Foto von Thomas Fischbach und Logo der BVKJ via BVKJ. „Dunce Cap“ via cogdogblog, Wikimedia Commons, lizensiert unter CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication. Weitere Abbildungen via Pixabay.com. Montage/Bearbeitung durch Gunnar Hamann, Ostprog.de.

Vize-Europameister im Desinformieren?

Wie Thomas Fischbach und die BVKJ dem Diskurs in Deutschland schaden

Im Vorfeld des 126. Deutschen Ärztetages in Bremen zeigt Thomas Fischbach einmal mehr, wie wenig er als Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) an einer faktenbasierten Debatte interessiert ist. Ein Kommentar.

Vize-Europameister im Schulschließen“, so soll Thomas Fischbach sich über die deutsche Pandemiepolitik laut Ärztezeitung geäußert haben. Da Fischbach auf dem ersten Platz Polen einordnet, ist es ein leichtes, die Quelle seiner Aussage aufzuspüren.

Das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) hatte im Dezember 2021 eine Publikation zum Thema: „Europas Schulen in der Corona-Pandemie – ein Ländervergleich“ herausgegeben. Die Autor:innen beziehen sich auf eine Erhebung der OECD. Von den 27 Staaten der Europäischen Union vergleicht die Publikation der ifo jedoch lediglich 7 Staaten. Die Erklärung, wonach man Staaten ausgewählt habe, wird in drei Sätzen abgehandelt. Die Ergebnisse, die die Autor:innen später diskutieren, haben daher eine zweifelhafte Aussagekraft. Aber tatsächlich landet Deutschland unter diesen Staaten auf dem zweiten Platz.

Eine eigene Auswertung anhand der Daten des UNESCO-Instituts für Statistik ergibt ein sehr viel differenzierteres Bild. Im Europäischen Wirtschaftsraum liegt Deutschland auf Platz 13, was komplette Schulschließungen angeht. Bei den teilweisen Schulschließungen teilt sich Deutschland den zehnten Rang mit den Ländern Norwegen, Österreich und Schweden.

Die Fehleinschätzungen des Thomas Fischbach

Es mutet ironisch an, wenn sich ausgerechnet dieser Thomas Fischbach, der hier offensichtlich nicht in der Lage war eine Publikation zu dem Thema richtig einzuordnen, sich hinstellt und von „Fehleinschätzungen“ der Politik redet. Diese gab es ohne Zweifel, wiegen aber in keiner Weise die Verbreitung von Desinformation während der laufenden Pandemie auf.

Fischbach, der bis heute zur Rolle der BVKJ bei der Unterstützung einer zu Querdenken offenen Elterninitiative schweigt. Fischbach, der sich auf Twitter von Mitgliedern und Sympathisant:innen solcher Initiativen unterstützen lässt, wider besseren Wissens. Fischbach, der die Unterstützung der Initiative Familien toleriert, die im Sommer und Herbst letzten Jahres noch die Abschaffung der Maskenpflicht an Schulen forderte, woraufhin wir im Herbst und Winter eine weitere Welle erlebten, die vielerorts in Deutschland Kliniken an die Belastungsgrenze brachte.

Zu den teilweise massiven Unterrichtsausfällen in Deutschland, die ursächlich auf Infektionen zurückzuführen sind, äußert sich Fischbach in keiner Weise. Schuld sind fast immer nur die Maßnahmen. In einer Pandemie der einseitigen Faktenorientierung: eine ermüdende Leier.

Schall und Rauch

Der BVKJ sollte aufpassen. Vielleicht hat er eventuell bald keinen Ruf mehr zu verspielen, wenn er so weitermacht. Das gilt für einige pädiatrische Fachverbände. Wer weiterhin den Narrativ der einschlägig bekannten Gruppierungen bespielt, dass Maßnahmen das größere oder gar alleinige Übel während dieser Pandemie gewesen seien, der kann nicht ernsthaft reklamieren für die gesamte Kinderärzteschaft zu sprechen. Oder doch? Falls diese Einstellungen die Realität der Pädiatrie abbilden sollten, müsste darüber Klartext geredet werden.

Dass Querdenken Desinformationen verbreitet, ist schlimm genug. Ein Kinderarzt und Präsident des BVKJ sollte das eigentlich vermeiden. Eine rationale Abwägung oder eine ehrliche Form der Kommunikation ist für mich weiterhin nicht zu erkennen. Solange sich an diesem Verhalten nicht deutlich etwas ändert, bleibt Fischbach und die BVKJ für mich Vize-Europameister im Desinformieren.

Wenn Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zum 126. Deutschen Ärztetag seine Grußansprache hält, wären klare Worte für so ein Verhalten begrüßenswert.

Wer hätte ahnen können, dass ein Faust’scher Pakt auf den Doktor Faust abfärbt?

* Titelbild: Foto von Thomas Fischbach und Logo der BVKJ via BVKJ. „Dunce Cap“ via cogdogblog, Wikimedia Commons, lizensiert unter CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication. Weitere Abbildungen via Pixabay.com. Montage/Bearbeitung durch Gunnar Hamann, Ostprog.de.

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