Der Tanz auf diskursiven Tretminen

Der Tanz auf diskursiven Tretminen

Falsche Ausgewogenheit im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Man schaltet eine Talkshow ein und schon sitzt da ein Gast, der einem nicht gefällt. Das ist aber egal, denn das Argument hinter der Person sollte zählen. Problematisch wird es dann, wenn Journalist:innen aber jenen eine Bühne bieten, die mit Schlangenöl statt redlicher diskursiver Standfestigkeit in den Ring steigen. Ein Kommentar.

Als „Schlangenöl“ bezeichnet man ein Produkt, das absolut wirkungslos ist, aber als Zaubermittel zur Lösung für Probleme vermarktet wird. Bekannte Versprechen sind etwa „Garantiert schlank in 30 Tagen“ oder „Entfernt alle Gerüche“. Im deutschen Sprachraum nennt man Menschen, die solche Versprechen abgeben Quacksalber.

Es ist wichtig über die Techniken dieser Leute aufzuklären, aber es kann nie genügen, denn das menschliche Gehirn ist fehleranfällig. Zur Eindämmung des Quacksalbertums haben wir Gesetze und Normen geschaffen, die uns bis zu einem gewissen Grad schützen. Das Problem, was viele aber unterschätzen: Wir Menschen sind nicht nur sehr gut darin Schwachstellen bei anderen Menschen, sondern auch bei den gesetzlichen Regelungen und Normen zu finden.

Quacksalber gibt es nicht nur in der Werbebranche. Man findet sie überall. In der Politik nennt man das dann Populismus. Dort schwadronieren die offensichtlichsten Quacksalber dann „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ oder reden von der „Lügenpresse“. Populismus ist ein Phänomen, das keiner politischen Richtung klar zuzuschreiben ist. Man findet es im Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus, selbst in progressiven politischen Bewegungen.

Gehen zwei Polarisierer in eine Talkshow …

… schaut ganz Deutschland zu. Das muss allen redaktionell Verantwortlichen bewusst sein. Und das ist es auch, aber dazu am Ende des Kommentars ein paar Worte.

Worum geht es? Um Axel Bojanowski (Wissenschaftsjournalist bei der WELT) und Jan Fleischhauer (politischer Kolumnist beim Focus). Um eines klarzustellen, beide sind keine Quacksalber, aber sie polarisieren und bewegen sich zuweilen dicht an populistischen Darstellungsweisen.

Axel Bojanowski: Polarisieren ohne Polkappen

Axel Bojanowski ist seit Jahrzehnten als Journalist tätig und hat zuvor sein Diplom mit Schwerpunkt Klimaforschung als Geologe abgeschlossen. Journalistisch ist Bojanowski viel herumgekommen. Nature Geoscience, GEO, Stern, Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online, dann Chefredakteur für BILD der Wissenschaft und Natur. Seit einem Jahr ist Axel Bojanowski Chefreporter bei WELT. Auch dort arbeitet er viel zum Thema Klimaschutz.

Bereits bei seiner Arbeit für Spiegel Online gab es jedoch schon Kritik an der Arbeitsweise Bojanowskis. So schrieb der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) am ersten August 2006 einen offenen Brief an den Journalisten. Darin rügte er dessen Artikel „Rüpeleien unter Klimaforschern“ unter anderem mit dem Vermerk: „Summa summarum hat Herr Bojanowski in seinem Artikel versucht, das Bild einer eingeschworenen Clique von Klimaforschern zu entwerfen, die mit rüden Methoden kritische Artikel unterdrücken.“ Nach meinen Recherchen ist Axel Bojanowski bisher nie auf die inhaltliche Kritik des Forschers eingegangen. Auf dem Blog Klima-Lügendetektor des Journalisten Nick Reimer sind wissenschaftsjournalistische Mängel an seiner Arbeit auf Spiegel Online von 2013 bis 2015 aufgeführt.

Bojanowski hat in der Debatte einen klaren Standpunkt, den er immer wieder betont: Klimajournalisten würden Unabwägbarkeiten in den Prognosen von Forscher:innen verschweigen. Demgegenüber sieht Sven Engesser, Professor für Wirtschafts- und Technikkommunikation an der TU Dresden, keine Probleme bei einer Mehrheit der Berichterstattung. Der Forscher erwähnte im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung zur Debatte um Bojanowski zwei Studien von 2011 und 2016. In der neueren Studie kommen die Autor:innen zu dem Befund, dass 43% der Artikel Ungewissheiten aus dem fünften Bericht des Weltklimarats (IPCC) als Gewissheit beschrieben.

Bojanowskis Kritik an diesen wissenschaftsjournalistischen Fehlern hat seine Berechtigung. Auch Klimaforscher wie Wolfgang Lucht mahnen eine solche unsaubere Berichterstattung an, wie hier kürzlich auf Twitter, bezogen auf die Berichterstattung der Tagesschau zum neusten Bericht des Weltklimarats:

Seitdem Axel Bojanowski bei der WELT eingestiegen ist, haben sich die Kritiken an seiner Berichterstattung vermehrt. Etwa im Januar in einer Stellungnahme von Germanwatch, einem gemeinnützigen Verein mit Sitz in Bonn. Oder noch aktueller am 23. Juli beim Blog Volksverpetzer, einem gemeinnützigen Unternehmen, das seit 2018 eigenständig Faktenchecks vornimmt.

„Klimaleugner!“ – „Klimaaktivisten!“

Bojanowski reagierte eine Woche später auf den Blogeintrag mit einem Update unter dem kritisierten Artikel. Dort betonte er eingangs zunächst, dass er den menschgemachten Klimawandel für real hält und bezeichnete ihn als „eines der großen Menschheitsprobleme“. Seine Replik ist jedoch spannend:

Deutschlands Katastrophenschutz ist auf dem Niveau eines Entwicklungslands, aber Politiker missbrauchen den Klimawandel als Ausrede, um nicht über die wahren Ursachen reden zu müssen: Hochwasserschutz, Regendrainage, Vorwarnung etc. „Klima-Bluff“ haben wir diese Taktik in der Überschrift eines meines Artikels [sic!] genannt. (…) Die Flutkatastrophe hat bestätigt: Die Fokussierung auf das Klimaproblem kann dazu führen, dass andere wichtige Probleme vernachlässigt werden, was das Leid vergrößert. Die Überflutungen in Westdeutschland könnten ähnlich in einer Welt ohne menschengemachten CO2-Ausstoß stattfinden, Schutzmaßnahmen wären also lebenswichtig. Die Betonung von Klimaschutz diente als Ausrede, um von eklatanten Versäumnissen im Katastrophenschutz abzulenken.

Das ist faszinierend, denn ich beobachte als Journalist zugleich auch eine Debatte in der Öffentlichkeit über den Katastrophenschutz. Erst heute wurde angekündigt, dass Bund und Länder den Cell-Broadcast – die Katastrophenbenachrichtigung via SMS – einführen möchten. Dies findet parallel zur Debatte um die Flutkatastrophe statt. Ich frage mal als ehemaliger Student der Politikwissenschaften ganz unverfroren in den Raum: Kann es sein, dass wir in der Politik das Ressort-Prinzip haben, sprich, die Möglichkeit verschiedene Themen politisch arbeitsteilig zu erledigen? Diese völlig an der politischen Realität vorbeilaufenden Betrachtungen und Behauptungen sind es, die mich dazu treiben, hier von „Populismus“ zu sprechen. Grundtenor: Lasst uns nicht das gesellschaftliche Problem in allen Facetten begreifen, sondern ein „Wir gegen Sie“ konstruieren.

Interessant daran ist für mich auch, dass hier Bojanowski eigentlich selbst einer „Hysterie“ verfällt, denn ein Beleg für die These, dass die Debatte über die Klimakrise dieses Thema überdeckt, bleibt aus. Zudem wird Bojanowski hier selbst politisch. Etwas, was er sonst der konstruierten Gegenseite vorwirft. Der Artikel im Volksverpetzer hätte vernünftigerweise den Begriff „Klimawandelleugner“ beiseite gelassen, denn das ist Axel Bojanowski sicherlich nicht. 

Was hier geschieht, ist in meinen Augen eine psychologische Projektion, die in einer größeren gesellschaftlichen Projektion verfangen ist. Die Kernfrage beider Artikel ist ein Streit über die Frage, wo wir als Gesellschaft in Zukunft sein wollen. Der Klimawandel ist menschengemacht und real, stellt Bojanowski fest. Dann sollte er auch verstehen, welche Sorgen die „Aktivisten“ hier haben. Das Problem bei einem solchen Thema, bei dem es um Kipppunkte geht, auf einen Ausgleich in der Mitte zu hoffen, ist hochgefährlich. Das Klima verhandelt bekanntlich nicht.

Nicht, weil es keine Unwägbarkeiten gibt, sondern weil es sie gibt, müssen sich beide Seiten gut zuhören. Diese Sorgen muss man nicht teilen. Man muss sich dann aber auch nicht wundern, wenn eine Gesellschaft, die dieser Unabwägbarkeit in großer sozialer Ungleichheit ausgesetzt wird, sich zunehmend polarisiert. Wenn man als Klimajournalist so häufig auf Fehler hingewiesen wird, sollte man das ebenfalls für sich reflektieren. Ebenfalls sollten Volksverpetzer und Co. etwas mehr Zurückhaltung in der Wortwahl an den Tag legen, denn sonst trägt man selbst zu der Polarisierung bei, die man bei anderen Medien kritisiert und läuft selbst Gefahr dem „Quacksalbertum“ anheim zu fallen. Und dass der Presseclub der ARD Bojanowski nun auch noch zu sich in die Sendung einlädt, ist Wasser auf die Mühlen derer, die Axel Bojanowski bisher wenig ernstgenommen hat.

Jan „Staatsfunk“ Fleischhauer

Meine Kritik an Jan Fleischhauer (politischer Kolumnist beim Focus) habe ich an anderer Stelle bereits getätigt. Zur Erinnerung: „Der Kolumnist Jan Fleischhauer hat zur Normalisierung dieses Begriffs (Anmerkung: gemeint ist „Staatsfunk“) beigetragen. Doch anders als er behauptet, lässt sich die Herkunft sehr eindeutig aus dem Umfeld von PEGIDA und der Alternative für Deutschland herleiten.

Satire und Realität trafen am Dienstag dieser Woche unfreiwillig aufeinander, als MDR Aktuell im Radio ausgerechnet den Journalisten Fleischhauer einlud, sich zur möglichen Zukunft einer Deutschland-Koalition auf Bundesebene zu äußern. Man holt sich also ausgerechnet die Person ins Programm, die zur Normalisierung des Begriffs „Staatsfunk“ beigetragen hat und sich davon nie klar distanziert hat, außer sich persönlich in der eigenen Kolumne aus der Haftung zu nehmen mit der Behauptung, er persönlich würde diesen Begriff jetzt nicht verwenden. Taktik: Ich schmeiße ein Streichholz auf das Benzin am Boden, aber drehe mich um und lasse andere Feuerwehr spielen.

Reaktion auf eine Anfrage bei MDR Aktuell Radio: „Die Entscheidung, mit wem und zu welchem Thema wir im Programm MDR Aktuell sprechen, trifft die Redaktionskonferenz. Das Thema, das mit Jan Fleischhauer besprochen wurde, war der ausgehandelte Koalitionsvertrag von CDU, SPD und FDP in Sachsen-Anhalt. In dem Interview ging es also nicht über die Ansicht des Kolumnisten über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.“

Mehr als Offensichtliches weiß man nicht, ich warte aber noch auf eine weitere Antwort der Hörer-Redaktion. Meine Ausgangsfrage war, wer sich innerhalb der Redaktion für die Entscheidung Fleischhauer einzuladen verantwortlich zeigt. Dementsprechend wurde auf die Frage nicht klar geantwortet, sondern diese wurde schlicht auf die gesamte Konferenz ausgelagert. Das auf der Redaktionskonferenz die Entscheidungen fallen, ist mir bewusst, aber die Frage, wer den Impuls in die Runde gebracht hat, wäre von Interesse, denn hier besteht durchaus ein Erklärungsbedürfnis gegenüber denen, die keine Populisten im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) sehen wollen.

Warum? Die CDU in Sachsen-Anhalt blockierte bekanntlich die zuvor ausgehandelte Novelle über eine Erhöhung der Rundfunkgebühren. Teile der CDU in Sachsen-Anhalt verfielen zuvor dem Kampfbegriff „Staatsfunk“, wie Enrico Seppelt für DuBistHalle berichtete. Auch ich nahm diesen Eindruck bei CDU-Anhänger:innen auf Twitter wahr. Anfang des Monats urteilte Karlsruhe nun endlich, zur großen Erleichterung vieler, dass das Vorgehen der sachsen-anhaltinischen Landesregierung eine „Verletzung der im Grundgesetz festgeschriebenen Rundfunkfreiheit darstelle“, so die Tagesschau.

Wo ist die Satire? Dieses Bild twitterte ein offensichtlicher Troll-Account aus dem Umfeld der AfD unter dem Beitrag:

Wahlwerbung der AfD mit dem Begriff "Staatsfunk" unter dem Beitrag mit Jan Fleischhauer.
Wahlwerbung der AfD mit dem Begriff "Staatsfunk" unter dem Beitrag mit Jan Fleischhauer.
Die Geister, die ich rief…

Wir haben ein Problem. Der ÖRR soll unabhängig von der Politik berichten können. Gleichzeitig macht sich der ÖRR aber mit der Auswahl seiner Gäste zum Spielball der Politik. Woran das liegt? Der Befund ist für mich recht eindeutig. Die Politik macht seit Jahren Druck auf den ÖRR, dass dieser einsparen müsse. Die Debatte um die Erhöhung der Rundfunkgebühren war nur das Fass, das diesen Konflikt auf die offene Bühne transportierte. Das wiederum erhöht den Rechtfertigungsdruck in den Redaktionen und die „Quote“ wird dadurch möglicherweise als Taktgeber überschätzt. Woher kommt aber dieser Druck auf den ÖRR durch die Politik?

Im Zusammenhang mit kürzlichen Forderungen der FDP, sprach der Deutsche Journalisten Verband (DJV) außergewöhnlich offen von „Populismus“. Die alten Volksparteien sehen sich seit Jahren einer Schrumpfung ausgesetzt. Gleichzeitig gibt es eine zwischen Werteunion und gemäßigten Unionsmitgliedern zerrissene Union, die sich um ihre sonstigen starken Ergebnisse zu den Wahlen sorgt. Die Werteunion und Teile der FDP verfolgen die Strategie, der AfD thematisch den Rang abzulaufen. Das zeigt sich nicht zuletzt auch an der Aufstellung von Hans Georg Maaßen (CDU) als Bundestagskandidat in Thüringen und der Wahl Kemmerichs (FDP) zum Ministerpräsidenten, ebenfalls in Thüringen, mit Stimmen der AfD und CDU.

Es ist also scheinbar die AfD, die den Diskurs in diesen Teilen der Gesellschaft bestimmt. Die Angst vor Machtverlust lässt Projektionen auf den politischen Gegner zu, die früher undenkbar waren. Ich habe schon einige Bundestagswahlen miterlebt, aber noch keine war so inhaltsleer und gleichzeitig rhetorisch so vergiftet, wie diese.

Der ÖRR müsste hier gegensteuern und nicht noch zusätzlich befeuern. Das ist meine Meinung. Gleichzeitig muss dieser Befund aber auch in unserer Gesellschaft ankommen. Das gilt für alle Seiten. Beide müssen einander prinzipiell ernstnehmen. Auch auf Seiten der Bojanowski-Kritiker erlebe ich Leute, die von „Folterknecht“ oder dergleichen schreiben. Das muss nicht sein, denn es schwächt den eigenen Standpunkt. Einfach mutig seine Meinung vertreten, ohne sich von zigfach gehörten Vorwürfen aus der Ruhe bringen zu lassen. Das ist anstrengend und bei einer Beleidigung steht es jedem frei, die Diskussion zu unterbrechen, aber über die Qualität die man haben will, entscheiden wir auch immer selbst.

Man könnte mir jetzt natürlich zu Recht vorwerfen, ich selbst würde mit dem Vorwurf von „Quacksalberei“ und „Populismus“ eine Seite wählen und polarisieren. Ja, das tue ich. Aber nur, weil ich den Vergleich treffend finde und am Vorwurf der „False Balance“ im Zusammenhang mit der Repräsentation dieser Personen durchaus ein hier klar formulierter Kritikpunkt besteht. Es kann jeder an sich arbeiten. Vielleicht ändere ich diese Meinung auch wieder. Das hängt davon ab, wie wir uns als Gesellschaft begegnen wollen. Mit Respekt, aber ehrlicher Kritik, oder mit Klauen und Zähnen.

In diesem Sinne ende ich mit einem Zitat aus dem Lied der US-amerikanischen Band Tool: „Cut and divide it all. Right in Two.

* Bildquellen: Axel Bojanowski, von Wikipedia-Nutzerin Alicia Duarte und Jan Fleischhauer, von Wikipedia-Nutzer Raimond Spekking, beide lizensiert unter CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Von Gunnar Hamann bearbeitet und ebenfalls unter der CC BY-SA 4.0 lizensiert.

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2 Comments

Banucci · 18. August 2021 at 21:09

Guter Artikel – danke dafür. Generell auch bezogen auf die anderen Artikel und deine neue Postfrequenz!

    Gunnar · 18. August 2021 at 21:38

    Danke 😀

    In dem nächsten Wochen wird es wieder etwas weniger werden, aufgrund persönlicher Umstände, aber ich habe noch zwei Themen in der Pipeline.

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