Initiative Familien – Mit Meinung gegen den Expertenrat

Viel Position, wenig Substanz, keine Bewegung trotz Initiative

Der zu Querdenken offene Verein Initiative Familien veröffentlicht ein Positionspapier. Darin wirft man dem Expertenrat unter anderem vor, in einem „Netz von interessengeleiteten Fehlentwicklungen gefangen zu sein“. Über ein Positionspapier ohne Belege und mit nachweislichen Desinformationen, das auf eines hindeutet: Die Initiative Familien scheint mittlerweile in einem Netz von radikallibertär anmutenden Coronamythen gefangen zu sein, das sie selbst mitgesponnen hat. Ein Kommentar.

Ampel mit dem Schriftzug "Should I stay or should I go?" In der gelben Ampel ist das Logo der Initiative Familien sichtbar.

Gestern veröffentlichte die Initiative Familien nach längerer Ruhepause eine Stellungnahme. Verfasst wurde dieses von der Fachärztin für Anästhesiologie Christine Eisemann. Darin setzt sich diese mit der 11. Stellungnahme des Expertenrats der Bundesregierung auseinander. Der Verein reklamiert darin für sich, die „Sicht von Kindern, Jugendlichen und Familien“ zu repräsentieren.

Beim ersten Lesen fällt bereits auf, dass man weder auf die Stellungnahme selbst noch andere Quellen verlinkt, die die eigenen Positionen untermauern könnten. Hat es vielleicht damit zu tun, dass sich für diese keine Evidenz finden lässt?

Libertäre Grundhaltung gegen die pandemische Wirklichkeit

Man folgt eingangs zunächst der allgemeinen Argumentationslinie der FDP und stellt die Forderung nach einer „soliden rechtlichen Grundlage für mögliche Schutzmaßnahmen.“ Dabei geht die Initiative aber weit über das hinaus, was man öffentlich von der Partei hört:

„Mehr als 2 Jahre Pandemieerfahrung haben gezeigt, dass es keine staatlichen Schutzmaßnahmen geben kann, durch die sich Infektionen mit SARS-CoV-2 auf Dauer verhindern lassen. Die Erkenntnis, dass sich jeder früher oder später infizieren wird, verbietet geradezu weitere staatliche Interventionen und unterstreicht die Alternativlosigkeit, den Individualschutz endlich in die Eigenverantwortung der Bürger zurückzugeben.“

Positionspapier der Initiative Familien

Damit werden immunsupprimierte Risikogruppen von der Initiative komplett ausgeklammert. Deren Freiheit wird mit so einer Herangehensweise komplett übergangen, denn bei hohen Inzidenzen – die sich durch Schutzmaßnahmen vermeiden ließen – grenzt man deren Handlungsspielraum entschieden ein. Weiter heißt es:

„Nach dieser Logik hat auch das Festhalten an einer fälschlicherweise als wenig belastend dargestellten Maskenpflicht außerhalb medizinischer Einrichtungen keinen Platz mehr, schon gar nicht in Schulen.“

Positionspapier der Initiative Familien

Was genau an Masken für Kinder und Jugendliche eine Belastung sei, wird von der Initiative nicht erörtert. Einen wissenschaftlichen Nachweis für negative Auswirkungen von Masken auf Kinder und Jugendliche gibt es nicht. Eine systematische Übersichtsarbeit von Oktober 2021 stellt fest: „Über Auswirkungen des Masketragens im öffentlichen Raum zur Prävention von Infektionserkrankungen auf verschiedene Entwicklungsbereiche von Kindern und Jugendlichen gibt es vor allem seit der COVID-19-Pandemie erste, aber dennoch bislang wenige Erkenntnisse, die angesichts eines recht hohen Verzerrungsrisikos nur eingeschränkt aussagekräftig sind.

Es wäre interessant zu erfahren, aus welchen Quellen sich die Sichtweise der Initiative Familien speist. Eine hinreichende wissenschaftliche Evidenz für diese pauschale Aussage ist aber mit Sicherheit auszuschließen.

„Trotzdem sucht man in dem Expertenpapier weiterhin vergeblich nach einem klaren Bekenntnis zur bedingungslosen Normalität für Kinder und Jugendlichen als Grundvoraussetzung für den Erfolg aller Hilfsangebote und zur Abmilderung bereits entstandener Schäden.“

Positionspapier der Initiative Familien

Ich suche in dieser Position weiterhin vergeblich nach einem Beleg dafür, dass eine solche „bedingungslose Normalität“ Grundvoraussetzung für den Erfolg solcher Angebote sei. Dass eine solche Normalität – mutmaßlich versteht man darunter die Aufhebung jedweder Maßnahmen – „bedingungslos“ sein müsse, ist wirklich interessant.

Eingangs heißt es ja noch, dass Maßnahmen einer rechtlichen Grundlage bedürfen. Es gibt eine sehr relevante Bedingung, die die Initiative Familien hier ausklammert. Die pandemische Realität.

Diese widerstrebt natürlich der Forderung nach einer „bedingungslosen Normalität“. Zu den Auswirkungen der pandemischen Realität auf Schulen – etwa durch eine Beeinträchtigung schulischer Aktivitäten durch hohe Krankenstände und Inzidenzen – findet sich in der Stellungnahme allerdings nichts Substantielles. Der Fokus liegt eindeutig auf den Maßnahmen.

Ein Kind hält sich die Hände vor das Gesicht.
Nein, dieses Kind verschließt nicht die Augen vor der pandemischen Realität. Gerüchten zufolge, soll es gerade das Positionspapier der Initiative Familien gelesen haben. (Bildquelle: Pixabay.com)

Die Vorstellung Infektionsschutz und Schutz vor psychischen Auswirkungen gemeinsam zu denken, findet sich nicht wieder. Es bleibt der Eindruck, als wolle die Initiative Familien die Aufhebung aller Maßnahmen erzwingen, bevor man sich überhaupt mit der Lösung grundlegender Probleme befasst. Etwa die politisch weiterhin geduldeten Einschränkungen für die Anzahl an Kassensitzen für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen.

Da hilft es dann auch nicht das medizinische Prinzip „Zuerst einmal nicht schaden“ aufzusagen, wenn man sich weder für die Belange von Risikogruppen einsetzt, noch gegen die akute therapeutische Unterversorgung von Kindern und Jugendlichen einsetzt.

Immunitätsschuldenbremse?

„Die befürchtete überproportionale Belastung des Gesundheitssystems durch saisonale Atemwegserreger ist nicht schicksalhaft, sondern Sekundärfolge einer allenfalls passageren Infektionskontrolle, die sich längst selbst überholt hat. (…) Aufholeffekte bei anderen Atemwegserkrankungen lassen sich letztlich genauso wenig vermeiden, wie die Infektion mit SARS-CoV-2 selbst. Auch in Deutschland wird breite Immunität als Schutz vor Krankheit durch Ansteckung, nicht durch Abschottung erworben.“

Positionspapier der Initiative Familien

Was man damit anspricht, ist die Hypothese von der sogenannten „immunity debt“. Eine Hypothese, die es wohl erst seit der Coronapandemie gibt und sich mit dem möglichen Anstieg von Erkrankungen – beispielsweise durch Infektionen mit RSV – aufgrund von Maßnahmen beschäftigt. Die pädiatrische Wissenschaftscommunity regte in einem Überblicksartikel vom August 2021** aber nicht die Abschaffung von Maßnahmen an, sondern eine Ausweitung von Programmen für impfpräventable Erkrankungen wie den Masern.

Was die Initiative Familien hier aus der Hypothese von der Immunitätsschuld ableitet, ist zynisch. Eine „breite Immunität“ gegen Masern etwa, verdanken wir entsprechenden Impfungen und nicht einer Aussetzung mit dem Erreger. Masernpartys sind nicht ohne Grund gesellschaftlich geächtet. Niemand sollte sich oder anderen einer vermeidbaren Infektionskrankheit aussetzen.

Warum die potentielle Tödlichkeit von Krankheiten wie Masern oder der Influenza auch unter Omikron weiterhin nicht mit der von Corona für Kinder und Jugendliche zu vergleichen sind, habe ich in meiner Filmkritik für „Eine andere Zukunft“ herausgearbeitet. Generell lässt sich festhalten: Impfungen schützen. Einen Aufruf zur Impfung gegen Corona bei Kindern und Jugendlichen hat die Initiative Familien bislang noch nie veröffentlicht.

Die Haltung der überwiegenden Mehrheit der eigenen Basis auf Facebook spricht eher dafür, dass man bei der Initiative Familien intern eher impfkritische Einstellungen hegt.

„Insbesondere bei Kindern ist das Zulassen einer vielfältigen Infektionsimmunisierung ein notwendiges und absolut wünschenswertes Phänomen, weil sie Teil einer gesunden Entwicklung ist.“

Positionspapier der Initiative Familien

Das Kinder sich mit gewöhnlichen Erkältungsviren anstecken, ist insofern „normal“, weil es im Vergleich zu einer echten Influenza weniger nachhaltige gesundheitliche Auswirkungen hat. Die Initiative Familien bewirbt hier geradezu eine Ansteckung mit dem Coronavirus, obwohl dieser aktuell – auch unter Omikron – mit einer gewöhnlichen Grippe nicht einmal annähernd zu vergleichen ist. Eine absolut fahrlässige Argumentation.

„Diese mit Hinweisen auf eine ‚Belastung des Gesundheitswesens im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin‘ und dem Verweis auf eine absehbare ‚Häufung elterlicher Abwesenheiten am Arbeitsplatz wegen der Betreuung ihrer erkrankten Kinder‘ zu problematisieren ist ein klares Indiz dafür, wessen Interessen auf wessen Kosten favorisiert werden. Demgegenüber wurden elterliche Arbeitsausfälle während monatelanger Schul- und KiTa-Schließungen kaum je problematisiert, trotz gleicher wirtschaftlicher und personeller Konsequenzen für die Arbeitswelt.“

Positionspapier der Initiative Familien

Der Expertenrat war während der Phase der Kita- und Schulschließungen noch nicht eingerichtet. Projiziert die Initiative hier ihren allgemeinen Unmut auf den Rat? Warum Schutzmaßnahmen und niedrigere Inzidenzen für Kinder und Jugendliche notwendig sind, um eine Überbelastung von Eltern, Schulen, Risikogruppen und Kinder- und Jugendmedizin zu verringern, sollte eigentlich nachvollziehbar sein. 

Warum es das für die Initiative nicht ist, bleibt offen. Negative Auswirkungen von Masken werden weder belegt, noch erklärt man hinreichend, weshalb eine Immunitätsschuld ein Grund dafür sei, solche Überlastungen einfach in Kauf zu nehmen.

Corona malus est? Mali consilia sunt!

„Drohende Personalengpässe in Bereichen der kritischen Infrastruktur sind kein Schreckgespenst der Pandemie, sondern der Pandemiemaßnahmen.“

Positionspapier der Initiative Familien

Wie begründet man so eine Logik? Einerseits erneut über die Hypothese der Immunitätsschuld, andererseits macht man – kein Witz – die Quarantänevorgaben für medizinisches Personal für den Personalengpass verantwortlich.

„Zudem sind Engpässe in der Krankenversorgung während der Pandemie in Wahrheit kein Ausdruck des Mangels, sondern Folgen einer medizinischen Überversorgung der Bevölkerung, die ihre Ursache nicht im Patientenwohl, sondern in wirtschaftlichen Zwängen durch jahrzehntelange Fehlanreize im Vergütungssystem hat.“

Positionspapier der Initiative Familien

Es ist sicherlich nicht ausgeschlossen, dass es Überversorgungsprobleme im Gesundheitsweisen aufgrund von Fehlanreizen gibt. Dies jedoch pauschal auf die Situation an den Kinderkliniken zu beziehen, ist gewagt.

Bereits 2020 warnte man unabhängig von der Pandemie, vor einer drohenden Unterversorgung. Auch aktuell warnt der Kinderintensivmediziner und Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und NotfallmedizinFlorian Hoffmann – sogar im Zusammenhang mit der drohenden Infektionswelle im Herbst vor einer Unterversorgung. Zitat: „In vielen deutschen Kinderkliniken können auf den Kinderintensivstationen im Schnitt ein Drittel der Betten wegen Personalmangels nicht genutzt werden. In manchen Kliniken ist sogar die Hälfte nicht mehr belegbar.

Selbst wenn man jetzt sofort eine Trendumkehr einleitet – in diesem Argument stimme ich Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) aus Gründen der Logik zu – hilft uns das nicht für eine sofortige Entlastung im Herbst 2022. Was wiederum nicht automatisch bedeutet, dass hier nicht dringend Reformen benötigt werden.

Wie man diesen längerfristigen Trend von Bettenabbau und Personalmangel hier in einer sich akut anbahnenden Krisensituation nutzen möchte, um Schutzmaßnahmen für die eigenen Zwecke als originäres Problem darzustellen, lässt mich tatsächlich einigermaßen irritiert zurück.

Spätestens jetzt müssten pädiatrische Fachverbände wie der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) noch einmal tief in sich gehen, ob sie oder ihre Vorstandsmitglieder sich auch in Zukunft noch für Belange der Initiative einsetzen sollten. Besonders absurd wird es dann später hier:

„Mit den ständig neu definierten Zielen der Pandemiebekämpfung, die sich von der eigentlichen Krankheitslast durch SARS-CoV-2 längst entkoppelt haben, wird ein Perpetuum mobile an Schutzmaßnahmen geschaffen, das längst ohne äußeren Antrieb funktioniert und sich ad ultimo selbst unterhält.“

Positionspapier der Initiative Familien

Welche Maßnahmen? Bis zum Herbst gibt es aufgrund des laufenden Infektionsschutzgesetzes vorerst sowieso keinerlei neue Maßnahmen. Mir scheint, man bemüht den logischen Fehlschluss vom Dammbruchargument. Wäre dem so, müssten wir eigentlich eine Zunahme und Intensivierung von Maßnahmen sehen. Die Realität ist eine komplett andere. Wir sehen eine Abschaffung von Maßnahmen. Teilweise entgegen ausdrücklicher Empfehlungen des Expertenrats. Niemand fordert aktuell Kita- oder Schulschließungen.

Die Regierungspolitik der Ampel hat dafür Sorge getragen, dass die Schutzmaßnahmen regelmäßig überprüft werden müssen. Von einem sich selbst antreibendem System kann hier also überhaupt keine Rede sein.

Digital ist schlechter?

Diese Abbildung ist in ästhetischer Hinsicht keine Freude. Gleichzeitig ein hervorragendes Symbolbild für Deutschlands Umgang mit der Digitalisierung an Schulen. (Bildquelle: Pixabay.com)
Diese Abbildung ist in ästhetischer Hinsicht keine Freude. Gleichzeitig ein hervorragendes Symbolbild für Deutschlands Umgang mit der Digitalisierung an Schulen. (Bildquelle: Pixabay.com)

„Was vordergründig fortschrittlich anmutet, ist in Wahrheit ein Rückfall in Zeiten des häuslichen Privatunterrichts, der gegenüber einer sich selbst abschaffenden schulischen Bildung zwangsläufig an Bedeutung gewinnt und sich zum exklusiven Vorrecht einer bildungsnahen Minderheit entwickelt.“

Positionspapier der Initiative Familien

Digitaler Unterricht also als ein Rückfall in Zeiten häuslichen Privatunterrichts? Auch das ist wieder eine Pauschalisierung. Corona traf die Gesellschaft zu einer Zeit, zu der die mangelhafte Digitalisierung an Schulen bereits seit Jahrzehnten Gegenstand von Diskussionen war, politisch aber nie entschlossen angegangen wurde. 

Auch derzeit stellt sich die Frage, ob Bund und Länder ein ernsthaftes Interesse an einer Digitalisierung von Unterricht und Schule haben. Diese Unterversorgung könnte man mit Gestaltungswillen angehen. Doch darum scheint es der Initiative nicht zu gehen. Zwischen den Zeilen ist nicht nur eine Grundskepsis gegenüber digitalen Unterrichtsformen zu erkennen, sondern aus meiner Sicht bereits eine Ablehnung grundlegender Natur.

„»Innovative Unterrichtsformen« sind eine Fata Morgana und im Bildungsbereich bislang genauso jeden belegbaren Nutzen schuldig geblieben wie Coronamaßnahmen in Bezug auf einen Ausweg aus der Pandemie.“

Positionspapier der Initiative Familien

Diese Aussage verkennt, dass sich unsere Gesellschaft in einem Kulturwandel befindet. Die digitale Realität der Bevölkerung sollte natürlich auch in Schulen abgebildet sein, wenn wir nicht auf eine völlige Entkoppelung von der gesellschaftlichen Realität abzielen. Die Behauptung, dass digitale Unterrichtsformen eine Fata Morgana seien, geht an der aktuellen wissenschaftlichen Debatte in der Pädagogik vorbei. Studien, die auf einen positiven Einfluss von digitalen Ansätzen auf die Lernqualität hindeuten, existieren.

Das heißt logischerweise nicht, dass digitales Lernen in jeder Situation der beste Ansatz wäre und auch hier kommt es mit Sicherheit noch auf weitere Faktoren an. Die Verkürzung dieser Debatte auf eine „Fata Morgana“ liest sich jedoch wie ein pauschaler Kulturpessimismus, weniger als zielführender Beitrag zur Problematik. Wie mir scheint, ein weiterer Versuch eine bereits präpandemische politische Großbaustelle für die Abschaffung von Maßnahmen zu nutzen.

Impfungen an Schulen

„Impfen von Kindern und Jugendlichen gegen SARS-CoV-2 muss in allen Altersgruppen eine freiwillige Entscheidung bleiben. Dies gilt umso mehr, da eine Ansteckung durch die Impfung ohnehin nicht verhindert werden kann. (…) Impfaktionen an Schulen untergraben durch bewusst einkalkulierten sozialen Druck die elterliche Hoheit in Gesundheitsfragen und setzen ungeimpfte Kinder und Jugendliche dem Risiko schulischer Stigmatisierung und Diskriminierung aus, das in eindeutigem Widerspruch zur Impfempfehlung der STIKO steht.“

Positionspapier der Initiative Familien

Impfgegner:innen kennen häufig nicht den Unterschied zwischen Zwang und Disziplin. Niemand fordert, dass Kinder und Jugendliche einem Zwang zur Impfung ausgesetzt werden. Insofern ist der erste Satz ein möglicherweise interessanter Einblick in das Mindset der Initiative.

Impliziert wird, dass Impfungen für Kinder und Jugendliche wenig sinnvoll seien, weil eine Ansteckung trotz Impfung erfolgen könne. Für eine Initiative, die hier mit der STIKO argumentiert, eine interessante Verengung bezüglich der Vorteile von Impfungen für diese Altersgruppe. Die STIKO schreibt dazu folgendes:

„Durch die Impfung von Kindern und Jugendlichen soll zum einen eine SARS-CoV-2-Basisimmunität aufgebaut werden. Zum anderen sollen selten auftretende schwere COVID-19- Erkrankungen und Hospitalisierungen sowie mögliche Komplikationen der SARS-CoV-2- Infektion verhindert werden. Ein weiteres Ziel ist es, indirekte Folgen von SARS-CoV-2-Infektionen zu reduzieren, wie z. B. Isolations- und Quarantänephasen. (…)“

Ständige Impfkommission

Impfangebote an Schulen stehen in keinerlei Kontrast zur Empfehlung der STIKO, wenn diese mit entsprechender Sensibilisierung vorbereitet und durchgeführt werden. Das Wort „Querdenken“ kommt im Wortschatz der Initiative leider sehr selten vor, aber es wäre ein guter Grund, um solche Angebote zu schaffen. 

Schüler:innen, die in Haushalten aufwachsen, in denen Eltern gegen die Impfung sind, weil sie Verschwörungsmythen oder Desinformationen solcher Bewegungen anheimgefallen sind, könnten davon profitieren. Solche niedrigschwelligen Impfangeboten könnten solchen Schüler:innen die Freiheit wiedergeben, sich ohne sozialen Druck impfen zu lassen. Diese gänzlich andere Lesart, findet sich bei der Initiative Familien nicht wieder.

Maßnahmenspirale der Finsternis

„Es ist bezeichnend, dass vom Expertenrat ein Maßnahmenpaket für den Herbst vorgelegt wurde, mit dem im Wesentlichen das bisherige Pandemiemanagement fortgeschrieben wird, ohne dessen gesetzlich geforderte Evaluierung überhaupt abzuwarten. Ganz so, als würden sich die Schutzmaßnahmen bereits eo ipso legitimieren und ihre kritische Überprüfung damit zur reinen Formsache degradieren. Dabei sind Unvoreingenommenheit, methodischer Zweifel und kritische Selbstreflexion grundlegende Tugenden der Wissenschaft. Kaum etwas davon findet sich in der Stellungnahme des Expertenrats, die mit ewig gestrigen Konzepten jede Vision vom Ausstieg aus einer sich selbst unterhaltenden Maßnahmenspirale schuldig bleibt und das Lockdown-Hintertürchen ungeachtet der immensen Schäden weiter offenhalten will.“

Positionspapier der Initiative Familien

Sollte die Initiative Familien neue alternative Pandemiebekämpfungskonzepte haben – scheinbar ein Geheimwissen – wäre die Fachwelt daran sicherlich interessiert. Dass es im Rahmen der technischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten nun einmal nur eine begrenzte Anzahl von Optionen gibt, sollte eigentlich nicht verwundern. Argumentativ weckt das Erinnerungen an den Kolumnisten Jan Fleischhauer, der einst ohne Aufzeigen von Alternativen mehr Kreativität im Umgang mit Corona forderte.

Was mich an dem Positionspapier der Initiative Familien dann doch viel eher erstaunt, ist das fehlende Verständnis zur Unabhängigkeit der beiden Gremien Expertenrat und Evaluierungskommission. Zu fordern, dass der Expertenrat die Ergebnisse der Evaluierungskommission abwarten solle, dessen Ergebnisse in Kürze veröffentlicht werden sollen, ist realitätsfremd und unterminiert deren formelle Trennung und Eigenständigkeit.

Zumal ein Bericht der Süddeutschen Zeitung zum vorzeitig geleakten Entwurf der Evaluierungskommission nahelegt, dass der Aufbau der Evaluierungskommission einen verwässerten und nach wissenschaftlichen Standards eher unzureichenden Bericht hervorbringen könnte.

Die aktuelle Stellungnahme des Expertenrats enthält keinerlei Erwähnung eines Lockdowns. Im Gegenteil. Die darin empfohlenen Maßnahmen zielen nach meinem Dafürhalten darauf ab, einen erneuten Lockdown zu verhindern.

Der eigentliche Knaller folgt am Ende des Papiers, mit diesem Vorwurf in Richtung des Expertenrats:

„Anpassung an politische Erwartungshaltungen statt Freiheit des Denkens: Auch Teile der Wissenschaft scheinen mittlerweile in dem Netz von interessensgeleiteten Fehlentwicklungen gefangen zu sein, das sie selbst mitgesponnen haben.“

Positionspapier der Initiative Familien

Der Expertenrat sowie dessen Mitglieder seien also interessengeleitet und habe sich der Politik angepasst. Spannend. Am 18. März billigte der Bundesrat das aktuelle Infektionsschutzgesetz. Nur wenige Tage zuvor hatte der Expertenrat eindringlich um Regelungen gebeten, die eine schnelle Reaktionsfähigkeit ermöglichen. Folgt man der damaligen Auslegung der Expertin für Infektionsschutzrecht – Andrea Kießling – im Interview mit dem SPIEGEL, so scheint dieser Ruf verhallt zu sein.

Hier entkoppelt man sich bei der Initiative Familien also ebenfalls von den Fakten und ignoriert, dass wir in einer Parteiendemokratie leben und nicht in einem totalitären Staatswesen. Kritik an staatlichem Handeln sowie am Expertenrat sind legitim. Was hier jedoch als Position verkauft wird, ist eine verdeckte Pauschalparanoia gegenüber staatlich legitimierten Strukturen sowie der Politik als solcher. Einen Verschwörungsmythos würde ich das noch nicht nennen wollen. Zu vage bleibt die Andeutung.

Fazit

Keine Kompromisse heißt eben auch, dass es immer nur Jever gibt. (Bildquelle: Pixabay.com)

Die Positionen reihen sich in ein allgemeines Bild zur Initiative Familien ein, deren auf Twitter aktive Führungspersönlichkeiten dort weiterhin offen und regelmäßig mit Querdenken interagieren oder mitunter vom „Kinderhasserland“ der Regierung in Baden-Württemberg sprechen.

Die mich und weitere journalistische Kolleg:innen in geradezu paradoxer Weise als „Schwurbler“ bezeichnen oder sich dann aufgrund meiner kritischen Begleitung ihrer Tätigkeit als Opfer von Hass und Hetze darstellen. Die angeblich „sozial engagiert“ sein wollen, sich aber zugleich im Zusammenspiel mit anonymen Accounts an Cybermobbing beteiligen.

Seit dem 1. Juni ist die Initiative Familien offiziell ein eingetragener Verein. Nach eineinhalb Jahren. Rein rechtlich hat diese somit den Status der Gemeinnützigkeit erworben. Ob es der Allgemeinheit – aus gesellschaftlicher, nicht rechtlicher Sicht – nutzen kann, Desinformationen und Pauschalkritik anzubieten, stelle ich hier rhetorisch in Frage. Substantielles hat man wenig anzubieten und klammert dabei Risikogruppen ebenso aus der Betrachtung aus wie wissenschaftliche Evidenz. Für alle Kinder, Jugendlichen und Eltern spricht die Initiative Familien in diesem Positionspapier mit Sicherheit nicht.

In letzter Zeit versucht man bei dahingehender Kritik den Eindruck aufrecht zu erhalten, es ginge der Initiative nicht allein um eine Abschaffung von Maßnahmen. Mit diesem Positionspapier hat man sich diesbezüglich keinen Gefallen getan. Wer auch immer in der Vergangenheit offene Briefe der Initiative unterzeichnet oder unterstützt hat, sollte dieser Fakt mittlerweile eigentlich beschämen.

Insofern fallen auch die Aussage vorerst als Eigenprojektion auf die Initiative Familien selbst zurück. Diese scheint mittlerweile in einem Netz von radikallibertär anmutenden eigeninteressensgeleiteten Coronamythen gefangen zu sein, das sie selbst mitgesponnen hat.

Titelbild: Logo der Initiative Familien via deren Webpräsenz. Ampel via Pixabay.com. Montage / Bearbeitung: Gunnar Hamann, Ostprog.de.

** Korrektur vom 31.10.2022: In einer früheren Fassung war die Rede vom März 2021 als Veröffentlichungsdatum des Artikels. Der Review wurde im Mai 2021 eingereicht und im August 2021 veröffentlicht.

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3 Comments

Counter Disinformation Project - OSTPROG · 4. August 2022 at 23:38

[…] A rhetoric, not unlike usual anti-vaxxers and a development towards a more radicalised approach. Something akin – though not nearly as openly anti-vax – as I have been observing with the latest statement by the Initiative Familien. […]

Counter Disinformation Project - OSTPROG · 4. August 2022 at 23:39

[…] ähnliche Entwicklung – wenn auch nicht annähernd so offen gegen Impfungen – wie etwa bei der jüngsten Stellungnahme der Initiative Familien zu beobachten […]

Warum ich die Initiative Familien jetzt offiziell Querdenken zuordne · 25. August 2022 at 16:46

[…] der Initiative zu Impfungen von Kindern und Jugendlichen gegen Corona. Ebenso wie die Ablehnung niedrigschwelliger Impfangebote an Schulen durch die […]

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