Das Gegenextrem zum „Schwurbler“?

Initiative Familien: Weit entfernt von Rücksicht und Respekt

Wie im Tagesspiegel psychische Erkrankungen auch im Namen der umstrittenen Initiative Familien instrumentalisiert werden, ein Journalist ohne Einordnung diskreditiert wird und weshalb dies einen neuen Tiefpunkt in der Geschichte um die Initiative darstellt. Ein Kommentar.

Vorab: Der Tagesspiegel ist in Gänze ein seriöses Medium, in dem viele Kolleg:innen arbeiten, denen es allein darum geht, ausgewogenen Journalismus anzubieten. Was jedoch im Tagesspiegel vom 8. Dezember als Story präsentiert wird, ist letztlich im besten Fall nicht mehr als ein mit Sicherheit unbeabsichtigtes PR-Stück für eine Initiative, deren kontinuierlichen Umtriebe in den Gefilden von Querdenken ohne Zweifel belegt sind.

Nicht haltbare Vergleiche

Gesprochen wird von einem „Gegenextrem zum Schwurbler“. Dazu müsste man sich zunächst einmal damit beschäftigen, was denn die Extreme der Querdenkenbewegung über die Pandemie bedeutet haben.

Chronologie von Querdenken (Auszug)

  • August 2020: Sturm auf den Reichstag (Tagesspiegel)
  • April 2021: Deutschland wird im Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen herabgestuft (Tagesspiegel) – Übergriffe auf Demonstrationen von Querdenken werden explizit erwähnt (Reporter ohne Grenzen)
  • September 2021: Mord in Idar-Oberstein (SPIEGEL)
  • Dezember 2021: Mann aus der Szene erschießt seine Familie und dann sich selbst (ZEIT)
  • Dezember 2021: Über 400 erfasste Straftraten im Jahr 2021 gegen Impfteams (Web.de)
  • Dezember 2021: Mordpläne gegen Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) werden bekannt (Volksverpetzer)
  • Januar 2022: Recherche zeigt, dass es auf Telegram zu täglichen Tötungsaufrufen kommt (tagesschau)
  • Mai 2022: Deutschland rutscht für 2021 erneut im Ranking der Pressefreiheit ab: Grund sind insbesondere Angriffe bei Protesten von Querdenken (Spiegel)
  • Juli 2022: Nach massiven Drohungen aus der Szene nimmt sich die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr das Leben (taz)
  • Sommer 2022: Zahlreiche Personen ziehen sich nach dem Suizid von Twitter zurück (Auswahl: MDR / SWR)
  • Oktober 2022: Die Anführerin einer Gruppe wird festgenommen, die mutmaßlich die Entführung von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geplant haben soll (FR)
  • Dezember 2022: Razzia gegen Beschuldigte aus dem Spektrum von Reichsbürgern und Querdenkern, die Staatsstreich geplant haben sollen (tagesschau)

Das ist keine auch nur annähernd vollständige Chronologie und sie verschleiert mit Sicherheit das Dunkelfeld, in dem Übergriffe stattfanden, aber sie ist eine gute Erinnerungsstütze für diejenigen, die die Szene weiterhin verharmlosen. Dies beobachtete kürzlich etwa auch der Spiegel-Kolumnist Christian Stöcker treffend.

Bereits ohne den Beitrag gelesen zu haben lässt sich hier ganz klar im Vorfeld sagen, dass ein solcher Vergleich beider Phänomenbereiche nicht gerechtfertigt ist.

Psychopathologisierung und Opferhaltung

Im Beitrag werden gleich mehrere Erzählstränge angeboten, um den Vergleich zwischen Querdenken zu rechtfertigen. Einer davon ist eine Psychopathologisierung von Befürworter:innen von Maßnahmen. Das ist bemerkenswert, denn auch weiterhin prangt auf der Webseite der Initiative Familien die nicht durch Daten gedeckte Behauptung, dass es einen Anstieg von Suizidversuchsraten gegeben hätte.

Es ist also nicht ungewöhnlich, dass die Initiative psychische Erkrankungen für die eigenen Ziele missbraucht. Neu ist jedoch, dass sich hier eine Journalistin freiwillig zur Bestätigung dieses Narratives aktiv in die Diskussion einbringt.

Tenor: „Ich war #TeamLauterbach und bin jetzt in der Psychiatrie“. Damit begibt man sich in mehrfacher Hinsicht auf dünnes Eis. Einerseits gibt es von Seiten von Befürworter:innen von Maßnahmen teils sehr erhebliche Kritik an Lauterbacht, andererseits sagt die anekdotische Evidenz gar nichts über die komplexe Genese von psychischen Erkrankungen wie einer Depression aus. Es ist zugleich aber auch ein Eingeständnis der offenbar unzureichenden Auseinandersetzung mit dem Wesen von Verschwörungsmythen.

Denn selbst wenn es hier eine Vergleichbarkeit geben würde – die man im Beitrag nicht nachweisen kann oder möchte – begibt man sich damit auf ein Deutungsfeld, das etwa Pia Lamberty – Geschäftsführerin des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) – immer wieder kritisiert. Die Gleichsetzung von Verschwörungsglauben mit psychischen Erkrankungen.

Dann wird im Beitrag noch ein Screenshot von einem Tweet von mir einblendet. Dieser ist mittlerweile über ein Jahr alt ist. Statt zu erwähnen, dass dieser Tweet kurze Zeit später von mir gelöscht und als schwerer Fehler bezeichnet wurde, lässt man diesen ohne Einordnung so stehen und erwähnt schließlich noch, dass der betreffende Virologe unter Polizeischutz stehe.

Nicht erwähnt wird auch, dass ich mittlerweile sogar persönlich via Mail bei der Person um Entschuldigung gebeten habe. Noch bevor der Beitrag überhaupt erschienen ist. Spannend auch, dass die Weiterverbreitung des betreffenden Tweets nicht auf meine Initiative, sondern von Personen aus dem Umfeld der Initiative auf Twitter ausging.

Dass die Aussage ein menschliches Totalversagen meinerseits war, steht völlig außer Frage. Außer Frage steht auch, dass mit der Reproduktion ohne Kontextualisierung ein nicht nur unschmeichelhaftes sondern zusätzlich noch ein falsches Bild der Tatsachen zeichnet.

Dass dieser Tweet auch hier bewusst von der Initiative an die Journalistin weitergereicht wurde, ist nicht undenkbar. Insbesondere nach der Anmerkung eines weiteren Protagonisten im Beitrag. (Siehe zur Streichung den Nachtrag am Ende dieses Kommentars). Der Eindruck der dabei über mich entstehen könnte, ist perfide.

Das wäre für sich genommen schon ein Problem, wird aber noch perfider, wenn man bedenkt wer in dem Beitrag zu Wort kommt. Mitglieder der Initiative Familien. Also ausgerechnet der Initiative, mit der ich mich sich seit ungefähr Oktober 2021 journalistisch beschäftige.

Dabei kommt verkomplizierend – auch für außenstehende – hinzu, dass die Geschichte der Initiative Familien keinesfalls von Beginn an vorgezeichnet war. Es hat nachweislich eine zeitlich zunehmende Radikalisierung stattgefunden. Inmitten dieser Entwicklung bin ich erst im Oktober 2021 zur journalistischen Auseinandersetzung mit der Initiative gestoßen.

Aus meiner Sicht war und ist die ursprüngliche Motivation der Initiative nachvollziehbar. Deren Wünsche und Forderungen an die Politik. Spätestens im Herbst 2021 ist man allerdings in eine Radikalisierungsspirale gelangt, der man aus eigenem Antrieb nicht mehr zu entkommen scheint. Das zeigt eine Chronologie meiner Recherchen sehr eindrücklich.

Chronologie der Initiative Familien und Querdenken (Auszug)

 

  • Oktober 2021: Nachweis, dass die Initiative Familien gemeinsam mit einer Person aus dem Spektrum von Querdenken eine Demonstration in Stuttgart organisiert hat. In einem von der Person selbst geleakten Chat redet diese von einem „Impfpropagandafilm“. Bundesvorstandsmitglied Zarah Abenschön-Sawall antwortete nur wenige Minuten später unter der Nachricht, will diese aber nicht gelesen haben. (Ostprog)
  • November 2021: Die Initiative Familien entschuldigt sich öffentlich und kündigt an den Vorfall „intern aufzuarbeiten“. Die Entschuldigung wurde mittlerweile gelöscht und findet sich nur noch via Archive.org. (Initiative Familien)
  • November 2021: Erste Recherche zu Verbindungen der Initiative Familien zur sogenannten „Kindertruppe“ auf Twitter und Hinweis darauf, dass innerhalb dieser Kindertruppe keine Berührungsprobleme zu Querdenken bestehen. Unbelegter Vorwurf an mich: Es handele sich um eine Verschwörungstheorie. Mittlerweile sind mehrere anonyme Accounts der Kindertruppe als Personen aus dem Umfeld der Initiative Familien enttarnt. (Ostprog)
  • Dezember 2021: Ein ehemaliges Mitglied der Initiative Familien meldet sich anonym bei mir und weist auf Probleme hin: „Zu Anfang hat man sich noch für echten Kinderschutz eingesetzt und auch langsame Lockerungen gefordert (...), aber dann hat man sich in Richtung Querdenker entwickelt bzw. Positionen kopiert.“ (Ostprog)
  • März 2022: Ein Bericht über das, was die Initiative Familien aus ihrer „internen Aufarbeitung“ beim Goldenen Aluhut mitgenommen hat. Weder in der inhaltlichen Arbeit noch im Umgang auf Social Media zeichnet sich eine Veränderung ab. (Ostprog)
  • März 2022: Eine erneute Auswertung eines Teils der „Kindertruppe“ bestätigt, dass eine Abgrenzung zu üblichen Accounts aus dem Spektrum von Querdenken dort nicht erfolgt. (Ostprog)
  • Juni 2022: Die Initiative Familien veröffentlicht einen inhaltlich wirklich in vielfacher Hinsicht bemerkenswerten Kommentar zum Corona-Expertenrat der Bundesregierung. Darin heißt es etwa: „Anpassung an politische Erwartungshaltungen statt Freiheit des Denkens: Auch Teile der Wissenschaft scheinen mittlerweile in dem Netz von interessensgeleiteten Fehlentwicklungen gefangen zu sein, das sie selbst mitgesponnen haben.“ (Ostprog)
  • August 2022: Ich weise nach, dass ein Unterstützer der Initiative nicht nur als Mitglied der „Kindertruppe“ anonym auf Twitter aktiv war, sondern auch prominent als Unterzeichner auf einem damals aktuellen Brief der Initiative genannt wird. Der Rechtsanwalt unterstützte eine Klage eines Vereins von Impfgegner:innen, auf Grundlage des Gutachtens eines bekannten Gutachters der AfD. (Ostprog)
  • August 2022: Der Landesverband der Initiative Familien in Hamburg erstellt eine gemeinsame Spendenkampagne mit der Gruppierung „Rathausdemo“, die von vor Ort tätigen Gruppen aus der Zivilgesellschaft als Bestandteil von Querdenken bezeichnet wird. (Thread auf Twitter)
  • August 2022: Die Querdenken zuzuordnende „Initiative Kindeswohl“ wird nicht nur von einem prominenten Mitglied des Landesverbandes Hessen der Initiative Familien unterstützt. Intern gibt es hilfreiche Hinweise von einem weiteren Mitglied der Initiative aus dem Landesverband Berlin. (Ostprog)
  • August 2022: Obwohl die Initiative Familien informiert wurde, schweigt diese weiter zu den kürzlich bekannt gewordenen Kooperationen. Ich ordne die Initiative offiziell – insbesondere aufgrund der fehlenden öffentlichen Aufarbeitung – dem Formenkreis von Querdenken zu. (Ostprog)

Leider hat sich die Journalistin auch auf Anfrage bisher nicht auf ein klärendes Gespräch eingelassen. Auch die Redaktion schweigt bisher zur verzerrten und gegenüber der Initiative gänzlich unkritischen Darstellung. Durch die persönliche Verbindung zu mir entsteht ein besonders

Täter, das sind immer die anderen

Der Beitrag lässt zwei Personen der Initiative Familien zu Wort kommen. Beide ausgerechnet aus dem Landesverband der Berliner Initiative Familien. Eine sagt: „Uns wurde vorgeworfen, (…) dass wir AfD-Anhänger seien, Nazis oder karrieregeile Mütter, die sich nicht um ihre Kinder kümmern wollen.

Das ist korrekt. Korrekt ist aber auch, dass ich solche Vergleiche nie bemüht habe. Der Eindruck soll aber möglicherweise entstehen und hängen bleiben. Oder ist es nur ein unglücklicher Zufall, dass ausgerechnet ein alter Tweet von mir im Beitrag erwähnt wird. Das von der Person bemängelte „Schwarz-Weiß-Denken“ trifft hier demnach eher auf weiterhin auf die Selbstwahrnehmung zu.

Viel eher sprach ich etwa im März 2022 ganz neutral davon, dass es sich bei der Initiative um eine „Gruppe von Müttern und Vätern handelt, die die Kooperation mit Querdenken zulässt.“ Das ist nachweislich des Ablaufs eine Tatsachenbehauptung.

AfD-Befürworter:innen habe ich bei der Initiative auch nie vermutet, wohl aber eine fehlende Abgrenzung von der nachweislichen Vereinnahmung durch die AfD als auch die kritische Auseinandersetzung damit, wen man sich als Unterstützung ins Boot holte.

Es wird von „Hass und Hetze“ geschrieben, ohne sich mit der auf klaren Beobachtungen gestützten Bewertung zu befassen. Ein typisches Muster einer fortgesetzten Opferhaltung. Dabei gestehe ich auch heute noch der Initiative zu, sich endlich selbstkritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Selbst im August schrieb ich noch: „Für mich erfüllt die Initiative damit alle Kriterien üblicher Gruppierungen von Querdenken (…). Solange (!) die Initiative keinen Willen zur Aufarbeitung und Verhaltensänderung zeigt, bleibe ich bei dieser Einschätzung.

Man kann sich darüber streiten, ob die Voraussetzungen dafür noch erfüllt sind, da sich die Initiative zusehends mehr mit anderen Thematiken als Corona befasst. Umso erstaunlicher ist das aktuelle Nachtreten der Initiative ausgerechnet in einer Situation, in der Kinderkliniken vor dem Kollaps stehen. Doch die reine Opferhaltung – die ich bei vereinzelten Kommentaren sogar teilweise völlig nachvollziehen kann – ist auch journalistisch nichts Neues. Die Qualität mit der ich im Artikel damit in einen möglicherweise bestehenden Zusammenhang gebracht werde, allerdings schon.

Auch die Frage, ob eine solche Bloßstellung nicht ebenfalls das Zeug zur weiteren Radikalisierung und einer Erhöhung meiner persönlichen Bedrohungslage bietet, etwa nachdem ich im November 2021 nach der Veröffentlichung eines Beitrags eine Morddrohung aus dem Umfeld von Querdenken erhielt, sollte man sich ebenfalls stellen. Aber die Frage müssen die Redaktion des Tagesspiegels und die Journalistin für sich selbst beantworten.

Ich persönlich könnte der Initiative Familien hier auch noch einmal in aller Deutlichkeit spiegeln, was Personen aus ihrem eigenen Umfeld mir entgegengebracht haben. Aussagen, die ich so nie gegenüber Mitgliedern oder gar der ganzen Initiative gegenüber reproduziert habe. Nicht einmal annähernd. Vieles davon findet sich in meinem Beitrag vom August.

Im Gegensatz zur Initiative muss ich es hier nicht direkt reproduzieren, obwohl ich diesbezüglich nie auch nur ein Wort der Entschuldigung gehört habe. Denn ich habe weder ein Interesse daran als Täter, denn als Opfer zu gelten. Mein journalistischer Anspruch war es immer zu verstehen, was im Zusammenhang mit der Initiative eigentlich geschieht. Insbesondere auch: Warum haben Medien sich bislang nicht gebührend kritisch mit der Initiative befasst? Aus diesen Fragen Verschwörungsnarrative zu basteln, wäre sicherlich ein leichtes, aber auch das habe ich nie getan.

Bislang gehe ich eindeutig von strukturellen Problemen in der Medienlandschaft aus. Fehlende Zeit, fehlendes Problembewusstsein und auch eine mangelnde Integration von Journalist:innen aus ärmeren Schichten in den Medienhäusern.

Entradikalisierung fängt mit Selbstreflektion an

Bis es zu einer echten Selbstreflektion der Initiative Familien und ihres illustren Kreises von Unterstützer:innen gekommen ist, kann ich zumindest einen Aspekt des Artikels teilen: „Bis dahin wünscht er sich Rücksicht und Respekt.“ Aber auch Ehrlichkeit. Gegenüber sich selbst und anderen. Insbesondere gegenüber der Öffentlichkeit. Dazu gehört zweifelsfrei auch eine Erinnerung an die ohne Zweifel lange Zeit bestehenden massiven Probleme der Initiative im Umgang mit Querdenken. Ob diese derzeit fortbestehen, kann ich nicht einschätzen.

Wenn der etablierte Journalismus hier nicht nur weiter schweigt, was sagt uns das über eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Querdenken? Über den kritischen Umgang mit Radikalisierung? Auch für den demokratischen Diskurs. Denn zu diesem gehört neben der Darstellung von fremden Perspektiven auch die Benennung von Tatsachen und deren Einordnung im größeren Kontext.

Weder diese andere Perspektiven, noch Tatsachen oder Einordnungen finden sich im Beitrag. Das kann man legitim finden, führt aber mit Sicherheit nicht zu dem, was dieser als Stoßrichtung vorgibt: eine Entradikalisierung des Diskurses um Corona.

Man könnte hier tatsächlich – auch ausgewogen – eine zunehmende Radikalisierung beobachten und ein erstes um sich greifen von Verschwörungsnarrativen und Desinformationen in Bevölkerungsschichten, die von Querdenken weit entfernt sind. Dass der Auslöser dieser Phänomene allerdings seine Ursache mit Sicherheit nicht in psychischen Erkrankungen zu suchen ist, sollte mittlerweile Allgemeinwissen sein. Dabei noch einen Vergleich zu Querdenken zu ziehen, wird dem erst recht nicht gerecht.

Ich habe aus persönlichen wie professionellen Gründen eine starke Abneigung gegen Verschwörungsnarrative und Desinformation. Egal aus welcher Richtung sie kommt. Umso unverständlicher erscheint es mir – nicht nur im Hinblick auf die fehlende Einordnung – mich in einem solchen Artikel wiederzufinden.

Ich habe die Schnauze voll

Ich schreibe eigentlich schon lange nichts mehr zur Initiative. Wozu auch? Über Maßnahmen kann sich diese nur noch schwerlich beschweren. Kooperationen mit Querdenken muss man nun ja auch nicht weiter eingehen. Jetzt wo eigentlich alle Ziele erreicht sind. Übrig bleiben anscheinend Rachegelüste. Weit entfernt von Rücksicht und Respekt.

Und so ist es wenig erstaunlich, dass ausgerechnet Klaus Stöhr den Beitrag auf Twitter teilt. Derjenige, der eine Gruppe von Wissenschaftler:innen weiterhin mit einer angeblich „totalitären“ Ideologie in Verbindung bringt, als die sie nie gedacht war. Belege für eine solche Unterstellung findet man selbstredend nie.

Und so entspinnt sich hier vor unser aller Augen unreflektiert von der breiten Medienlandschaft ein mögliches neues Verschwörungsnarrativ. Manche können Fehler einsehen. Sich verändern und entschuldigen. Das macht diese Fehler nicht rückgängig.

Gleichwohl gibt es diejenigen, die auf der Abwärtsspirale der eigenen Unzulänglichkeiten keinen Ausweg mehr finden, keine Anzeichen für eine wie auch immer geartete Fehlerkultur zeigen und somit lediglich ihren eigenen Hass zur Schau stellen und diesen damit wirklich kontinuierlich in der Öffentlichkeit reproduzieren.

Ob diejenigen, die ihre eigenen Fehler bis heute nicht zugeben damit noch konfrontiert werden, bzw. sich schlicht einfach selbst mit der „Gegenseite“ konfrontieren, womit eine Selbstreflektion überhaupt ermöglicht wird, hängt vor allem vom eigenen Umfeld ab sowie aber auch der Unterstützung der Opfer solcher Angriffe. Ob die Gesellschaft und Medienlandschaft dazu auch in der Lage sind, dies zu gewährleisten, wird sich zeigen.

Aus meiner Sicht bleibt nur zu sagen: Auch ich „habe die Schnauze voll“, aber lasse mich nicht auf das Niveau von Menschen herabziehen, die das gerne so hätten, um die eigene tatsächliche Radikalisierung zur eigenen Entlastung anders deuten und rechtfertigen zu können.

Das Verstehen und die Beschäftigung mit dem „Gegenextrem“ sollte man vielleicht alsbald als Heilungsmöglichkeit von eigenen Fehlannahmen ansehen, um endlich zu verstehen, dass es in einigen Fragen wirklich kein „Schwarz-Weiß“ gibt. Vielleicht kommt man dann sogar irgendwann persönlich ins Gespräch, statt den eigenen Groll gegen diejenigen zu richten, die sich für eine Gesellschaft ohne Desinformation und Verschwörungsmythen eingesetzt haben.

* Titelbild: Foto via Pixabay.com.

Nachtrag vom 14. Dezember:

Nach der Kritik hat die Autorin angekündigt, zumindest eine Einordnung zum Screenshot am Ende des Artikels zu platzieren. Nach allem was ich weiß, wurde der Screenshot nicht von der Initiative zur Verfügung gestellt. Probleme mit der unkritischen Darstellung der Initiative scheint man jedoch nicht zu teilen.

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Abbildung: Chinesische Flagge. Via Pixabay.com.

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