Der erste Eindruck ist ein Arschloch

Hier stinkt doch irgendwas… 🤔

Liebe Leser*innen, danke, dass ihr da seid. Musste mal gesagt werden. Wenn das Wort „Arschloch“ irgendwo auftaucht, möchte man sich instinktiv natürlich gerne abducken. Denn wer das Wort „Arschloch“ verwendet, muss ja zwangsläufig gleich ein selbiges sein. Und damit sind wir beim Kern der analen Bohrung, frei nach Tucholsky.

Sind wir im Arsch?

Es gibt jetzt mal von meiner Seite einen kleinen Einlauf für alle. Mich inbegriffen. Ein Einlauf hat etwas Magisches. Hatte ich noch nie, aber klingt auf jeden Fall widerwärtig, hässlich, dreckig und mindestens unangenehm. Die Nase gerümpft? Gut, denn es wird noch viel mehr stinken.

Gefangene an der Oberfläche des braunen Event Horizon

Der erste Eindruck ist ein Arschloch. Überall!

Media in rectum! Unsere Gesellschaft ist mal wieder im Begriff eine wichtige Lektion zu vergessen: der erste Eindruck ist ein Arschloch.

Vor einem Jahrzehnt habe ich an einem Seminar beim Deutschen Roten Kreuz teilgenommen. Dabei war eine Teilnehmerin, um die es hier gehen soll. Blond, bildhübsch und… eben blond. An einem der Termine öffnete sie sich unserer Gruppe und berichtete von ihren Problemen, die sie durch ihr äußeres Erscheinungsbild hat. Menschen, die in ihr nur das Bild des naiven dummen Blondchens sehen, aber nicht die Person dahinter, die Träume, Witz und Intelligenz besitzt. Ich fühlte mich ertappt. Mit meinen damals achtzehn Jahren war auch ich diesem Bild aufgesessen. Ich war das Arschloch. Aber ich war auch in der Lage dies mir selbst einzugestehen und hatte damit eine wichtige Lektion gelernt.

Die gesellschaftliche Projektionsfläche „Arbeitsloser“: Der Arsch ohne Dienst

Als ich nach meinem Masterstudium zum Jobcenter kam, erhielt ich die Auskunft: „Das kann schonmal ein Jahr dauern bis zur ersten Beschäftigung. Keine Sorgen machen“. Mittlerweile bin ich seit fast zwei Jahren ohne Beschäftigung. Und ich mache mir schon seit langem Sorgen.

Dabei hatte mich das Jobcenter zum Einzelcoaching geschickt und mir sogar eine Weiterbildung zum Online-Redakteur finanziert. Mehrfach habe ich meine Bewerbungsunterlagen gegenchecken lassen. Vom Jobcenter Sachsen auf einer Jobmesse, von einem Bewerbungscoach, bei Experten der Weiterbildungsstätte und natürlich meinen Freunden und Bekannten.

Kürzlich hat mir eine weitere Bekannte angeboten, über meine Unterlagen zu schauen. Ich habe also erneut meine Unterlagen überarbeitet und erhielt via WhatsApp den Vorschlag meine „Soft Skills“ mehr zu betonen. Meine Reaktion darauf war der Zorn der Verzweiflung, jedoch nicht auf meine Bekannte:

Sie     „[M]al die Frage: hast du bereits eine Version deines Anschreibens, wo du mehr Soft Skills angibst?“

Ich     „Soft Skills kann jeder angeben. Ich verstehe den Sinn dahinter nicht, etwas anzugeben, wenn hinlänglich bekannt ist, dass es Persönlichkeitstypen gibt, die so etwas gut vorspiegeln können, es aber im Alltag nicht sind. (…)“

Sie:      „Naja, aber das ist dann die Sorge der Personaler, wenn sie jemanden einstellen, bei dem sich nach 2 Monaten entpuppt, dass er nicht passt und ein Hochstapler ist. Deine Aufgabe hingegen ist ja erstmal nur im ersten Schritt, die Leute neugierig zu machen, und das schafft man eher, indem man Zugänglichkeit signalisiert und sich als Persönlichkeit vorstellt.“

Ich:      „Wer interessiert ist, darf gerne bohren. Das ist wirklich Kreml-Astrologie und für mich entmenschlichend, wenn sich Personaler nicht mehr Zeit nehmen und die Menschen die sie einstellen nicht wirklich kennenlernen wollen/können. Sorry, ich rege mich darüber gerade nur so auf, weil ich eben die Erfahrung gemacht habe, dass es nicht um Eignung, sondern Unterordnung geht.“

Sie:      „Alles gut, aber versteh bitte auch die Personaler, die bei 100 Bewerbungen auf dem Tisch nicht bei jedem nachbohren. Da fehlt die Zeit.“

Ich:      „Ja, versuche ich. Es ist aber einfach nur Irrsinn. Und dafür mache ich auch nicht die Personaler allein verantwortlich.“

Sie:      „Die bohren nur nach bei denen, die auf den ersten Eindruck  Bewerbung aufschlagen, ansprechend gestaltet, drüber lesen, Fähigkeiten passt, klingt sympathisch, hat die passenden Erfahrungen – überzeugen.“

Ich:     „Der erste Eindruck ist ein Arschloch.“

Sie:     „Es ist nicht schön. Aber darum musst du dir nie dann wieder Gedanken machen, wenn du erstmal einen Job hast 🙃

Nach kurzem Durchatmen ist bei mir der Groschen gefallen. Ich versuche mich mal an einer Skizzierung meiner Gedanken.

Willkommen in der Kreml-Astrologie 2.0.

Während des Kalten Kriegs versuchte der Westen den undurchsichtigen Machtapparat der Sowjetunion vorhersagbar zu machen. Das gelang natürlich nicht immer und wurde daher als Kreml-Astrologie bezeichnet. In Zeiten von Jobknappheit –gepaart mit einer Prise Corona –, zahlt sich eine solche Astrologie natürlich besonders gut für diejenigen aus, die verzweifelte Menschen ohne Job in die Geheimnisse der Deutung einweisen wollen. Das Ziel: Personaler*innen verstehen.

Als mich das Jobcenter zum Einzelcoaching in ein solches Job-Orakel schickte, war die erste Aussage der dortigen Chefin: „Ja, meine Sekretärin haben sie ja schon kennengelernt. Die hat einen Bachelor in Politikwissenschaften.“ Für so einen Willkommensgruß muss man doch dankbar sein. Oder? Aber gut, damit bestellt man das Feld, denn es braucht noch mehr Esoteriker auf diesem Markt.

Überangebot trifft Unterbeschäftigung

Natürlich hat meine Bekannte recht, wenn sie darauf verweist, dass Personaler überlastet sind und daher von Personaler-Esoterik gesteuert tindergleich von links nach rechts wischen. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Schneller Sex oder langfristige Partnerschaft? Und natürlich habe ich in meinen Bewerbungen auch am Buzzword-Bingo teilgenommen. Kreativität? Check! Teamfähigkeit, mit Beispielen untermauert? Check! Führungsstärke? Jawohl!

Erst kürzlich habe ich mich auf eine Stelle in meiner Region beworben, bei der ich aus dem Hintergrundrauschen erfahren habe, dass ich gleich 90 Mitbewerber*innen habe. Natürlich sind Personaler da überfordert. Zugleich sind aber auch die, die ohne Job dastehen, überfordert. Überfordert von einem Überangebot an Kreml-Astrolog*innen, die Ihnen im Auftrag des Jobcenters erklären wollen, wie sie noch besser scheitern können, nachdem sie Ihre Unterlagen zum zigsten Male optimiert haben und dann mit 90 überoptimierten Mitbewerber*innen um die gleiche Stelle kämpfen, wie Säue am Trog der Wirtschaft.

Die Digitalisierung hat den Arbeitsmarkt (nicht nur in Deutschland) längst erreicht. Meine Weiterbildung fand bereits in einem digitalen 3D-Klassenzimmer statt. Der Erkenntnisgewinn der Weiterbildung hielt sich für mich in Grenzen. Sicherlich, konnte ich einige zusätzliche Fähigkeiten in der ein oder anderen Software erlangen, aber unterm Strich ging es „nur um das Zertifikat“. Das Zertifikat für den ersten Eindruck.

Dabei hatte sich an meiner Befähigung überhaupt nichts verändert. Nur einen Job habe ich danach nicht bekommen. Verdient hat dabei eigentlich nur der Weiterbildungsträger und die Berater im digitalen Klassenzimmer. Und Jobcenter und Politik freuen sich, dass ein Arbeitsloser weniger in der Statistik auftaucht.

Der Kabarettist Volker Pispers hat sich bereits vor Jahren mit entwaffnender Präzision über den zunehmenden Einsatz von Beratern in Deutschland beschwert: „Arbeiten tut doch hier kaum noch einer. Aber beraten wird… Rund um die Uhr! Wir sind die Weltmeister im Beraten!“ Es sind mittlerweile so viele Berater, dass manche darüber stolpern und trotzdem sogar Präsidentin der Europäischen Kommission werden.

Soft Skills sind gedachte Chancengleichheit in einer Gesellschaft, die Ungleichheit fördert

Bei meinen Recherchen zu den Soft Skills fällt mir auf, dass diese häufig mit Chancengleichheit verbunden werden, so wie etwa in diesem Artikel der WELT von 2010. Hat sich seitdem etwas verändert? Ist Deutschland zum Land der uneingeschränkten Gleichheit geadelt, unabhängig von religiöser Zugehörigkeit, Geschlecht, Alter, sexueller Neigung, politischer Neigung, neuronaler Diversität oder sozialer Abstammung? Nope!

Traurig, denn im Kern bin ich kein Feind von Fähigkeiten wie Mitgefühl, Kritikfähigkeit, oder Teamfähigkeit. Ich glaube aber, dass die äußere Darstellung (oder eben auch das Vorgaukeln) dieser Fähigkeiten eher denen nützt, die aufgrund finanzieller oder persönlicher Vorteile über mehr Ressourcen verfügen. Insbesondere dann, wenn ein so hoher Wettbewerbsdruck auf dem Arbeitsmarkt herrscht. Weiterbildungen und Coachings können da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bleiben und ändern nichts an der Grundproblematik zunehmender sozialer Ungleichheit.

Eignung vs. Unterordnung

Einer der wichtigsten Soft Skills ist ja die Kritikfähigkeit. Dass ich trotz meiner zunächst emotionalen Reaktion auch einsichtig bin, sollte hoffentlich aus der Diskussion hervorgegangen sein. Immerhin hat sich meine Bekannte, die selbst im Arbeitsleben steht, Zeit für mich genommen und musste dann meinen Rant aushalten.

Im Dialog mit Ihr sprach ich von meiner Erfahrung, dass es – so meine Beobachtung – häufiger um Unterordnung, statt Eignung geht. Ich spreche selbstverständlich nicht von jedem Arbeitgeber in Deutschland, sondern nur von meinen eigenen Erfahrungen.

Im vergangenen Sommer nahm ich an einem Auswahlverfahren für ein Redaktionsvolontariat bei der größten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt in meiner Region teil. Ich hätte vorher zwei Bekannte von mir um Rat für den inhaltlichen Teil des Tests beten können. Einer davon ist zu diesem Zeitpunkt sogar beim Sender beschäftigt.

Warum ich es nicht getan habe? Naja, weil ich es im Gegensatz zu manchen anderen mit der Chancengleichheit ernstnehme. Ich möchte einen Job nicht bekommen, weil ich irgendwelche persönlichen Kontakte habe, sondern weil man die Befähigung für die Arbeit in mir erkennt.

Das diese Befähigung offensichtlich auch davon abhängt, ob man die Namen der einzelnen Senderchefs auswendig aufsagen kann, war und ist mir weiterhin ein Rätsel. „Ist doch klar“, sagen andere. Ich frage mich aber, warum das allen so klar ist. Allen, die sich sonst über „Bulimie-Lernen“ und Bologna aufregen. Allen, die auf der Universität gelernt haben sollten, dass Namen nur Schall und Rauch sind.

Wie schnell man doch seine Prinzipien vergisst, sobald es um die Sicherung der eigenen Existenz geht. Oder waren es nie Prinzipien und nur oberflächliche Begegnungen mit dem eigenen Intellekt?

Fazit: Gatekeeping im Garten Eden verhindern

Manche bauen Grenzzäune in Griechenland und lassen Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken. Zum Schutz gegen „junge Männerhorden“, die besser „in die Pampa“ gehörten, so Baden-Württembergs Grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Jahr 2018. Andere werden zu Gatekeepern im Inneren, die die Werte ihrer Arbeitsumgebung vor Horden junger Arbeitsloser verteidigen. So ein Schließmuskel behält den eigenen Scheiß eben gerne für sich, wenn er unter Verstopfung leidet.

Ersteres ist ein Pulverfass für unsere christlich-westlichen Werte, die wir im Inneren schützen sollten. Und das sage ich als nicht-Christ. Letzteres ist ein Pulverfass für den sozialen Zusammenhalt und den Wert der Kooperationsfähigkeit unserer Gesellschaft.

In George A. Romeros Horrorklassiker Dawn of the Dead heißt es: „When there’s no more room in hell, the dead will walk the earth.” Übertragen könnte man sagen: „When there’s no more room on the Arbeitsmarkt, the Arbeitslosen will walk the streets.” Das hohe Arbeitslosigkeit zu gesellschaftlichen Problemen führt, sollte aus der Geschichte bekannt sein.

Wie nehmen wir Druck raus? Lassen Platz für Kreativität? Ermöglichen auch den Unternehmen und staatlichen Stellen wieder eine Organisationskultur in der diese für sich den Soft Skill der Kritikfähigkeit auch mal wieder praktizieren können?

Ich schließe mit einer Forderung und überlasse es meinen Leser*innen ihre Eindrücke – und dabei ist es hoffentlich nicht nur ein Eindruck – in Ruhe zu verarbeiten: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Deutschland ein Bedingungsloses Grundeinkommen braucht.

Teile die Vision:

Share on facebook
Share on reddit
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Share on telegram
Share on email
Share on print

0 Comments

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.