Titelbild: Aluhut von Wikipedia-Nutzer:in Rory112233, hier abrufbar. Lizensiert unter CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de. Logo der Initiative Familien, https://www.initiativefamilien.de/.

Initiative Familien trifft Goldener Aluhut

„Kinder gehören in die Schule“, aber selbst nichts gelernt

Die Initiative Familien hat an einem Webinar des Goldenen Aluhuts teilgenommen, nachdem diese zuvor in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder durch Interaktionen, Positionen und Aussagen eines ehemaligen Mitglieds in die Nähe von Querdenken gerückt war. Eine Auswertung der Workshopinhalte bestätigt nun meinen Verdacht: Gelernt hat die Initiative Familien trotz der Hilfestellung nichts.

Vorgeschichte

Mitte November entschuldigte sich die Initiative Familien (IF). Über einen Monat nach der Veröffentlichung meiner Recherchen – basierend auf der Arbeit von Filder Nazifrei – räumte man ein, einen Fehler gemacht zu haben. Eine vorherige Anfrage bei der Initiative bliebt unbeantwortet.

Konkret ging es um eine Demonstration in Stuttgart, die gemeinsam mit der Querdenkerin Daniela B. organisiert wurde. Einen Hinweis auf meinen Beitrag sucht man im Entschuldigungstext vergebens. Wieso IF-Vorstandsmitglied Zarah Abendschön-Sawall den von Daniela B. verwendeten Begriff „Impfpropagandafilm“ in einer Antwort an diese ignorieren konnte, dazu bezog die Initiative im Schreiben keine Stellung.

Doch auch nach der Entschuldigung blieb es nicht ruhig um die Initiative. So konnte ich bei der Untersuchung des Netzwerks der sogenannten „Kindertruppe“ auf Twitter nachweisen, dass es zwischen dem Twitteraccount der Initiative und der zu Querdenken offenen Kindertruppe einige Überschneidungen gibt. Nach dieser Recherche erhielt ich eine Morddrohung von einem Account, der mit der Querdenker-Gruppierung der Heiner Ultras in Verbindung zu stehen scheint. Eine Gruppierung, die auf entsprechenden Demonstrationen auftaucht und nachweislich Morddrohungen gegen Karl Lauterbach ausgesprochen hat.

Mit diesem Screenshot hatte alles begonnen. Daniela B. teilt einen internen Chat mit Zarah Abendschön-Sawall.

Im Dezember erhielt ich interne Dokumente von einem ehemaligen Mitglied der Initiative. Diese belegten unter anderem, dass die ehemalige Bundesfamilienministerin der CDU – Kristina Schröder – sich über das Jahr 2020 mehrfach informell mit Mitgliedern der Initiative traf. Zuvor war nur ein Treffen bekannt. Zudem, so schrieb mir das ehemalige Mitglied, habe sich die Initiative „in Richtung Querdenker entwickelt, bzw. Positionen kopiert.

Am 9. Januar veröffentlichte die Initiative einen weiteren offenen Brief, der vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Jonas Schmidt-Chanasit, Klaus Stöhr sowie hochrangigen Mitgliedern der Fachverbände der Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) und der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK) unterzeichnet wurde.

Die einzige Antwort die ich dazu auf Nachfrage erhielt, stammte von Klaus Stöhr, der sich auf die Entschuldigung der Initiative vom November stützte. Nach erneutem Hinweis auf die späteren Recherchen, schwieg Stöhr jedoch. Der Pressesprecher der DGKH – Peter Walgerbeendete ein Telefongespräch am 3. März, als ich ihn auf die Initiative ansprach.

Ebenfalls entgegen dieser Hinweise, veranstaltete die FDP Bayern am 11. Januar eine Podiumsdiskussion mit einer Vertreterin der Initiative. Sabine K. – bis dahin Vorstandsmitglied der IF – kündigte dabei ihren Rückzug an. Sie sagte außerdem: „Wir sind sicher keine Querdenker:innen“. Sie bezog sich dabei – ebenso wie Julika Sandt (MdL, FDP Bayern) und Klaus Stöhr – lediglich auf die Vorwürfe zur Demonstration in Stuttgart. Nie jedoch auf die später nachgewiesenen Kontakte und Interaktionen. Gleichzeitig äußerte sie dort erstmals, dass man im Kontakt mit dem Goldenen Aluhut stehen würde, um ein Webinar zur Sensibilisierung durchzuführen.

Make Facts Great Again

Der Goldene Aluhut ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Berlin, die vor allem durch ihre jährliche Verleihung des namensgebenden Goldenen Aluhut bekanntgeworden ist. Es handelt sich um einen Negativpreis, der an Personen, Gruppen oder Organisationen verliehen wird, die sich darum „bemühen“, Verschwörungsglauben und Desinformationen zu verbreiten.

Der Initiator der Querdenkenbewegung – Michael Ballweg – wollte sich den Preis für 2020 sogar einklagen, was zu einer gerichtlichen Posse führte, die erst am 24. Februar dieses Jahres ihr Ende fand. Ein lesenswerter Bericht von der Preisverleihung 2021 findet sich beim Volksverpetzer.

Daneben ist die Organisation auch auf verschiedenen sozialen Plattformen tätig und leistet Aufklärungsarbeit zum Erkennen von Verschwörungsnarrativen und falschen Fakten. Als Dienstleistung bietet man auch verschiedene kostenpflichtige Workshops an.

Giulia Silberberger vom Goldenen Aluhut auf einer Preisverleihung der gemeinnützigen Organisation. (Bildrechte: Goldener Aluhut).
Giulia Silberberger vom Goldenen Aluhut auf einer Preisverleihung der gemeinnützigen Organisation. (Bildrechte: Goldener Aluhut).

Zunächst, so sagte man mir auf Anfrage via Mail, sei ein Basisworkshop für den 19. Januar geplant gewesen. Ein Abschlussgespräch zu diesem Workshop fand am 18. Februar statt.*

Aufgrund des Geschäftsgeheimnisses, könne man mir nicht mitteilen, was in den Sitzungen passiert sei. Jedoch ermöglichte mir Giulia Silberberger vom Goldenen Aluhut freundlicherweise einen Zugriff auf die Inhalte der Workshops.

Insgesamt erhielten Mitglieder der Initiative drei Vorträge zu folgenden Themen:

  • The tools of the trade: Die besten Werkzeuge für Recherche und Faktenchecks
  • Gefahren durch Verschwörungsglauben
  • Verschwörungserzählungen und Kindeswohl

In letzterem Workshop heißt es unter anderem: Es kann bei Eltern, die an Verschwörungserzählungen glauben, zu „gesundheitliche[n] Fehleinschätzungen“ kommen. Beispielhaft genannt wird dabei unter anderem die „Verweigerung von Elternteilen von Maßnahmen der Pandemiebekämpfung (Masken- und Testpflicht).

Selbstverteidigung gegen Verschwörungsnarrative

Ich werde hier stark verkürzt einige der Inhalte skizzieren, auf die man die Mitglieder der IF hingewiesen hat. Später überprüfe ich anhand dieser Inhalte, ob die Initiative in ihrer Außenkommunikation sowie einzelne Mitglieder in der Zwischenzeit gelernt haben.

Im Workshop „The tools of the trade” wurden Wissenschaftsgrundlagen vermittelt. Darunter wurde auch auf die Problematik der falschen Ausgewogenheit („false balance“) hingewiesen und auf den Unterschied zwischen wissenschaftlichen Einzelmeinungen und dem wissenschaftlichen Konsens.

Auf einer der Folien vom Goldenen Aluhut geht es um die Frage, ob die Impfstoffe sicher sind. Die Antwort auf der Folgefolie lautet: „JA!“ Erklärt wird auch, was es mit Impfdurchbrüchen auf sich hat. Abschließend lautet ein Zitat: „Pandemien gehen vorbei. Die Frage ist immer nur, wie viele Opfer wir vermeiden können oder in Kauf nehmen wollen.“ Das zusammenfassende Fazit aus dem Workshop:

  • Immer eine zweite Quelle suchen
  • Meldungen im Kontext lesen und einordnen
  • Ergebnisoffen herangehen (Confirmation Bias!)
  • Ist die vorgebliche Expertise echt?
  • Im Zweifelsfall nicht weiter teilen!
Rüdiger Reinhardt vom Goldenen Aluhut. Er leitete einen der Vorträge im Webinar. (Bildrechte: Goldener Aluhut).

Im Workshop „Gefahren durch Verschwörungstheorien“ wurden unter anderem Diskussionstaktiken des Populismus vorgestellt. Darunter Derailing, Sealioning, Dog Whistling und Whataboutism. Als weitere Strategien des Populismus werden unter anderem genannt:

  • Onlinepetitionen starten
  • Verwaltungsgerichte und Behörden mit Verwaltungsakten lahmlegen wollen
  • Wording übernehmen oder Wortbedeutungen umkehren
  • Opferrolle einnehmen durch vermeintliches Sympathisieren mit Opfern von Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Als Tipps zum Umgang mit solchen Strategien und Taktiken weist man in den Folien unter anderem auf Poppers Toleranz-Paradoxon hin, sowie auf die Technik der Gewaltfreien Kommunikation. Als mögliche Gefahr wird benannt, dass populistische Gruppierungen durch Präsenz und Lautstärke den Eindruck von Relevanz erwecken könnten sowie auf die Gefahr einer Radikalisierung. Als Beispiel für solche Radikalisierungstendenzen wird unter anderem auf Querdenken hingewiesen.

Immunisiert?

Am 20. Januar erschien Zarah Abendschön-Sawall in einem Interview bei Stimme.de, entschuldigte sich im Namen der Initiative und versprach, dass diese in Zukunft besser aufpassen will. Das war wenige Tage nach dem Seminar. Bereits damals machte ich die Beobachtung, dass sich am Onlineverhalten von Abendschön-Sawall und Agnes Horvath (IF Hessen) nichts geändert hatte.

Ein Blick auf das, was in der Zwischenzeit passiert ist, im Abgleich mit den Workshopinhalten.

Stand der Impfkampagne

Nun muss man im Fall der Initiative fairerweise hinzufügen, dass es insbesondere um die Gruppe von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 6 bis 17 Jahren geht.

Für die Altersgruppe von 12 bis 17 Jahren gibt es bereits eine generelle Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Im Januar wurde von der STIKO sogar unter anderem eine Auffrischungsimpfung für diese Altersgruppe empfohlen.

Für die Altersgruppe von 5 bis 11 Jahren gibt es seit Dezember bislang nur eine Impfempfehlung bei Vorerkrankungen. Dennoch können auch Kinder ohne Vorerkrankung auf individuellen Wunsch geimpft werden.

Im Weiteren beziehe ich mich hier nur auf die Gruppe der Kinder von 12 bis 17 Jahren, denn für diese gibt es eine klare Impfempfehlung. Zunächst ein Vergleich der derzeitigen Impfquoten in den Altersgruppen in Deutschland:

Immunisiert? Die Antwort auf Ebene der Initiative

Es ist offensichtlich, dass die Impfquoten in den unteren Altersgruppen weit hinter denen der restlichen Bevölkerung zurückbleiben. Bezogen auf diese Altersimpflücke wäre es im Hinblick auf die klare Empfehlung der STIKO eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für das Impfen zu werben. Am 4. März kam die Initiative Familien diesem Aufruf auch nach. Allerdings nicht für Impfungen gegen Corona, sondern HPV-Viren.

Einen generellen Aufruf zum Impfen gegen Corona in der Altersgruppe von 12 bis 17 Jahren sucht man auf den offiziellen Kanälen der Initiative vergebens. Über mögliche Gründe dafür, habe ich in der Vergangenheit bereits geschrieben. Die Kommunikation der Initiative Familien dazu erklärt sich auch im Hinblick auf ihre Ansichten zur Impfung und den Botschaften, die die Initiative nach außen vertritt:

Am 3. März schreibt Sina Denecke auf der Homepage der Initiative: „Eine Impfung schützt vor schwerem Verlauf, aber nicht vor Infektion.“ In dieser Pauschalität ist die Aussage aber falsch, denn bisher stellt das Robert Koch-Institut (RKI) fest: „Wie hoch das Transmissionsrisiko unter Omikron ist, kann derzeit noch nicht bestimmt werden.“ Selbst wenn unter Omikron die Impfung einen verminderten Infektionsschutz hat, bedeutet das nicht, dass dieser gar nicht vorhanden wäre.

Denecke fordert weiter, dass alle Maßnahmen an Schulen zum 20. März fallen sollen. Die Begründung ist interessant. Corona sei vergleichbar mit „vielen anderen Lebensgefahren“, darunter Influenza oder das RSV-Virus. Zudem behauptet Denecke, die nach meinen Informationen für die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative zuständig ist: „Mittlerweile ist unbestritten, dass Kinder weder infektiöser sind als Erwachsene (das Gegenteil ist der Fall) noch besonders gefährdet.

Die Initiative Familien nutzt sehr gerne Bilder von traurigen Kindern mit Maske. Hier ein Screenshot der Homepage. Originalbildquelle unbekannt. Der Ursprungslink geht ins 404.
Die Initiative Familien nutzt sehr gerne Bilder von traurigen Kindern mit Maske. Hier ein Screenshot der Homepage. Originalbildquelle unbekannt. Die Herkunft wird nicht benannt. Der Ursprungslink über die Bildersuche geht ins 404.

Quellenangaben für diese Behauptungen sucht man vergebens. Grundsätzlich, so schreibt das RKI am 26. November 2021, sei „eine Übertragung von SARS-CoV-2 von und innerhalb jeder Altersgruppe möglich. Zwar ist das Transmissionsrisiko durch jüngere Kinder nicht abschließend geklärt, jedoch sind Kinder für SARS-CoV-2 suszeptibel und können auch innerhalb der jeweiligen Altersgruppen übertragen.

Das RKI stellt auch fest, dass die Infektiosität im Kindesalter aufgrund der Studienlage „bisher nicht abschließend bewertet werden“ kann. Es gibt zwar Hinweise darauf, dass die Viruslast bei jüngeren Kindern abnimmt, allerdings ist weiterhin offen, ob die festgestellten Unterschiede auch klinisch signifikant sind, zumal der Nachweis über PCR auch mit Einschränkungen behaftet ist.

Eine realweltliche Untersuchung ist aus wissenschaftsethischen Gründen aber nicht möglich, denn dafür müsste man Kinder bewusst infizieren. Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass Kinder eine ähnliche Infektiosität wie Erwachsene haben.

Eine solche Einordnung sucht man hier jedoch vergebens. Stattdessen wird über einen „Whataboutism“ ein Vergleich anderer Viruserkrankungen bemüht. Nicht nur wurde auf eine zweite Quelle verzichtet, wie der Goldene Aluhut empfiehlt, man hat seine Quellen nicht einmal offengelegt. Für eine nüchterne Betrachtung wäre auch eine Einordnung bezüglich des Risikos von PIMS und Long Covid notwendig. Eine solche Einordnung sucht man im Text ebenfalls vergeblich und es bleibt eigentlich nur den vom Goldenen Aluhut besprochenen „Confirmation Bias“ zu unterstellen.

Das Thema „Long Covid“ wird zuletzt am 13. Dezember auf der Homepage gestreift. Die Rede ist davon, dass Long Covid bei Kindern „selten“ sei, ohne Einordnung. Außerdem, so Tobias Oelbaum, Angestellter beim Europäischen Patentamt und Mitglieder IF Bayern, sei Long Covid selten oder „kaum von Lockdown-Folgen zu unterscheiden.“ Es werden drei Quellen genannt. Zwei davon sind im Frühjahr 2021 entstanden und damit stark veraltetet. Wir wissen mittlerweile bei weitem mehr über die Erkrankung. Die dritte Studie widerspricht der Lesart von Oelbaum.

Zur Selbstauskunft gaben unter den 12- bis 16-Jährigen 5,7% an, noch 12 Wochen nach einer Infektion unter Einschränkungen zu leiden. 2,7% der Teilnehmer:innen in dieser Altersgruppe berichteten hierbei sogar von sehr starken Einschränkungen bei täglichen Aktivitäten. Diese Studie verwendet eine Kontrollgruppe. Somit ist Long Covid definitiv von Lockdown-Folgen abzugrenzen. Eine klinische Diagnostik ist aufwendig, aber nicht unmöglich.

Dass man bei der IF mittlerweile ernsthaft dazu tendiert, die Gefährlichkeit von Corona bei Kindern und Jugendlichen mit der Influenza zu vergleichen, zeigt sich auch daran, dass dieser Kommentar vom 23. Februar in der Facebookgruppe der Initiative Familien unmoderiert blieb. Welche seriösen Wissenschaftler das behaupten, ist mir nicht bekannt:

Es gibt keine Forschung, die das hier behauptete belegt. Moderiert wird der Kommentar jedoch nicht.
Es gibt keine Forschung, die das hier behauptete belegt. Moderiert wird der Kommentar jedoch nicht.
Immunisiert? Die Antwort auf Ebene der Mitglieder

Zarah Abendschön-Sawall schrieb am 22. Februar auf Twitter: „Also brauchen wir Maskenpflicht, weil Eltern selbst entscheiden ihr Kind nicht impfen zu lassen?“ Weiter schreibt sie: „Erklären Sie bitte mal warum bei Kindern mit geringerem Risiko für Hospitalisierung und Impfmöglichkeit strengere Regeln bestehen als für Erwachsene an anderen Orten. Das Ziel ist doch Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitssystems und nicht »Eigenschutz« um jeden Preis.“ Zur Erinnerung: auch wenn das Risiko bei Kindern geringer ist, ist dieses nicht einmal annähernd bei null. Erwähnt wird ebenfalls nicht, dass die Impfquoten mit denen der Altersgruppe der Erwachsenen derzeit nicht im Ansatz zu vergleichen ist.

Die Journalistin Janina Lionello (Nürnberger Nachrichten) zitierte auf Twitter Milan Renner (Initiative Familien Berlin), der in einer vielkritisierten ZDF-Sendung von Berlin Direkt sagte: „Vulnerable können sich nun alle impfen und boostern und FFP2 tragen und haben jede Menge individuelle Schutzmaßnahmen zur Verfügung. Es gibt keinen Grund mehr, Schüler in ihrem Alltag einzuschränken.“ Zarah Abendschön-Sawall verbreitete auf ihrem Account diese Aussage.

Am 1. März offenbart Abendschön-Sawall einen Mangel an Medienkompetenz und kritisiert das Angebot (!) einer Impfung für Geflüchtete aus der Ukraine. Die zugrunde liegende Meldung wird weder von Abendschön-Sawall noch Franziska Briest in den Kontext eingeordnet. Beide übernehmen die verzerrte Darstellung von Christian Winter. Franziska Briest ist ehemaliges Mitglied der Initiative Familien und ebenfalls Mitglied von RapidTest, einem Think Tank, der nachweislich in der Vergangenheit mit der Initiative Familien kooperiert hat.

Winter ist eindeutig dem Spektrum von Querdenken zuzuordnen und verbreitet etwa solche Verschwörungsnarrative: „Ich kann schon verstehen, dass es Eltern einfach nicht wahrhaben wollen, dass ihre Kinder 2 Jahre massiv fremdnützig und unter Vortäuschung falscher Tatsachen eingeschränkt wurden. Hilft aber nichts, so war es eben.

Weiter offen für Querdenken

Das Abendschön-Sawall nichts aus den genannten Workshops mitgenommen hat, offenbart sich auch im Hinblick auf ihr generelles Verhalten auf Twitter. So liket sie mehrfach Tweets von Ulrike Guérot, die eindeutig Verschwörungsnarrative setzt und nimmt so an der Verbreitung ihrer Botschaften teil. Ein weiterer Tweet den sie liket: „Die einzigartige [Ulrike Guérot] ist wieder da ❤“. Diese Interaktionen stammen alle aus der Zeit nach dem Webinar. Agnes Horvath von der IF in Hessen, liket ebenfalls Tweets von Guérot.

Zum Vergrößern der Darstellung auf das jeweils angezeigte Bild klicken/tippen.

Einen Like lässt sie ebenfalls für einen Tweet vom Guérot-Account da, als diese ankündigt, gegen die allgemeine Impfpflicht unterschrieben zu haben. Das wäre an sich noch nicht problematisch. Problematisch ist, dass Abendschön-Sawall nicht die Quelle dahinter prüft. Die Plattform CitizenGo wird unter anderem von einem russischen Oligarchen gelenkt und arbeitet in ganz Europa an Positionen, die rechtspopulistische Kräfte stärken sollen, so Patricia Hecht für die taz.

Generell hat sich am Verhalten von Abendschön-Sawall nichts verändert. Abendschön-Sawall hat im Zeitraum vom 3. März (8:50 Uhr) bis zum 24. Februar (9:17 Uhr), also dem Zeitraum einer Woche, 1032 Tweets geliket. Rund 32% ließen sich nach grober (!) Sichtung als Accounts mit offensichtlicher Nähe zu Querdenken, bzw. der zu Querdenken offenen Kindertruppe zuordnen. Der Account „mobileflo“, der sich beiden Kategorien zuordnen ließe, wird vom Hauptaccount der IF am 4. März auch direkt zitiert. Mobileflo teilt zahlreiche bekannte Accounts von Querdenken, darunter Henning Rosenbusch.

Die Auswertung kann man dieser Darstellung entnehmen:

Agnes Horvath hat im gleichen Zeitraum 1432 Tweets geliket. Davon waren etwa 35% den beiden Kategorien zuzuordnen:

Rein qualitativ lässt sich aus den Interaktionen auf Twitter ableiten, dass beide überwiegend der Expertise von Jonas Schmidt-Chanasit und Klaus Stöhr vertrauen. Stöhr selbst, war bei früheren Recherchen bereits durch seine Interaktionen mit Querdenken auf Twitter aufgefallen. Rund 18% seiner Likes gingen im Zeitraum vom 8. Januar 2022 bis 4. Juli 2021 an Accounts, die Narrative von Querdenken bedienen. Stöhr unterstützte kürzlich die Initiative MV für Kinder, die von einem aktiven Mitglied der Initiative Familien geführt wird. Stöhr verbreitet zudem Verschwörungsnarrative über die Initiative #WirWerdenLaut.

Schmidt-Chanasit ist vor wenigen Wochen dadurch aufgefallen, dass er eine englischsprachige Publikation auf Twitter verbreitete, die mit Truckern aus Kanada Gespräche führt, den Verschwörungsnarrativ um angebliche Corona-Internierungslager in Australien verbreitet oder deren Autoren auch mal vom „Covid Regime“ fabulieren. Mehr dazu habe ich hier geschrieben. Trotz des Hinweises darauf, hat der Virologe den Beitrag auf seinem Profil stehen lassen. Kürzlich lösche er ohne Erklärung einen Tweet, in dem er die 2G-Regelungen in Frage stellte, aufgrund des erhöhten Ausbruchsgeschehens in Köln, das auf den Karneval zurückgeführt wird.

Andere Expertise ist, abgesehen von Vertretern der bekannten Fachverbände, die entgegen meiner Hinweise weiterhin mit der Initiative, ihren Mitgliedern und der Kindertruppe interagieren, kaum gegeben. Die Expertise dieser Personen und Verbände wird unkritisch hingenommen.

Gewaltfreie Kommunikation?

Die Initiative Familien teilte Mitte Februar eine Petition. Zarah Abendschön-Sawall verwendete bei der Verbreitung der Petition den HashtagBasisschutzmaßnahmen“. Damit betreibt sie möglicherweise selbst „dog whistling“. Obwohl der Begriff aus der Politik stammt, wurde er auf Twitter von zahlreichen Accounts von Querdenken in die Trends gespült. Wer sich davon überzeugen will, kann hier durch die Timeline des Hashtags scrollen. Bis heute findet sich im Text der Petition übrigens kein Hinweis darauf, dass es sich um eine offizielle Petition der Initiative Familien handelt, obwohl diese auf Facebook von der Initiative als „unsere Petition“ bezeichnet wird.

Ende Februar kooperierte die Initiative Familien mit einer weiteren Initiative namens #UnmaskOurKids. Diese findet, wie ich nachweisen konnte, großen Anklang bei Accounts aus dem Umfeld von Querdenken.

Die Initiative Familien soll sich an UnmaskOurKids gewandt haben, um sich zu vernetzen, so Matthias H. Screenshot aus der Facebookgruppe der Initiative Familien.

Auf Twitter instrumentalisiert Abendschön-Sawall mittlerweile sehr offen den Krieg in der Ukraine für die Agenda der IF. Dort teilte sie einen Screenshot des Desinformationsaccounts Argo Nerd. Dabei vergleicht er die Nachricht von einem geplanten Ankunftszentrum für Flüchtlinge in Stuttgart damit, dass Flüchtlinge aufgrund der 3G-Regelung am Bahnhof in der Stadt übernachten musste, da sie ihren Impfstatus nicht nachweisen konnten. Was aus dem Screenshot aber nicht hervorgeht: Es handelte sich um weiterreisende Flüchtlinge, nicht um Flüchtlinge, die für ein Aufnahmezentrum in Stuttgart bestimmt waren.

Was bleibt? Ein Kommentar

Insgesamt zeigt sich, dass weder die Initiative als solche noch einzelne prominente Mitglieder der Initiative ausreichend Lehren aus dem Webinar gezogen haben. Wenn Quellen angegeben werden, übernimmt man diese unkritisch. Unliebsame Argumente werden unter anderem über Rosinenpickerei und Whataboutismen „entkräftet“. Man bezieht sich inhaltlich fast ausschließlich auf eine kleine Anzahl von Experten und Fachverbänden, ohne diese zu hinterfragen.

Die IF geht aktiv auf Initiativen zu, ohne diese auf ihren Hintergrund zu überprüfen. Eine kritische Auseinandersetzung zum Thema Querdenken findet nicht statt. Auf dem Papier grenzt man sich ab. Vergleicht man die Entschuldigungen und Abgrenzungen dann aber mit der Realität, bleibt eigentlich nur der Schluss, dass es sich bei der Initiative Familien um eine Gruppe von Müttern und Vätern handelt, die die Kooperation mit Querdenken zulässt. Man hat im Workshop vom Toleranz-Paradoxon gehört. Verstanden hat man es nicht. 

Die Initiative begibt sich in eine Opferhaltung. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Mitglieder der Initiative Mütter und Väter sind, die sich ernsthaft Sorgen um ihre Kinder machen. Sich aber von den Fakten abzuwenden, würde die Initiative noch weiter in Richtung von Querdenken treiben, als sie das ohnehin bereits ist. Ob ein Prozess der ernsthaften Selbstreflexion für die IF noch möglich ist, kann ich nicht einschätzen. Dafür bräuchte es aber auch eine Reflexion auf Seiten ihrer Unterstützer, die selbst diese Entwicklungen bislang nicht wahrhaben wollen.

Das untergräbt die Glaubwürdigkeit der Initiative noch einmal massiv.

Wenn sich Firmen von ihrer ökologischen Schuld mit ein paar eher unbedeutenden Maßnahmen und Kampagnen reinwaschen wollen, spricht man vom „Greenwashing“. Mein Eindruck ist, dass die Initiative über den Goldenen Aluhut „Goldenwashing“ betrieben hat.

Echter Wandel kommt jedenfalls nur durch ein Eingeständnis.

Titelbild: Aluhut von Wikipedia-Nutzer:in Rory112233, hier abrufbar. Lizensiert unter CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de. Logo der Initiative Familien, https://www.initiativefamilien.de/.

* Korrektur vom 9. März: In einer früheren Version war die Rede davon, dass das Nachgespräch zum Webinar am 28. Februar stattgefunden habe. Gemeint war der 18. Februar. Der Fehler ist korrigiert.

Teile die Vision:

Dir gefällt was du liest? Dann unterstütze mich auf Patreon:

3 Comments

#UnmaskNicoleReese? - OSTPROG · 1. April 2022 at 10:01

[…] denn diese unterstützen mitunter offene Briefe der Initiative Familien, die wiederum selbst ein Abgrenzungsproblem zu Querdenken […]

Das pädiatrische Toleranz-Paradoxon - OSTPROG · 6. Mai 2022 at 17:18

[…] Verband schloss sich trotz der Hinweise offenbar weiter der Initiative an, obwohl von meiner Seite mehrfach journalistisch belegt wurde, wie groß das Problem im Umgang mit Querdenken dort sein […]

Der Moment, als Kristina Schröder die Grenze überschritt - OSTPROG · 8. Mai 2022 at 22:27

[…] Kristina Schröder kämpft nicht mehr um die Rolle in den Geschichtsbüchern. Sie hat sich dort ihren festen Platz erkämpft. Als Unterstützerin von Elterninitiativen, die keinerlei Problembewusstsein gegenüber Querdenken an den Tag legt. Nicht einmal, nach einem Webinar beim Goldenen Aluhut. […]

Schreiben Sie einen Kommentar

Avatar placeholder

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Titelbild mit Graphiken sowie weitere Abbildungen im Beitrag von Pixabay.org. Jeweils bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de.

Ein Rōnin kämpft gegen das Infektionsschutzgesetz

Anon Rōnin, so lautet das Pseudonym eines Vaters, der für eine nachhaltige Anpassung des umstrittenen Infektionsschutzgesetzes kämpft. Er organisiert eine Verfassungsbeschwerde und deren Finanzierung. Die Kampagne, die er dafür ins Leben gerufen hat, konnte bisher schon über 11.000€ an Spenden generieren. Ein Gespräch mit dem Beschwerdeführer über das Überwinden von Ohnmacht durch praktisches philosophisches Handeln, seine persönliche Biographie der Widerstandskultur sowie über Identität und die Demaskierung der Unmaskierten.

Fortschreiten »
Zwei Studierende der Universität Kassel im Gespräch über die städteplanerische Klimazukunft der Stadt Halle (Saale). (Foto/Bearbeitung: Gunnar Hamann, Ostprog.de | Hintergrundbild: Pixabay.com)

Klimatopia Halle: Neue Impulse für die Entwicklung der Händelstadt

„Wie geht eine Stadt mit dem Klimawandel um, der längst Realität ist?“ Mit dieser Frage beschäftigen sich Studierende der Universität Kassel, gemeinsam mit Beteiligten der Universidad Central de Las Villas aus Kuba. Dafür kamen sie unter Leitung von Harald Kegler (Institut für urbane Entwicklungen der Universität Kassel) in die Saalestadt, um gemeinsam mit Bevölkerung, Verwaltung und Zivilgesellschaft sowie ihrer eigenen Expertise, einen Plan zu entwickeln.

Fortschreiten »
Foto von Dominik Schneider via DGKJ. Weitere Abbildungen via Pixabay.com. Bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de.

Internetführerschein für die Pädiatrie kommt!

Es gibt leider kaum noch einen anderen Erklärungsansatz. Ich befürchte: Dominik Schneider und seine pädiatrische Fachgesellschaft wissen einfach nicht, wo der Blockbutton auf Twitter ist. Zeit, zu helfen. Denn irren ist menschlich. Das Programm von ClockBlock™ möchte helfen. Eine Satire.

Fortschreiten »