ich schon sehr fundierte und sachliche Dinge gelesen. Trotzdem war auch da mein Eindruck, dass prinzipiell eher die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen an Schulen kritisiert wurden.

Auch damals habe ich mich schon in die Diskussion eingelesen, war aber nicht sonderlich aktiv, weil ich nicht interessiert war am öffentlichen Bashing, was man da recht häufig gesehen hat.“

Ostprog: „Ich finde Ihren Antrieb sehr spannend, zu sagen: »Ich gehe in die Gruppe hinein mit dem Anspruch die Diskussion zu versachlichen«. Könnten Sie darauf noch etwas näher eingehen?“

Markus Schenk: „Von meiner Ausbildung bin ich Physiker und bin sehr diskussionsfreudig. Mich interessieren die Hintergründe, Ansichten und Fakten und wie Menschen sich daraus Meinungen bilden. Offen gesagt war auch ein Antrieb mal zu testen, wie dort auf bestimmte Postings reagiert wird, die andere Aspekte betonen.

Am Anfang der Pandemie bin ich auf die NoCovid-Initiative gestoßen und da gibt es Namen, die einige dort offenbar sehr triggern. Menno Baumann zum Beispiel, der in meinen Augen ein sehr guter Pädagoge ist, der recht vielschichtig darüber nachdenkt, wie man verschiedenen Interessensgruppen dabei helfen könnte, gut durch die Pandemie zu kommen.

Von ihm hatte ich auch ein paar Interviews und Beiträge in die Gruppe gestellt. Ich war aber eher enttäuscht, weil die Antworten meistens eher recht dürftig waren bzw. einseitig. Selbst wenn in einem Artikel nur teilweise Impfungen als Maßnahme besprochen werden, waren die Antworten meistens: »Jedes Kind kann sich doch jetzt impfen lassen«. Vielschichtige Lösungskonzepte aus dem Artikel kamen da gar nicht an. Die Resonanz auf Konzepte wie verkleinerte Schulgruppen, haben das ebenfalls gezeigt.

Mein Eindruck war, dass es eine relativ frühe Meinungsbildung in der Gruppe gab. Wodurch man sich dort so schnell festgelegt hat, kann ich nicht sagen. Es scheint allein darum zu gehen, Schulen wieder so zu öffnen, wie es vor der Pandemie war, obwohl wir noch mittendrin sind. Chancen der langfristigen Weiterentwicklung der Schulen wurden nicht gesehen.“

Dieser Beitrag von Markus Schenk wurde nach kurzer Zeit gelöscht. Damit ging auch eine – aus seiner Sicht – interessante Diskussion verloren. Solidaritätsbekundungen mit Querdenken verbleiben hingegen unmoderiert in vereinzelten Diskussionen.

Ostprog: „Wie ist Ihre Einschätzung bezüglich der Gruppe? Rein von der Art der Argumentationen und wie man mit Gegenargumenten umgeht. Gibt es da aus Ihrer Sicht gewissen Parallelen zur Argumentationslogik von Querdenken?“

Markus Schenk: „Meine Wahrnehmung ist, dass das auf einen merklichen Anteil der Mitglieder der Gruppe zutrifft. Kurz bevor ich jetzt aus der Gruppe ausgeschlossen wurde, hatte ich einen Artikel zu #WirWerdenLaut gepostet. Eines der Mitglieder schrieb dann sinngemäß: »Der Begriff ‚Querdenker‘ ist in Verruf gekommen, aber eigentlich will ich mir doch auch meine Meinung frei und selbst bilden.«

Das ist eine häufige Argumentation zu sagen: »Natürlich laufen da ein paar Rechte mit, aber irgendwie ist es ja trotzdem Meinungsfreiheit und ich will dann die Demo nutzen.« Das habe ich schon im Hinblick darauf, so wahrgenommen. Meine Antwort war, dass auch der Begriff »Spaziergänger«, mittlerweile auch nicht mehr im neutralen Sinne so zu gebrauchen sei. Daraufhin schaltete sich dann sogar ein Admin der Gruppe ein und fragte, ob ich das ironisch meinen würde.

Die Nutzerin schrieb dann noch, dass sie am Montag bei den „Spaziergängen“ auch oft dabei sei. Kurz darauf, bin ich dann aus der Gruppe rausgeflogen und mein Beitrag in der Gruppe wurde gelöscht. Ein weiteres Mitglied wurde ebenfalls aus der Gruppe geschmissen, vermutlich weil es positiv auf meinen Beitrag reagiert hatte.

Im Gegensatz dazu muss man aber auch sagen: Wenn die Admins der Initiative Familien etwas kommentiert haben, dann war man schon eher vorsichtig. Da war es jetzt nicht so, dass man eine Nähe ganz eindeutig sehen kann. Viele Kommentare von einfachen Mitgliedern, haben allerdings schon häufiger diesen Eindruck bei mir hinterlassen. Da stellt sich dann natürlich schon die Frage, wie man dann als Admin oder Gruppe sich positioniert. Das hat mir gefehlt.“

„Die Natur geht ihren Weg“

In der Gruppe der Initiative Familien ist auch die WELT-Autorin Marit Schnackenberg aktiv, die bereits zuvor Thema bei mir war. Auf Facebook teilte sie in der Gruppe am 31. Januar einen Beitrag ihrer – mit Initiative Familien und LautFürFamilien vernetzten – Initiative, KinderBrauchenSchule. Am gleichen Tag, schrieb sie auf Twitter folgendes:

Ostprog: „Sie haben dazu Stellung bezogen?“

Markus Schenk: „Ja, sie hat damit ganz klar Stellung zu „Pro-Durchseuchung“ der Kinder bezogen. Die Nähe zu Darwinismus und »survival of the fittest« drängt sich auf. Sie wies mich dann unter anderem darauf hin, dass sie seit Mai 2020 bei KinderBrauchenSchule engagiert sei und, dass sie es »einen schönen Hinweis« von mir fand, dass es »eben unterschiedliche Ansichten und Referenzierungen gibt«.“

Auf den Vorwurf, dass es in der Aussage eine Nähe zum Sozialdarwinismus gebe, reagiert Frau Schnackenberg mit dem Verweis auf „verschiedene Ansichten“.

Ostprog: „Anmerkung von mir: Diese Kommentare von Ihnen unter dem Beitrag von Frau Schnackenberg wurden von Admins nachträglich gelöscht. Was mich noch interessieren würde: Die Gruppe ist relativ groß. Es sind fast 3000 Mitglieder auf Facebook. Was ist Ihr Eindruck? Im Vergleich zur Anzahl an Mitgliedern: Wie schätzen Sie dahingehend die relative Interaktion in der Gruppe ein?“

Markus Schenk: „Da würde ich schon sagen, dass es vergleichsweise wenig Interaktion ist. Wir reden von 20 bis 50 Likes unter Postings, wenn es mal gut läuft. Bei fast 3000 Leuten. Das finde ich jetzt nicht so sonderlich viel. Auch von der Anzahl der Kommentaren her.

Es gibt einige, die da immer wieder auftauchen und ihre Meinung kundtun wollen. Die argumentieren auch im Wesentlichen immer gleich. Mein Eindruck war aber, dass es nicht so sonderlich interaktiv ist. Ich kann es schwer einschätzen, wie sich diese 3000 Leute da aufteilen und aus welchen Beweggründen man da drin ist. Auf jeden Fall bezeichnend, dass ich mit meinem eigentlich sachlichen und diskursoffenen Ansatz nun aus der Gruppe kommentarlos entfernt wurde.“

Ostprog: „Danke für das Gespräch.“

Eine Auswertung der Facebookgruppe durch Ostprog.de zeigt die Verteilung der Mitglieder auf die einzelnen Bundesländer.

Nachtrag vom 26. Februar:

Wie angekündigt noch eine Auswertung der Mitglieder nach Arbeitsbranche und Branchenposition. Von den 2905 auswertbaren Mitgliedern ließen sich 606 Mitglieder (~20,9%) aufgrund der Daten einer Berufsgruppe und Position zuordnen. Viele der Mitglieder sind selbständig beschäftigt. Unter den am meisten vertretenen Branchen findet sich die Beratung (10,23%), das Gesundheitswesen (~8,58%), das Sozialwesen (~7,43%) und das Bildungswesen (~5,28%).

Neben Beratungstätigkeiten im Kontext größerer Firmen fiel auf, dass die selbständigen Berater:innen insbesondere im Bereich der Familien-/Gesundheitsberatung tätig sind. Sieben solcher Berater:innen (~1,16%)  habe ich aufgrund ihrer Tätigkeit der Esoterikszene zugeordnet. Beispielsweise war ein:e Berater:in darunter, die behauptete, über Astralenergie heilen zu können.

In der Gruppe sind 21 Personen (~3,47%) anzutreffen, die journalistisch tätig sind. Sei es freiberuflich oder für Frauenzeitschriften oder größere Funkhäuser. Insgesamt sind 9 Landtagsabgeordnete (~1,49%) in der Gruppe. Überwiegend stammen diese aus der FDP, es gibt darunter aber auch Abgeordnete von CDU und SPD.

Die einbettungsfähigen Grafiken zur Auswertung sind weiter unten einsehbar. Die Daten (anonymisiert) können darüber auch heruntergeladen werden.

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