Brief aufgetaucht: Wissenschaftlicher Beirat in Thüringen empfiehlt Maskentragen an Schulen

Geleaktes Gutachten: Wissenschaftlicher Beirat empfiehlt das Tragen von Masken an Thüringer Schulen

Ministerpräsident Bodo Ramelow erhält Sondergutachten, das Ampel-Strategie in Thüringen teilweise in Frage stellen könnte

Ein mir zugespielter Brief des „Beirats zum SARS-2/CoVID-19-Pandemie- und Pandemiefolgenmanagement der Thüringer Landesregierung“ – der auch der Deutschen Pressagentur vorliegt – empfiehlt „das konsequente Tragen von Masken und eine systematische Umsetzung der AHAL-Regeln“ an Thüringer Schulen. Darin wird auch gewarnt, dass es „aufgrund der geringen Impfbereitschaft regional zu einer Überlastung des Gesundheitssystems“ kommen könnte.

Während die Tagesschau noch über die hohen Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen in Thüringen berichtete, wurde ich am gestrigen Freitag auf einen Tweet des Thüringer Ablegers der Elterninitiative Bildung Aber Sicher aufmerksam. Darin hieß es, der Initiative sei ein Brief des „Beirats zum SARS-2/CoVID-19-Pandemie- und Pandemiefolgenmanagement der Thüringer Landesregierung“ (hier: Wissenschaftlicher Beirat) zugespielt worden, der an den Ministerpräsidenten von Thüringen, Bodo Ramelow (Die Linke), gerichtet sei. Der Brief, der mir persönlich vorliegt, wurde anscheinend digital an die Staatskanzlei übermittelt. Datiert ist das Schreiben auf den 14. Oktober. Bislang gehe ich aufgrund der beschriebenen Details und Aufmachung davon aus, dass der Brief authentisch ist. Dafür spricht auch eine Meldung der Deutschen Presseagentur, die gestern von einigen Medien aufgegriffen wurde. Meine Anfragen an die Staatskanzlei sowie den Wissenschaftlichen Beirat blieben bisher unbeantwortet. Auf eine Twitter-Nachfrage reagierte Ministerpräsident Bodo Ramelow bislang ebenfalls nicht.

Die "Corona-Ampel" in Thüringen

Thüringen arbeitet seit dem 21. September mit einem Ampelsystem, um die Maßnahmen in den Landkreisen zu begleiten. Das Frühwarnsystem in Thüringen umfasst vier mögliche Stufen. Die Zuordnung ergibt sich dabei aus drei Werten. Wie sich diese zusammensetzen und welche Warnstufen sich aus den Werten ergeben, ist in der unteren Abbildung der Landesregierung Thüringen dargestellt.

Corona-Warnsystem der Landesregierung in Thüringen. Abbildung des Thüringer Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie.

Bezüglich der Maßnahmen an Schulen gilt im Schulhaus eine generelle Maskenpflicht. Im Unterricht muss erst ab Warnstufe 2 ab der 5. Klasse eine Maske getragen werden. Ausgenommen ist von dieser Regelung der Sportunterricht. Schüler:innen aus den Klassenstufen 1 bis 4 müssen in dieser Warnstufe lediglich bei Attest oder bei Nicht-Testung eine Mund- und Nasenbedeckung tragen. Testungen werden bei Warnstufe 1 zweimal wöchentlich durchgeführt. Mehr dazu findet sich in der „Thüringer Verordnung über die Infektionsschutzregeln zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 in Kindertageseinrichtungen, der weiteren Jugendhilfe, Schulen und für den Sportbetrieb“, die über über diesen Link abrufbar ist.

Laut Berechnungen des Chemikers Michael Böhme, auf Basis von Daten des Robert Koch-Instituts, übersteigt die 7-Tages-Inzidenz in der Altersgruppe von 5-14 Jahren auf Gesamt-Thüringen gerechnet, bei weitem diejenige, anderer Altersgruppen. Die Gesamtinzidenz vom 15. Oktober in dieser Altersgruppe betrug annähernd 350 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner:innen. Zum Vergleich: In der thüringischen Gesamtbevölkerung gibt es laut derzeitigen Daten eine 7-Tage-Inzidenz von etwa 129 (Stand: 16.10.2021, um 04:33 Uhr).

Empfehlung zum Maskentragen an Schulen, keine Empfehlung für Tests und Kritik an fehlender Datenlage

Das Kabinett von Bodo Ramelow bat selbst um das schriftliche Gutachten des Beirats, wie auch der MDR berichtete. Auftrag sei eine Stellungnahme gewesen, zu den „im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen zu beachtenden Erkenntnissen insbesondere im Hinblick auf Infektionsgeschehen, Krankheitsverläufe, Hospitalisierungsrate und Krankheitsverläufe sowie daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen.

Aus dem Brief geht hervor, dass die letzte offizielle Interaktion zwischen Beirat und Kabinett am 31. August stattgefunden hat. Die Entscheidung der Thüringer Landesregierung, die Maskenpflicht und Corona-Tests an Schulen unter anderem an die Gesamtinzidenz zu koppeln, wurde erst am 21. September getroffen. Glaubt man der Darstellung im Brief, ist davon auszugehen, dass der Wissenschaftliche Beirat bei der finalen Ausarbeitung der Thüringer Corona-Ampel eine vermutlich untergeordnete Rolle gespielt hat.

Zum Thema Testpflicht heißt es im Brief: „Weil Kinder selbst nicht schwer erkranken und Erwachsene sich impfen lass [sic!] können, sind Quarantänemaßnahmen grundsätzlich weder für den Eigen- noch für den Fremdschutz zu rechtfertigen. Daher sind auch Maßnahmen, die asymptomatische Erkrankte identifizieren können (z.B. mehrmals wöchentliche nicht anlassbezogene Testung aller Kinder mit Antigentesten), nicht mehr gut zu begründen.“ Die Aussage, dass Kinder nicht schwer erkrankten, wird vom SPD-Bildungspolitiker und Mediziner Thomas Hartung scharf kritisiert: „Ich finde es eine Frechheit, dass darin der Eindruck erweckt wird, Kinder könnten nicht schwer erkranken.

Ein wichtiger Satz aus dem Schreiben, der in der Meldung der Deutschen Presseagentur nicht zitiert wird, lautet: „Gleichzeitig empfiehlt der Beirat das konsequente Tragen von Masken und eine systematische Umsetzung der AHAL-Regeln – auch wegen der anderen respiratorischen Infektionserkrankungen (z. B. Influenza oder RSV) und weist auf die Bedeutung von geimpftem Personal und geimpften Eltern für einen erhöhten Schutz von Kindern hin.“ Damit positioniert sich der Beirat klar für eine Maskenpflicht an Thüringer Schulen.

Der Wissenschaftliche Beirat erklärt sich im Brief weiterhin dazu bereit, der Landesregierung für ein Gespräch zur Verfügung zu stehen. Dabei regt dieser an, dass ein solches Treffen aus seiner Sicht von einer Pressekonferenz bergleitet werden könnte. Der Beirat fordert in dem Schreiben außerdem, dass ihm eine aktuelle Datenbasis zur Verfügung gestellt wird, um „den Diskurs von anekdotischen und politisierten Debatten auf eine rationale Grundlage zu stellen.“ Drastisch heißt es, dass der Beirat mit der Datenlage „seiner Beratertätigkeit nicht mehr in der angestrebten Qualität nachkommen kann.“ Mit Verweis auf Datenerhebungen aus dem Vereinigten Königreich und Israel sei die Lage in diesem Bereich „unbefriedigend und in der Sache (Pandemie) als unangemessen zu bezeichnen.

Am Ende warnt der Beirat, dass die geringe Impfbereitschaft „regional zu einer Überlastung des Gesundheitssystems“ führen könnte, wovon dann auch vollständig geimpfte Kinder und Jugendliche betroffen wären.

* Nachtrag vom 19. Oktober: Ein Kommentar mit neuen Erkenntnissen ist hier nachzulesen.

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1 Comment

Corona Crush in Thüringen: Wo sind die Medien? - OSTPROG · 18. Oktober 2021 at 20:48

[…] Am Freitag wurde mir das Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats an die Landesregierung Thüringen zugespielt. Der Brief mit dem Gutachten wurde am Donnerstag, dem 14. Oktober an die Staatskanzlei von Bodo Ramelow geschickt. Darin wird unter anderem das Tragen von Masken empfohlen und Kritik an der zur Verfügung gestellten Daten über die pandemische Situation an Schulen angemahnt. Die Deutsche Presseagentur (dpa) hatte am Freitag ebenfalls unabhängig von meiner Berichterstattung Zugang zum Gutachten, woraufhin einige private Medien berichteten, allerdings überwiegend überregional. In der ersten Meldung wurden aber fast ausschließlich auf Passagen zum Nutzen von Tests zitiert. Am Samstag, so bestätigte mir ein Pressesprecher der dpa, wurde dann eine weitere Meldung nachgeliefert, in der auch auf die weiteren relevanten Passagen eingegangen wurde, über die ich hier bereits am Freitag berichten konnte. […]

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