Debattenkultur in der Alternativlosgkeit

Debattenkultur in der Alternativlosigkeit

Kann die Synthese aus These und Anti-These FUNKtionieren?

Das wir in polarisierten Zeiten leben, sollte mittlerweile jedem bewusst sein. Entsprechend haben sich auch die gesellschaftlichen Debatten extremisiert. Zwischen Nazi und Gutmensch scheint es (Betonung auf „scheint“) keine Grautöne mehr zu geben. Umso wichtiger wird auch ein kritisch reflektierender Journalismus ohne Scheuklappen, der die Dissonanz zwischen diesen Extremen aushält.

Ein gutes Beispiel dafür, dass das gelingen kann, ist die Wissenschafts-YouTuberin maiLab. Mit ihrer unaufgeregten und dezent humoristischen Art trifft sie den perfekten Ton in aufgeregten und bierernsten Zeiten.

Negativbeispiel aus dem Jahr 2017/2018: Das YouTube-Format Jäger & Sammler sowie die Y-Kollektiv-Reportage von Dennis Leifels mit dem Titel „Hass ist ihr Hobby“, die sogar im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Mittlerweile haben die Jäger und Sammler ihre YouTube-Videos „unlisted“, d.h. sie tauchen weder auf ihrem Kanal, noch in der YouTube-Suche auf. Scheinbar sind die Macher*innen auf Facebook und Instagram umgezogen und befinden sich derzeit in Kreativpause.

DazwischengeFUNKt

Sowohl Jäger & Sammler, Y-Kollektiv als auch maiLab gehören dem deutschen Online-Medienangebot und Content-Netzwerk FUNK an. FUNK wird von ARD und ZDF verantwortet und richtet sich an die Zielgruppe der 14 bis 29-jährigen. Das Medienangebot ging am 1. Oktober 2016 online und ist damit seit fast vier Jahren fester Teil des öffentlich-rechtlichen Onlineauftritts.

Bis vor wenigen Jahren war ich noch Teil der Zielgruppe von FUNK und hatte ein durchwachsenes Bild vom Angebot. Einerseits ist das Ziel der öffentlich-rechtlichen nachvollziehbar in einer zunehmend alternden Gesellschaft auch den Stimmen junger Menschen Gehör zu verschaffen. Andererseits, lässt man dabei auch Stimmen zu Wort kommen, die eine Polarisierung der Debatten zunehmend befeuert haben. Damit wir uns nicht falsch verstehen, diese Stimmen sollen auch ihren Platz im öffentlich-rechtlichen haben, die eben auch die Breite der Debatte widerspiegeln soll. Was mich irritierte, war die Art und Weise, mit der FUNK gegenüber inhaltlicher Kritik an diesen Formaten auftrat.

Sehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu gehen… wait, what?

Aber der Reihe nach. Im April 2017 veröffentlichte der YouTuber Doktorant in Kooperation mit Dorian der Übermensch und Drol Negül einen offenen Brief an ARD, ZDF und FUNK, in dem er sich kritisch, aber argumentativ mit seiner YouTube-Kollegin Suzie Grimes auseinandersetzt, die auf dem Kanal Jäger & Sammler ein Video zum Gender Pay Gap veröffentlicht hatte.

Die Antwort von FUNK fiel im Vergleich zur Kritik sehr knapp aus. Das Netzwerk stellte sich schützend vor die YouTuberin und ließ keine Bereitschaft an einer offenen Debatte erkennen. Ersteres ist nachvollziehbar, letzteres halte ich für eine fatale Verantwortungslosigkeit gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Anspruch einer offenen gesellschaftlichen Debattenkultur.

Doch es gab einen kurzen Hoffnungsschimmer, als Jäger & Sammler in einem Video die Bereitschaft für einen offenen Dialog signalisierten. Leider entpuppte sich dieser Vorschlag als halbherzig, wie Doktorant nachvollziehbar darlegt.

Strike me baby, one more time

Im Juni 2018, knapp ein Jahr nach dem Debakel um Jäger & Sammler, veröffentlichte das Y-Kollektiv auf YouTube die Dokumentation „Hass ist ihr Hobby“, des Journalisten Dennis Leiffels. Daraufhin veröffentlichte der Fernseh- und Medienkritiker Holger Kreymeier eine Kritik an der Dokumentation.

FUNK sperrte kurz darauf den Beitrag, was Holger Kreymeier zu einem Statement bewog. Er bezeichnete die Sperrung als Versuch der Zensur. FUNK verteidigte die Sperrung mit einer angeblichen Urheberrechtsverletzung durch Kreymeier, weil er in seiner Kritik Ausschnitte aus dem Beitrag von FUNK verwendet. Rechtlich scheint Kreymeier jedoch auf der sicheren Seite, berücksichtigt man die Rechtsprechung des Bundesgerichtshof im sogenannten Kalkofe-Urteil aus dem Jahr 2000. Wie es der Zufall will, sieht sich Kreymeier in diesen Tagen mit einem ähnlichen Fall konfrontiert, der wohl bald die Gerichte beschäftigen wird, geht es nach dem Sender Radio Bremen.

Kreymeier legte bei YouTube Einspruch gegen den Strike ein. FUNK ließ die Frist für eine juristische Klärung verstreichen, sodass Kreymeiers Video kurze Zeit später wieder auf YouTube zu sehen war.

Dünnhäutigkeit, die einer Meinungspluralität nicht gut zu Gesicht steht, wie ich finde.

Wenn alle irren, hat niemand eine Plattform verdient?

Ist der Diskurs – die Kultur der offenen Debatte – also tot? Totgesagte leben länger und maiLab hat mit ihrem Video zur Gender Pay Gap bewiesen, dass eine Debatte auf Augenhöhe nicht nur nötig, sondern auch möglich ist.

Jäger & Sammler irren, wenn sie jede Form der Kritik als Hass abstempeln. Wir alle irren, wenn wir glauben, Verantwortung liegt nur bei den Anderen. Auch als Mediennutzer habe ich die Aufgabe, mich kritisch mit meiner eigenen Nutzung auseinanderzusetzen. Wenn unter einem Video ein Hasskommentar auftaucht, der gegen eine Minderheit hetzt, ist damit gleichzeitig der YouTuber misogyn, rassist, transphob, etc.? Oder bin ich in der Lage kritisch zu trennen?

Doktorant muss sich aber auch zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, mit Dorian dem Übermenschen und Dröl Negül zwei höchst streitbare Persönlichkeiten zu Wort kommen zu lassen, denn es ist paradox genau das bei FUNK auf der anderen Seite zu bemängeln. Stichwort: Deplatforming.

Wo Doktorant jedoch recht hat: Es sollte die Qualität des Arguments zählen.

Weniger Paranoia, mehr Vertrauen und Verantwortung

Die „neuen Medien“ – dass „Neuland“ – werden von der alten Garde in den öffentlich-rechtlichen, die im Zeitalter der linearen Medien aufgewachsen sind, mit Misstrauen beäugt. Umso dankbarer muss man auch für die Öffnung in die Onlinewelt hinein sein. Gleichzeitig funktioniert dieser Prozess nicht ohne Wachstumsschmerzen und geht mit einer Mischung aus Spieltrieb und Paranoia einher.

Ich wünsche mir, dass die öffentlich-rechtlichen Medien die Bedeutung ihrer eigenen Verantwortung aber auch zu definieren wissen. Verantwortung heißt, sich auch die eigenen Fehler einzugestehen und wirklich offen gegenüber Kritik zu sein. Jede „Seite“ muss daran arbeiten. Denn letztlich stehen wir alle im Kern auf einer Seite: der des gesellschaftlichen Fortschritts. Wer daran nicht mehr glaubt, der sollte in seiner Verbitterung besser den Posten für eine Generation räumen, für die Veränderung und gesellschaftliches Miteinander die Grundlagen ihres Handelns sind.

(Mein alter Beitrag zur Sache vom Januar 2019, gesendet auf Radio Corax Halle, befindet sich hier)

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