Politik im digitalen Zerrspiegel

Gekommen um zu herrschen und Tweets zu teilen?

Um sich treten ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Seit Jahren (und insbesondere heute) wird vor einer Enthemmung des Verhaltens im Onlinebereich gewarnt. Heute habe ich eine interessante Beobachtung zu diesem Thema für meine Leser*innen.

Die, die auf Twitter um sich traten, sind in diesem Fall zwei Politiker… und ich. Gemeint sind Sawsan Chebli (SPD) – Bewerberin für die Nominierung als Bundestagskandidatin für den Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf – als auch Marco Tullner – CDU-Landtagsabgeordneter und Bildungsminister von Sachsen-Anhalt. Und eben ich, Gunnar Hamann.

Wenn das Öffentliche privat wird

Beginnen wir mit dem Tweet von Marco Tullner:

Wenn auch mit einem Augenzwinkern garniert, so muss man konstatieren, dass Tullner hier zunächst ungebeten dem Tweet-Ersteller eine Veränderung seiner Lebensumstände empfiehlt. Ohne dass ersichtlich wird – zumindest für zivilgesellschaftliche und journalistische Beobachter*innen –, welche äußeren Zwänge bei der Lebensgestaltung von René Barth zu seiner Wohnortswahl beigetragen haben.

Das mag für Barth auch in Ordnung sein (immerhin gefällt ihm der Tweet von Tullner auch), andererseits twittert Tullner hier mit seinem Account als CDU-Mitglied. Eine Trennung zwischen dem Politiker Tullner und der Privatperson ist dadurch nicht eindeutig zu ziehen. Dies lädt natürlich dazu ein, die eigenen politischen Vorbehalte auf die Äußerung zu projizieren. Das habe ich auch getan:

Hier der Kontext zu meiner sarkastischen Äußerung.

Wer Häme sät, wird Shitstorm ernten?

Weder ich noch Tullner sind hier jedoch „Unmenschen“ und haben einen „Shitstorm“ verdient, denn Provokation ist wichtig, um Veränderung zu bewirken. Das scheinen viele Menschen im Augenblick vergessen zu haben, bedenkt man die Debatte zum satirischen Schaffen von Sonneborn sowie von Böhmermann, Eckhart und Somuncu.

Sein Kollege, Ministerpräsident Reiner Haseloff (ebenfalls CDU), macht das schon geschickter. Zumindest unterhält er zwei getrennte Twitterkonten. Eines in seiner Funktion als Ministpräsident und ein weiteres Konto, welches laut Beschreibung eher persönlich ist.

Persona non grata?

In der Psychologie spricht man von einer Persona, wenn man von der „nach außen hin gezeigte[n] Einstellung eines Menschen“ spricht. Menschen neigen jedoch dazu ihre Einstellungen in Abhängigkeit vom Kontext unterschiedlich zu äußern.

Abstrakt formuliert: Barack Obama könnte zwar im privaten Kontext sagen, dass er Trump scheiße findet, aber in einem öffentlichen Diskurs, in dem er um die Stimmen unentschlossener Wähler kämpft, könnte diese Aussage fatal sein.

Konkreter formuliert: Jetzt, da viele Politiker*innen und andere Personen aus der Öffentlichkeit sich auf Twitter eingefunden haben, ist eine Auseinandersetzung mit der Trennung zwischen den Sphären des Öffentlichen und Privaten auch für diese Personengruppen angebracht.

Die Entkernung der Politik

Wieso das sowohl für den öffentlichen Diskurs im Internet, als auch für Personen der Öffentlichkeit von Vorteil wäre, dazu gleich mehr Gedanken und ein paar Vorschläge, aber zunächst der Tweet von Sawsan Chebli:

Das zitierte Interview – ursprünglich aus dem Jahr 2017 – zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Social Media Influencerin Ischtar Isik findet man hier in Gänze. Was ist an diesem Tweet zu kritisieren? Es sind ja schließlich nur drei vor Tränen lachende Smileys, könnte man meinen. Meine Antwort darauf:

Kontext für meinen Tweet.

Natürlich ist das Tragen einer Rolex nicht verboten. Ich bin schließlich kein Kommunist. Was ich hier kritisiere (und das führe ich im weiteren Gespräch unter dem Tweet mit einer anderen Twitter-Nutzerin auch aus), ist die Entpolitisierung des inhaltlichen Kerns der SPD. Ursprünglich als soziale Arbeiterpartei angetreten, wird die Partei mittlerweile in breiten Teilen der Gesellschaft nicht mehr als solche wahrgenommen.

Sawsan Chebli entlarvt sich für mich mit ihrer Aussage „Willy hätte Rolex getragen“ und im Talk mit Kurt Krömer als Symptom dieser Entwicklung. Die Rolex-Debatte und die Reaktion von Chebli auf die Influencerin waren nur Stein des Anstoßes für die – und dazu zähle ich auch mich –, die von der SPD aufgrund dieser Entwicklung enttäuscht sind. Das entschuldigt keinesfalls entwürdigende Kommentare auf Twitter oder unter dem Video von Kurt Krömer.

Mehr Mindfulness, statt “mind full”

Wer das jedoch denkt, sollte sowieso kurz durchatmen und danach in sich gehen oder Nachhilfe in Dialektik nehmen. Wer mir nämlich anschließend Rassismus vorwerfen möchte, weil ich eine philosophische Theorie Hegels anwende, sollte ebenfalls Nachhilfe in „Der Tod des Autors“ von Roland Barthes nehmen.

Kurze Einordnung dazu, mit einem etwas humoristischen Vergleich. Im Jahr 1962 erfand der Gastronom Sam Panopoulos die Pizza Hawaii. In meinem Freundeskreis haben wir festgestellt, dass eine Erwähnung der Pizza zu leidenschaftlichen Debatten darüber führt, ob diese nun schmeckt oder nicht.

Pizza Hawaii
Für die einen "lecker", für die anderen "widerlich". Wer liegt richtig?

Wie man so schön sagt: Am Geschmack scheiden sich die Geister. Dabei spielt keine Rolle, ob dem Erfinder die Pizza nun geschmeckt hat oder eben nicht. Und dafür ist auch unerheblich, ob er eventuell politische Positionen vertreten hat, die wir aus heutiger Sicht vertreten oder nicht. Das heißt natürlich nicht, dass wir diese Positionen nicht kritisch benennen können, aber wir sollten sie von seinem Produkt trennen können. Einen kritischen Geist bewahren. Ihr werdet sicherlich auch eigene Beispiele für die Pizza Hawaii aus eurem Umfeld kennen (beispielsweise Katzen- vs. Hundeliebhaber*innen).

Unsere Realität ist zudem sozial konstruiert. Wer die Vergangenheit studiert und mit der Gegenwart vergleicht, wird das zwangsläufig konstatieren müssen. So war es Frauen in der Schweiz erst im Jahr 1971 gestattet, ihr Wahlrecht auszuüben. Das ist nicht einmal 50 Jahre her. Heutzutage vollkommen unvorstellbar für die breite Masse der Bevölkerung.

Die Dualität des Gegenwärtigen

Gleichzeitig – und das ist der Widerspruch, den jede demokratische Gesellschaft vertragen muss – leben Menschen in der Gegenwart meiner Meinung nach immer zunächst in einer Dualität des Denkens, einem Gefängnis, wenn man so will. Diese Dualität hilft uns dabei, uns in der Welt zurecht zu finden. Wie Volker Pispers einmal trefflich gesagt hat: „Wenn man weiß wer der Böse ist, hat der Tag Struktur“.

Sich dessen bewusst zu werden, zu sein und zu bleiben, ist aber meiner Meinung nach entscheidend für die persönliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Jetzt die Selbstkritik: Meine sarkastische Bemerkung gegenüber Frau Chebli erreicht nicht ihren gewünschten Effekt, denn sie findet – in Analogie zu Marco Tullner – in einer Grauzone zwischen privater und öffentlicher Sphäre statt. 

Inwiefern „privat“, könnte man fragen, immerhin twittert sie hier doch in der Öffentlichkeit. Ihr Twitter-Account bekundet jedoch, dass sie „[h]ier privat“ auftritt. Entsprechend könnte man mir entgegnen, dass eine Politisierung ihrer Tweets ungebührlich ist.

Dem möchte ich aber auch zwei Feststellungen gegenüberstellen, die zunächst in sich widersprüchlich erscheinen: Erstens, findet man keinen Account, der sie als reine Politikerin – und damit als Person des öffentlichen Lebens – repräsentiert. Somit ist sie – und das ist die angesprochene Paradoxie – gewissermaßen in der Außenwahrnehmung das Gegenteil von Marco Tullner, der sich zumindest auf Twitter klar als CDU-Mitglied ausweist.

Im digitalen Diskurs gegensteuern

Dass die Trennung von politischer und öffentlicher Sphäre wichtig ist, zeigen die Arbeiten von Hannah Arendt. Wer meint, dass Private und Öffentliche aufheben zu können, läuft Gefahr totalitäre Systeme der Vergangenheit heraufzubeschwören. Sei es die Staatssicherheit in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik oder die Geheime Staatspolizei im Nationalsozialismus. Was sind die Handlungsempfehlungen, die sich daraus ableiten?

Es gibt aus meiner Sicht momentan zwei Möglichkeiten. Die erste Option besteht darin, dass Personen des öffentlichen Lebens sich (ebenso wie Ministerpräsident Haseloff) mehrere Accounts erstellen, die eine klare Trennung zwischen ihren Personas ermöglichen. Das erfordert natürlich auch eine breite Aufklärungsarbeit für die Zivilgesellschaft, damit diese die Unterscheidung auch nachvollziehen kann.

Die zweite Variante erfordert ein Bekenntnis dazu, dass Politiker*innen immer als Personen des öffentlichen Lebens auftreten. Dies wäre insofern (auch unter technologischen Gesichtspunkten) einfacher, weil die private Sphäre davon unberührt bliebe und somit eine weitere gesellschaftliche Debatte nicht notwendig wäre. Hier wäre die Aufklärungsarbeit darin zu sehen, dass Politiker*innen dafür sensibilisiert werden, dass sie ihre private Meinungsäußerung über alternative Methoden wahrnehmen. Auf Twitter gibt es beispielsweise die Option Nachrichten direkt an Nutzer*innen zu senden. Andernfalls gibt es alternative Wege. Persönlicher Kontakt, WhatsApp, Telegram und Threema sind nur eine Auswahl davon.

TL;DR

Das Fazit, welches ich aus meiner Diskussion ziehe: Es ist weiterhin wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass im Internet ein guter Umgangston herrschen sollte. Dafür ist es aber auch notwendig, dass die Politik ein klares Bekenntnis zu ihren eigenen Grenzen im öffentlichen Diskurs zieht.

In diesem Sinne: Verschließt euch nicht, aber öffnet euch nur denen gegenüber, die bereit für die offene Debatte sind (es sei denn sie mögen Pizza Hawaii #zwinkersmiley).

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