Die „Little Barrington Declaration“ der Initiative Familien

Die Normalisierung von Querdenken

Die Initiative Familien hat ein Querdenker-Problem. Das habe ich jetzt mehrfach nachgewiesen. Nach jeder Abgrenzung des Vereins kommt eine weitere große Enthüllung, auf die dann nach anfänglicher Gegenwehr erneut eine Abgrenzung folgt. Irgendwann sollte allen klar sein, dass wir es nicht mit einem glaubwürdig agierenden Verein zu tun haben. Trotzdem sprechen Medien weiterhin mit dem Verein. Ein Kommentar und Blick zurück.

Im Mai 2020 nannte sich die Initiative Familien noch „Familien in der Krise“. Bereits damals gab es eine erste Erwähnung des Vereins im Zusammenhang mit Querdenken. Damals war dieser Zusammenhang sicherlich noch der Taktik von Querdenken verschuldet, sich in jedweden Diskurs einzubringen. Eine Taktik, die natürlich bis heute anhält.

Den ersten eindeutigeren Beleg lieferte die Initiative aber erst am 3. Oktober diesen Jahres, als sie gemeinsam mit „Laut für Familien“ und „Zeig dein Herz für Kinder“ eine Demonstration in Stuttgart veranstaltete. Dokumentiert wurde diese von @NazifreiFilder (Filderstadt Nazifrei) in einem Thread auf Twitter. Darunter ein bekannter Scientologe sowie Querdenker:innen. Der Philosoph Michael Oberst ist selbst Angriffen aus der Ecke der sogenannten #Kindertruppe ausgesetzt, die mit Mitgliedern der Initiative besetzt ist. Er schrieb damals auf Twitter: „Die Grenzen dieser Elterninitiative zu den Querdenkern verwischen zunehmend.“ Die Antwort der Initiative darauf:

Wenige Tage später schrieb die Initiative unter einem weiteren Tweet von Filderstadt Nazifrei, dass die Vorwürfe verleumderisch seien. Es heißt weiter: „Wir sind ehrenamtliche Eltern, welche die Pandemie ernst nehmen & uns von jeglichen extremen Organisationen abgrenzen (…). Ihre Unterstellungen sind absolut haltlos!

Nach meinem Beitrag vom 31. Oktober, in dem ich einen absolut eindeutigen Beleg für die Vorwürfe liefern konnte, reagierte man von Seiten der Initiative weiterhin ungehalten. Statt diese Ergebnisse zu reflektieren, warf mir Vereinsvorstandsmitglied Zarah Abendschön-Sawall auf Twitter Verleumdung und die Verbreitung von Verschwörungstheorien vor. Das tat sie wieder und wieder und wieder. Letzteres erfüllt im Übrigen vermutlich selbst den Strafbestand der Verleumdung. Nach einem Kommentar von mir, blockierte mich der Verein auf Twitter, mit der Behauptung, ich würde wirre Behauptungen aufstellen und beleidigend sein.

Erst am 14. November gab Zarah Abendschön-Sawall die erste konkretere Antwort zu den Vorwürfen ab. Darin behauptet sie, dass die gezeigte Nachricht im Beitrag aus dem Kontext gerissen sei und: „In diesem Chat gab es z.T. 100 Nachrichten pro Tag, viele Dinge bleiben unkommentiert, daraus Zustimmung zu interpretieren, ist hanebüchen.“ Das könnte man so annehmen, jedoch ist auf dem Screenshot klar zu erkennen, wie sie nur kurze Zeit nach dem Beitrag von Daniela Beck auf diesen Antwortet. Insofern muss sie den Inhalt gelesen und verstanden haben. In welchem anderen Kontext man Worte wie „Impfpropagandafilm“ verwenden würde, sei mal dahingestellt.

Am 23. November erkannte der Verein plötzlich an, dass die Kooperation in Stuttgart ein Fehler war. Man nimmt Bezug auf Filderstadt Nazifrei, erwähnt aber mit keiner Silbe meine Recherchen. Eine Entschuldigung blieb aus. Zu diesem Zeitpunkt war ich längst mit meinen weiteren Recherchen zur Kindertruppe beschäftigt, die sehr offensichtliche Überschneidungen zur Initiative aufweist und teilweise mit Mitgliedern des Vereins besetzt ist.

Darin weise ich nach: Zwei Mitglieder des Vorstands von Initiative Familien folgen auf Twitter Mitgliedern der Querdenker-Gruppierung „Heiner ULTRAS“. Stephanie Schläfer und Zarah Abendschön-Sawall. Eine Gruppierung, die auf entsprechenden Demonstrationen auftaucht und nachweislich Morddrohungen gegen Karl Lauterbach ausgesprochen hat. Da verwundert es dann auch wenig, dass ich nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung meiner Recherche eine Morddrohung aus rechten Kreisen auf Twitter erhalten habe, die ich auch zur Anzeige gebracht habe. Ein weiteres Mitglied, Agnes Horvath, hat ebenfalls direkte Verbindungen zu solchen Accounts.

Wieso man anhand dieser Zahlen derzeit überhaupt noch die Lockerung von Maßnahmen erwägen kann, ist fraglich. Zumal die Bildungsministerien sich bei ihren Entscheidungsfindungen so intransparent geben, als wären sie der Auswärtige Ausschuss des Bundestags. Das Experiment der Kultusminister:innen ist gescheitert und die These von „keine Treiber der Pandemie“ kann man ad acta legen, denn die hohen Inzidenzen unter Kindern haben zur Verbreitung des Virus in der Gesamtbevölkerung ohne Zweifel beigetragen.

Merkwürdige Verbindungen, aber keine klaren Belege

Ein kurzer Exkurs: Das American Institute for Economic Research (AIER) zählt zu den Befürwortern der sogenannten Great Barrington Declaration (kurz: GBD) und hat Autoren dieser Deklaration im Oktober des vergangenen Jahres zu einer gemeinsamen Veranstaltung in den USA eingeladen. Bei der GBD handelt es sich im Kern um einen Appell, die Pandemie durch eine vollständige Durchseuchung zu beenden.

Das lehnen zahlreiche Virolog:innen, darunter auch Christian Drosten, aus ethischen Gesichtspunkten vehement ab. Einer der Unterstützer dieser Deklaration ist übrigens der Virologe und ehemalige Bundestagskandidat der Partei dieBasis, Sucharit Bhakdi, gegen den derzeit Ermittlungen wegen Volksverhetzung aufgrund möglicher antisemitischer Aussagen laufen.

Austausch zwischen Unterstützer:innen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und der AIER besteht. Etwa 2018, als Michael Hüther (Institut der deutschen Wirtschaft Köln) an einer Konferenz mit einem Mitglied von AEIR in Frankfurt teilnahm. 2019 stellte Hüther beispielsweise den Teilhabemonitor der INSM in Berlin vor. Ob er zum Zeitpunkt des Treffens 2018 noch Mitglied des INSM-Kuratoriums war, konnte ich nicht belegen, aber er trat noch bis in den Oktober 2019 aktiv als Autor auf dem ÖkonomenBlog des INSM auf.

In Deutschland agiert das AIER über die progress foundation. Als Referent oder Workshopteilnehmer an Events der Stiftung nahm auch INSM-Kuratoriumsmitglied Oswald Metzger aktiv teil. Darunter waren auch Teilnehmer wie Thomas Straubhaar und Karl-Heinz Paqué, ebenfalls Mitglieder der INSM.

Die Journalistin Annette Bulut und der Journalist Lars Wienand haben bereits auf die möglichen Verbindungen zwischen der Initiative Familien und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hingewiesen. Kristina Schröder ist Botschafterin der INSM, hat die Initiative Familien zu Beginn der Gründung im Juni 2020 beraten und teilt weiterhin regelmäßig deren Inhalte. Schröder selbst ist erst im August offizielle ehrenamtliche Botschafterin der INSM geworden. Verbindungen zur INSM bestehen jedoch bereits länger. 2015 schrieb sie einen Beitrag für die Initiative.

Die Verbindungen von Kristina Schröder zu Accounts der Kindertruppe, die wiederum mit Querdenker:innen vernetzt sind, habe ich in meinem vergangenen Beitrag beschrieben. Dort stellte ich mir auch die Frage, warum Kristina Schröder, die knapp 55.000 Follower:innen auf Twitter hat, solchen kleinen Accounts folgt, einige davon ausgerechnet aus dem Netzwerk der Kindertruppe, mit klaren Verbindungen zur Initiative Familien.

Little Barrington Declaration
Martin Kulldorff, Sunetra Gupta und Jay Bhattacharya (v.l.n.r.) unterzeichneten unter anderem die Great Barrington Declaration. Das Treffen fand mit Unterstützung von AIER statt. Quelle: gbdeclaration.org.

Wie die Initiative Familien zur Great Barrington Declaration steht, ist unklar. Auf Twitter schrieb die Initiative im April, dass sich ihre Forderungen „größtenteils“ nicht mit denen der GBD decken. Das bedarf jedoch einer Erklärung, denn die GBD hat nur eine konkrete Forderung: Durchseuchung bei gleichzeitigem Schutz der Risikogruppen. Das letzteres bei einer Durchseuchung nicht möglich ist, sagen alle seriösen Virolog:innen. Auf Nachfragen dazu reagierte die Initiative auf Twitter nicht.

Zarah Abendschön-Sawall verlinkte in ihrem Profil auf Twitter in der Vergangenheit direkt zur GBD. Nach Kritik löschte sie den Tweet, distanzierte sich und sprach von einem Fehler. Sie schrieb im April 2021: „Ich habe nach diesem Tweet mich nochmal belesen und erst da realisiert was wohl dahinter steht und diesen dann direkt gelöscht. [sic!]

Wenn sich die Initiative tatsächlich für den Schutz von Kindern einsetzt, müsste sie theoretisch gerade aktiv gegen die derzeitige Situation lobbyieren und für mehr Schutzmaßnahmen an Schulen werben. Das Gegenteil ist der Fall. Welche Motivlage dies begünstigt hat, konnte ich mit einem Blick in die geschlossene Facebook-Gruppe der Initiative erahnen. Zum Thema Kinderimpfungen reichen die Reaktionen von Zurückhaltung, bis hin zu schierer Angst vor einer Impfung von Kindern.

Die Initiative Familien vertritt offensichtlich nicht die „Great Barrington Declaration“ sondern die – so nenne ich sie jetzt mal hypothetisch – „Little Barrington Declaration“. Die Idee dahinter scheint es zu sein, dass man durchaus Erwachsene impfen lassen sollte und diese schützenswert sind. Kinder, so macht es jedoch den Anschein, seien von Corona weitestgehend verschont. Eine mögliche Ansicht, der das Robert Koch-Institut klar widersprechen würde.

Blickt man aber nüchtern auf die regelmäßige Diskursverschiebung des Vereins, bleibt mir nur diese logische Schlussfolgerung übrig. Unabhängig davon, welche Beziehungen zwischen INSM und der Initiative Familien bestehen, scheint es Angst vor der Kinderimpfung und auch vor Masken zu sein, die die Mitglieder antreibt. Das ist keine Coronaleugnung, aber eine Verharmlosung der Folgen von Corona für Kinder und Jugendliche, von der letztlich auch Risikogruppen betroffen sind. Zudem hat dies selbstverständlich auch Auswirkungen auf Erwachsene, die sich potentiell bei ihren Kindern anstecken können.

Ich schließe diesen Kommentar mit dem erneuten Appell: Gebt dieser Initiative und ihren Mitgliedern keinen Raum. Weder medial, noch politisch. Wer dies jetzt noch tut, wird einen eher unrühmlichen Platz in der Geschichte einnehmen, davon bin ich fest überzeugt. Man kann sich immer ändern. Das gestehe ich zu. Selbst der Initiative. Aber solange man Personen mit solchen Ansichten mediales und politisches Gehör verschafft, besteht keine Hoffnung darauf, dass eine Veränderung zu erwarten ist.

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3 Comments

Querdenken „mit einer schöneren Oberfläche“? - OSTPROG · 14. Dezember 2021 at 19:27

[…] offen ist und in der Vergangenheit bereits mit solchen direkt Kooperiert hat, sind eindeutig. Zwei der vier Vorstandsmitglieder sind auf Twitter mit Mitgliedern der Querdenkerbewegung […]

Der naive Liberalismus des Tom Bohn: Tatort Querdenken - OSTPROG · 19. Dezember 2021 at 23:55

[…] verschwieg jedoch ein wichtiges Detail meiner Berichterstattung, wie ich in einem Kommentar hier bereits dargelegt hatte. Laut Für Familien äußerte sich zu dieser Demonstration und den Umständen nach meinem Wissen […]

Initiative Familien trifft Goldener Aluhut - OSTPROG · 8. März 2022 at 17:30

[…] von 12 bis 17 Jahren sucht man auf den offiziellen Kanälen der Initiative vergebens. Über mögliche Gründe dafür, habe ich in der Vergangenheit bereits geschrieben. Die Kommunikation der Initiative Familien dazu […]

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