Der schwarze Hund (Foto: Julia Fenske).

Der schwarze Hund: Depression aus dem Schatten ins Rampenlicht

Ein Figurentheaterstück über eine stigmatisierte Erkrankung

Vor einem Jahr fand die Uraufführung von „Der schwarze Hund“ statt. Ein Figurentheaterstück über Depressionen nach einer Idee von Figurenspielerin Julia Raab und Theaterpädagogin Anja Schwede. Am vergangenen Wochenende wurde das Stück erneut an drei Abenden im WUK Theater Quartier in Halle (Saale) aufgeführt. Eine Rezension.

+++ Triggerwarnung: Psychische Erkrankungen und Selbstverletzung werden unter anderem thematisiert +++

Depressionen sind ein zunehmendes gesellschaftliches Problem. Nicht erst seit Corona steigt die Zahl der Erkrankten dramatisch an. Insbesondere in der Altersgruppe von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren stieg die Anzahl vollstationärer Krankenhausaufenthalte zwischen 2000 und 2017 um das zehnfache. Auch in der Gruppe der Erwachsenen nimmt die Anzahl an Arbeitsunfähigkeitsfällen aufgrund depressiver Episoden zu. Etwa 30% der Deutschen halten die Erkrankung weiterhin für eine Charakterschwäche, so die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Statt nackter Zahlen, geht es in der Kunst um die menschliche Erfahrung. So auch im Figurentheaterstück „Der schwarzer Hund“, entwickelt nach einer Idee von Figurenspielerin Julia Raab und Theaterpädagogin Anja Schwede. Hinter der Inszenierung stehen noch viele weitere Beteiligte, die die Künstlerinnen unterstützt haben. Inhaltliche Unterstützung bekam man vom Bündnis gegen Depressionen Halle (Saale) und Magdeburg e.V.

Durch den Nebel zu sich selbst

Depressionen werden im Stück aus verschiedenen Facetten beleuchtet. Mit Mitteln des Figurentheaters und klassischen Schauspiels bearbeitet das Stück Depressionen in einzelnen Kapiteln. Wie fühlt sich eine Erkrankung an, wenn man von seinem Umfeld noch zusätzlich mit Vorwürfen konfrontiert wird? Was macht die Erkrankung im Seelenleben? Was geschieht mit den Angehörigen und Partner:innen von depressiv Erkrankten? Darauf blicken die Schauspielerinnen in der ersten Hälfte des Stücks.

Typische Aussagen, mit denen Erkrankte von ihrem Umfeld konfrontiert werden. Credits des Videos in der YouTube-Beschreibung.

Das Stück beginnt mit typischen Floskeln aus dem Umfeld von Betroffenen, die vom Bühnenraum in das Publikum geworfen werden: „Mir geht es auch mal nicht gut“ oder „Das wird schon wieder.“ Unbarmherzig folgt eine Aussage der nächsten, bis in der Folgeszene ein Blick in das Innere von Betroffenen folgt. Dichter Nebel und die bleiernen Bewegungen von schwarz umhüllten Körpern. Daneben die nachgesprochenen Stimmen von Erkrankten, die den unterschiedlichen Facetten der Depression eine Stimme geben sollen. Die Zitate stammen aus Gesprächen, die Anja Schwede und Julia Raab zwischen 2019 und 2020 mit an Depressionen erkrankten Menschen geführt haben.

 „Schwarz hat viele Abstufungen bis es wirklich schwarz ist“, heißt es etwa. Das Licht auf der Bühne verebbt im Klang von Möwen und das Publikum hat Gelegenheit zur Verarbeitung der bisherigen Eindrücke. Im Kapitel „Alltag“ zeigt das Stück mit einfachsten Mitteln und auch etwas Witz, wie schleichend sich eine Depression entwickeln kann. Auch das Leiden von Angehörigen wird dargestellt und mit offiziellen Zahlen belegt. So zerbrechen etwa 45% der Partnerschaften an einer Depression.

Den „schwarzen Hund“ erkennen und bekämpfen

Der titelgebende schwarze Hund taucht auf, als die Erkrankung als solche von den Handelnden erkannt wird. Inspiriert wurden die Schauspielerinnen vom Buch Mein schwarzer Hund des Autors Matthew Johnstone. Darin vergleicht er die Erkrankung mit einem schwarzen Hund. Im Stück verteilt der Hund zunächst einfache Lösungen für die Erkrankung im Publikum. Unter anderem Rasierklingen und Süßigkeiten.

Kurz darauf geht es in den Kampf mit dem eigenen schwarzen Hund. Das dynamischste und zugleich medial am wenigsten beachtete Kapitel in einer Depression. Der Kampf mit der Flut von Negativnachrichten aus dem Fernsehen, aber auch der Kampf mit den einfachsten Tätigkeiten, die während einer depressiven Erkrankung viel Anstrengung kostet. Versinnbildlicht etwa im Kampf zweier Handpuppen. Faust gegen Mephistopheles. Letzterer ersetzt durch den schwarzen Hund, der von Faust anschließend niedergeknüppelt wird.

Inspiriert von einem Auszug aus Michael Köhlmeiers Roman Zwei Männer am Strand folgt später noch ein Gespräch zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill, die in einem fiktiven Dialog davon berichten, wie sie ihrem schwarzen Hund habhaft werden.

Am Ende heißt die Lösung jedoch nicht, den schwarzen Hund zu besiegen, sondern diesen anzunehmen und an die Leine zu legen. Wie? Das ist immer auch ein individueller Kampf, der über das Theatrale hinausgeht. Doch dadurch, dass in der letzten Szene auch viele prominente Gesichter gezeigt werden, die unter einer Depression gelitten haben, wird eines deutlich: Allein darf man im Kampf mit der Erkrankung nicht bleiben.

Jeder kann von einer Depression betroffen sein. Auch Prominente. Foto von Julia Fenske.
Jeder kann von einer Depression betroffen sein. Auch Prominente. Foto von Julia Fenske.
Wege ins Rampenlicht

Dafür hat sich bereits einiges in den letzten Jahren getan. Etwa durch die Arbeit des Journalisten Martin Gommel, der selbst an einer chronischen Depression leidet und Betroffenen eine Stimme geben will. Auch die Politikerin Katharina Zacharias (stellvertretende Co-Landesvorsitzende der SPD in Sachsen-Anhalt) fällt mir spontan ein, die sich offen zu ihrer Erkrankung äußert. Von diesen Stimmen braucht es mehr. Zu oft hängt Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen der Ruf an, dass man „verrückt“ sei oder sich seine Erkrankung selbst ausgesucht habe.

Das Stück „Der schwarze Hund“ geht diesen weiteren Weg auch über die Vorstellung hinaus und ermöglicht Betroffenen und nicht-Betroffenen anschließend ein Gespräch mit den Schauspielerinnen und Expert:innen. Am Freitag stand ein Gesprächspartner vom Bündnis gegen Depressionen Halle (Saale) und Magdeburg e.V. zur Verfügung sowie Andrea Mund vom Stadtinsel e.V. aus Halle (Saale), der als Ansprechpartner für psychische Erkrankte in der Stadt fungiert, die noch keinen psychotherapeutischen Platz haben oder dort Unterstützung in der Nachsorge finden.

Einige Betroffene berichteten an diesem Abend mit ihren Problemen, etwa der lückenhaften Versorgung bei der Suche nach Therapieplätzen. Auf Nachfrage merkte Andrea Mund zu ihrem Erschrecken an, dass immer mehr junge Menschen das Angebot des Stadtinsel e.V. wahrnehmen würden, darunter zunehmend Studierende. Es bleibt der Eindruck, dass die Zivilgesellschaft hier die Aufgaben stemmt, die eigentlich die Politik übernehmen sollte. Gleichzeitig konnten Betroffene in der Runde ohne Angst vor Stigmatisierung über die Inszenierung und ihre Probleme reden. Davon bedarf es einiges mehr, denn 84% der Erkrankten ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück.

Fazit
Der Schwarze Hund: Foto von Julia Fenske.
Kampf einer Betroffenen mit dem schwarzen Hund: Foto von Julia Fenske.

Damit bildet das Stück eine Scharnierfunktion zur Kommunikation zwischen Gesellschaft und Erkrankten. Bisher ist man noch auf Sachsen-Anhalt beschränkt, hofft aber auch auf Aufführungen über die Landesgrenzen hinaus, so Julia Raab im Gespräch.

Der Inszenierung gelingt der Spagat zwischen den verschiedenen Ein-, An- und Aussichten zur Depression, weil es sich auf diese Eindrücke vollkommen einlässt, ohne diese zu bewerten. Damit wird erfahrbar, was sonst ein tabuisiertes Schattendasein in der Gesellschaft führt. Mit einer großen Bandbreite an Mitteln des Figurentheaters verarbeiten die beiden Künstlerinnen die Erkrankung auf der individuellen bis zur gesellschaftlichen Ebene. Ohne selbst nur bloße Klischees zu reproduzieren, führen sie vor, was Depressionen bedeuten können. Für die Betroffenen, Angehörigen und die weitere Umgebung.

Derzeit gibt es keine weiteren Aufführungstermine. Mehr zum Stück findet sich auf der Seite von Julia Raab.

Hinweis für Betroffene und Angehörige, übernommen aus dem Programmheft:

Im Fall einer Erkrankung oder des Verdachts auf eine Depression ist das Gespräch mit einem Arzt oder Psychotherapeuten unverzichtbar.

Ihr Hausarzt ist der erste Ansprechpartner für die Diagnostik und Behandlung von Depression und kann Sie über Behandlungsmöglichkeiten informieren.

In Notfällen, z.B. bei drängenden und konkreten Suizidgedanken, wenden Sie sich bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der 112.

Hilfe in Notfällen: Das überregionale Krisentelefon der Telefonseelsorge erreichen Sie rund um die Uhr kostenlos unter: 0800-111 0 111 und 0800-111 0 222.

Unterstützung an Ihrem Wohnort erhalten Sie zudem beim Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi), ein Angebot für Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Angehörige.

Zum Beispiel der SpDi in Halle (Saale): 0345 / 204 33 49.

* Das Titelfoto stammt von Julia Fenske.

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