Der wilde Wald – Weniger ist mehr?

Rezension des Kinofilms „Der wilde Wald“ und Gedanken zur Diskussion in Bonn

Am dritten Oktober hatte ich Gelegenheit bei einer Vorpremiere des Films „Der wilde Wald“ an der Neuen Filmbühne Bonn Beuel teilzunehmen. Dabei war auch die Regisseurin Lisa Eder, die sich in einer abschließenden Diskussion mit Uwe Schölmerich – ehemals Leiter des Regionalforstamts Rhein-Sieg-Erft – und Jonas Brandel, Referent für Wald- und Forstpolitik sowie zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im Bundesverband der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Eine klimajournalistische Filmkritik.

Der Wald ist ein Ort, mit dem jede:r etwas verbindet. Gesellschaftlich ist der Wald ebenfalls dicht besetzt mit tradierten Erzählungen, die ihm eine gewisse Mystik verleihen. Doch der Wald ist auch ein Politikum. Die Schlacht im Teutoburger Wald oder der Mythos von der „Germaneneiche“. Nationalistische Interpretationen vom deutschen Wald als identitätsstiftende Naturobjekte, sind seit Jahrhunderten bekannt. Besetzungen des Hambacher Forsts und Dannenröder Walds – zwei der vermutlich prominentesten Beispiele aus jüngster Zeit – verdeutlichen, dass der Wald in Zeiten der zunehmenden Klimakrise gesellschaftspolitisch wenig von seiner Bedeutung verloren hat.

Die Filmemacherin Lisa Eder zeichnet in dieser laufenden Auseinandersetzung ein weiteres Bild vom Wald, das eine organisches Perspektive einnimmt, ohne ihn auf einer deutschtümelnden Ebene zu verklären. Der Hauptprotagonist des Films – der junge Fotograf Bastian Kalous, den Eder auf einer mehrtägigen Reise durch den Nationalpark Bayerischer Wald verfolgt – liefert eine sehr sympathische Sicht auf den Wald als persönliche Heimat.

Das Hauptanliegen der Regisseurin scheint es zu sein, dass Zuschauer:innen den Wald auf die individuellen Erfahrungen und Gefühle mit ihm durchforsten, um einen eigenen Standpunkt zu formulieren. Damit kann man den Film auch als den Versuch einer Immunisierung gegen die Instrumentalisierung des Waldes durch verschiedene gesellschaftliche Gruppen deuten. Ein hehres Anliegen, aber gelingt dieser Versuch auch filmisch?

Trailer des Films „Der wilde Wald“ von Lisa Eder / mindjazz pictures.

Der Mensch ist der Borkenkäfer

Eder sieht sich selbst nicht als Idealistin, möchte aber einen anderen Blick auf den Wald und dessen Bewirtschaftung ermöglichen. Dabei fokussiert sie sich auf den Nationalpark Bayerischer Wald, der seit annähernd fünfzig Jahren weitgehend von menschlichen Einflüssen befreit ist. Der Untertitel des Films lautet: „Natur Natur sein lassen.“ Dabei erzählt der Film nicht nur über die Reise von Bastian Kalous.

Neben beeindruckenden Aufnahmen, die der Filmemacherin im Nationalpark gelungen sind, schwingt bei dieser Schönheit auch immer das verstörende Element des Klimawandels mit. Etwa, wenn die US-Amerikanische Insektenkundlerin Diana Six über den Zusammenhang zur Ausbreitung des Borkenkäfers durch die Klimakrise reflektiert. Dabei erklärt sie aber auch, dass Borkenkäfer eine natürliche Rolle im Wald einnehmen, die erst durch die zunehmende Trockenheit und Stürme außer Kontrolle geraten ist und den Waldbestand gefährdet.

Auch Katastrophen, so machen es verschiedene Wissenschaftler:innen und Forstleute im Film deutlich, sind Teil der Natur und keinesfalls immer das Ende des Ökosystems. Als Six über ihre Leidenschaft, den Borkenkäfer, spricht, schildert sie einprägsam, dass wir nicht über eine Schädigung durch den Borkenkäfer sprechen müssten, sondern über die eigentliche Schädigung der Wälder durch uns Menschen.

Bastian Kalous überblickt einen Teil des Nationalparks Bayerischer Wald bei Sonnenuntergang. 50 Jahre unberührte Natur. Standbild aus dem Film "Der wilde Wald" / Bildrechte: Lisa Eder, mindjazz pictures.
Politisierung, damals wie heute

Diese Umkehrung des üblichen Narratives auf einzelne Faktoren hin zum globalen Einfluss unserer Gesellschaft, ist die eigentlich beeindruckende Leistung des Films und seiner Protagonist:innen. Auch die historische Dimension, die der Film für den Nationalpark skizziert, liefert interessante gesellschaftliche Parallelen in Gestalt einer Sturmkatastrophe in den frühen 90er-Jahren, die Bilder der Verwüstung aus dem Bayerischen Wald in die deutschen Medien transportierte. Gezeigt wird ein Ausschnitt der Sendung Frontal (ZDF), in der der mittlerweile verstorbene Journalist Bodo Hauser den Nationalpark als Projekt einer „grünen Ideologie“ bezeichnet. Eine Phrase, die vielen aus dem Bundestagswahlkampf sicherlich noch bekannt sein wird. Wie es in den Wald schallt, könnte man sagen. Verrät doch der Vorwurf der „Ideologisierung“ zumeist mehr über das eigene Weltbild, als man zugeben möchte.

Der Film liefert durchaus selbst Nahrung für solche Narrative. Etwa wenn der langhaarige Bastian Kalous aus einer Baumhöhle klettert, die wie eine Vulva geformt ist und sich dabei selbst fotografiert. Für diejenigen, die der Erzählung von weltfremden „Fridays For Future“-Anhänger:innen erlegen sind, ein gefundenes Fressen und Möglichkeit, der eigenen Entfremdung von der Natur ein Ventil zu geben. Hauptangriffspunkt liefert der Film aber bereits mit der Beschränkung auf die These, dass der Nationalpark Bayerischer Wald als Erfolgsmodell für die Forstwirtschaft allgemein anbiete. Sei es zur Minderung der Auswirkungen der Klimakrise oder der allgemeinen Hinwendung zur Natur.

Erste Hinweise dazu liefert der Film selbst, beispielsweise wenn Bastian Kalous auf seiner Wanderung bemerkt, dass er froh ist, nicht so viele Menschen zu sehen und mit Hinweis auf eine nahe Straße bemerkt, dass der Wald für ihn eine Zuflucht darstellt. Dabei befindet er sich selbst gegen Filmende bei einem Gipfelkreuz, auf dem Jesus dargestellt ist. Der menschliche Einfluss ist auch hier immer greifbar.

Auch wenn Kalous glaubhaft sagt, dass ihm die Einsamkeit in der Natur nichts ausmache, so ist sie reduziert auf einen bloßen Eskapismus, den ich hier nicht als etwas rein negatives verstehen möchte, der aber nur funktioniert durch die Gegenüberstellung von Wald und Gesellschaft. Eine, wie ich finde, sehr einsame Betrachtungsweise und einseitige Beziehung zur Natur, die die Natur des Menschen als soziales Wesen ein Stück weit ausklammert.

Im Film kommt auch der Forstbesitzer Peter Langhammer zu Wort, der seinen privaten Forstbetrieb sehr auf Nachhaltigkeit ausgelegt hat. Die Nähe zum Nationalpark und Reisen in verschiedene Urwälder haben ihn geprägt. Im Gegensatz zu anderen Förstern, lässt er ältere Bäume auch einfach mal stehen. Doch selbst er kann sich nicht vorstellen, seinen Wald wie den Nationalpark zu betreiben. Seine Bäume, so sagt er, seien „Jugendliche“, verglichen mit denen im Bayerischen Wald.

Impulse für den gesellschaftlichen Balanceakt

Natur Natur sein lassen.“ Kann das die Devise für Forstämter und Forstwirtschaft sein? In der Diskussion mit der Regisseurin sowie Uwe Schölmerich und Jonas Brandl stellt sich im Gegensatz zur cineastischen Schlussfolgerung eine gewisse Ernüchterung ein. Brandl – Referent für Wald- und Forstpolitik in der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald – weist darauf hin, dass in der modernen Forstwirtschaft eine Ausrichtung an Monokulturen in der Bewirtschaftung schon lange kein Thema mehr sei.

Schölmerich – ehemaliger Leiter des Regionalforstamts Rhein-Sieg-Erft und mittlerweile im Ruhestand – gibt aber auch zu bedenken, dass der Wald beim Thema CO2-Speicherung eine eher untergeordnete Rolle spiele. Der Wald in Deutschland hat laut Kohlenstoffinventur des Thünen-Instituts von 2019 einen Speicheranteil von etwa sieben Prozent am jährlichen CO2-Ausstoß im Land. Bemessen an der Fläche haben Moore eine wesentlich höhere Bedeutung als CO2-Senke, um das Treibhausgas zu speichern.

Zudem, so bemerkt Uwe Schölmerich, sei es aufgrund der Geschwindigkeit mit der man es beim Klimawandel zu tun habe, nicht folgerichtig, den Wald in der Fläche zu verwildern. Auch wenn Borkenkäfer eine natürliche Erscheinung des Waldes seien, müsse man mit menschlichen Eingriffen gezielt resilientere Baumarten ausbringen – wie etwa die Douglasie – um dem vom Menschen verursachten Phänomen zu begegnen. Außerdem ist ein Nachteil in der Forstwirtschaft, dass die potentiellen CO2-Speicher mehrere Generationen benötigen, um nachzuwachsen. Es sei daher nur ein kleines Puzzleteil im Maßnahmenkatalog, wie er nach dem Gespräch erläutert.

In der Diskussion wird deutlich: Der Widerspruch zwischen ökonomischer Nutzung und ökologischem Nutzen der Wälder, bleibt bestehen. Muss er zwangsläufig auch, solange der Mensch massiv in den Kohlenstoffhaushalt der Natur eingreift.

Jonas Brandl, Lisa Eder und Uwe Schölmerich (v.l.n.r.), kurz nach der Diskussion mit dem Publikum. | Foto: Gunnar Hamann, Ostprog.de.

Der Moderator der Diskussion äußert noch während des Gesprächs Bedenken, ob es fair war, zwei Personen neben Lisa Eder zu stellen, die einige Thesen des Films kritisch hinterfragen. Doch in diesem Fall möchte auch ich widersprechen. In den Momenten, in denen der Film einen empathischen Blick auf die Natur freigibt, der ihre Unersetzbarkeit vor Augen führt, ist er lebendig und mitreißend. Für gänzliche Naturmuffel, die die Schönheit der Wildnis vergessen haben und diese auch nicht an sich heranlassen wollen, wird der Film vermutlich abschnittsweise unter der Rubrik „Kitsch“ einsortiert werden, was bedauerlich ist.

Doch trotz der Widersprüche, gelingt Lisa Eder überwiegend doch ein filmischer Balanceakt, der zwangsläufig über die Emotionalisierung auch in Extreme führt. Doch für den gesellschaftlichen Tanz auf dem Drahtseil zwischen ökonomischer und ökologischer Freiheit, ist das eine sehr gelungene, wenn auch vielleicht ungewollte Metapher.

Der wilde Wald“ läuft ab dem siebenten Oktober in deutschen Kinos und damit auf den Tag genau, fünfzig Jahre nach der Gründung des Nationalparks Bayerischer Wald.

* Bildrechte: Titelbild aus dem Film „Der wilde Wald“ von Lisa Eder / mindjazz pictures.

Ein Video der Diskussionsveranstaltung habe ich hier hochgeladen:

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