Freiwillige Feuerwehr

Freiwillige Feuerwehr: Bald kein „Feuer“ mehr?

Die Freiwillige Feuerwehr schrumpft. Das hat auch Auswirkungen auf die Brandbekämpfung in einem Land, in dem die meisten Feuerwehrleute ehrenamtlich Dienst leisten. Ein Gespräch mit Stephan Ziron über den Nachwuchsmangel bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Stephan Ziron läuft zum Feuerwehrhaus. Seine schwarze Brille mit den dicken Rändern hat er sich noch schnell aufgesetzt. Der Asphalt glitzert im Licht der Straßenbeleuchtung. Es ist kalt und glatt an diesem Tag im späten Winter. Gerade hat Stephan Ziron (39) – Musiklehrer – die Nachricht erhalten: „Schwerer Verkehrsunfall gemeldet.“ Zwei Jugendliche überholen in einer Kurve ein anderes Auto und verunglücken. „Die Jungs“, so Ziron: „haben wirklich ein Jahr gebraucht um wieder laufen zu können, aber sie haben beide überlebt.“ Es ist Stephan Zirons erster Einsatz für die Freiwillige Feuerwehr im Jahr 2015.

Kindheitstraum "Feuerwehr", der zu häufig unerfüllt bleibt

Der Wunsch zur Feuerwehr zu gehen, rangiert laut einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Appinio unter den zehn ersten Plätzen. Auch Stephan Ziron erfüllt sich diesen Wunsch. Im Alter von zehn Jahren tritt er der Jugendfeuerwehr in Wernigerode bei und beendet das Ehrenamt wenige Jahre vor seinem Abitur. Schließlich zieht es ihn nach seinem Studium aber wieder zur Brandwache zurück. Im brandenburgischen Temnitztal schließt er seine Ausbildung zum Feuerwehrmann. Doch die Freiwillige Feuerwehr verzeichnet seit Jahren einen Mitgliederschwund, wie der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) berichtet.

Das hat fatale Auswirkungen für die Arbeit der Feuerwehr, denn in Deutschland sind 95 Prozent aller Feuerwehrleute ehrenamtlich tätig. Berufsfeuerwehren gibt es vor allem in den größeren Städten. Dabei sind freiwillige Feuerwehrleute nicht minder qualifiziert und erhalten umfangreiche Aus- und Weiterbildungen für die Brandbekämpfung.

Geschlechtergerchte Feuerwehr?

Einer der Gründe für den Mangel, so Ziron, liegt in der teilweise geringen Attraktivität für Frauen. Laut Umfragen Wünschen sich die wenigsten Mädchen für die Feuerwehr zu arbeiten. „Das Klischee von der saufenden Freiwilligen Feuerwehr ist noch weit verbreitet. Das betrifft aber nicht nur das Ehrenamt, sondern auch andere Vereinsaktivitäten. Ich hatte Glück“, so Stephan Ziron. Bei der Feuerwehr Temnitztal helfen sogar drei Feuerwehrfrauen in leitenden Positionen. „Natürlich spricht man da auch mal über solche Vorurteile. Das hängt auch stark vom Klima am Standort ab“.

Auf Instagram versuchen einige Frauen – darunter auch die Feuerwehrfrau Marie Trappen aus Eisleben – dieses Bild von der männlichen Dominanz zu brechen. In verschiedenen sozialen Medien betreibt sie die „Feuerwehrfrauen“ und stellt weibliche Brandbekämpferinnen aus der ganzen Welt vor.

Verständnis schaffen und unterstützung sichern

Geschlechtergerechtigkeit ist aber nur ein Puzzleteil im Personalmangel. Die Jüngeren gehen zum Studium und die Überalterung tut ihr Übriges, meint Stephan Ziron. Für Ziron müssen sich zwei Dinge verändern, um das Berufsbild attraktiver zu machen. Auf der politischen Ebene bräuchten die Kommunen mehr finanzielle Unterstützung. „Wenn es an Ausrüstung und modernen Fahrzeugen fehlt, hat man auch weniger Interesse dort aktiv zu werden. Das zeigt dann meiner Meinung nach, ein mangelndes Interesse der Regierungen.“ Andererseits müsse auch die Feuerwehr selbst aktiver werden.

Kooperationen mit Vereinen und Firmen auf der lokalen Ebene, seien hilfreich um die Akzeptanz für die Arbeit der Feuerwehr zu erhöhen. „Es gibt auch einen Kollegen, dessen Arbeitgeber wenig Toleranz für die Arbeit aufbringt“, sagt Ziron. Fehlt ein Mitarbeiter, so erhält die Firma den Zeitverlust zwar finanzielle ersetzt, doch dies ersetzt nicht immer die fehlende Arbeitskraft in manchen Bereichen.

Stephan Ziron
Stephan Ziron war als Jugendlicher bereits bei der Freiwilligen Feuerwehr in Wernigerode aktiv. Jetzt möchte er der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Für das Ehrenamt aktiv werden. Das heißt eben nicht immer gleich ein Eintritt in die freiwillige Arbeit. Ziron sieht darin vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die alle leisten müssen. Obwohl er seinen Kindheitstraum erfüllt hat, geht es ihm nicht mehr um „die beeindruckenden großen roten Fahrzeuge und mit ‚Tatütata‘ durch die Gegend fahren“. Stephan Ziron will der Gesellschaft gerne etwas zurückgeben. Hoffentlich gibt die Gesellschaft auch der Freiwilligen Feuerwehr etwas zurück. Mehr Aufmerksamkeit.

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