Auf dem dritten Auge blind?

Ein Rechtsstaat für rechte Esoterik braucht eine breite Öffentlichkeit gegen Murks

Als ich in den Jahren 2014/2015 mehrere Praktika in der Redaktion von Radio LOTTE Weimar verrichtete, war ich hochmotiviert. Eines Tages stolperte ich in der Redaktionskonferenz über den Vorschlag, einen Beitrag über den Hypnose-Coach Ralf Kiel zu machen. Und ich wurde tatsächlich hypnotisiert. Kurz darauf stieß ich nämlich auf ein Interview mit Kiel in der Mediathek des lokalen Weimarer Fernsehsenders SalveTV. Für einen guten Überblick über die seltsamen Gebaren von SalveTV, empfehle ich den Beitrag der Local Times Erfurt.

In Kürze: SalveTV gehört zum Thüringer Unternehmen Toskanaworld, einem privaten Thüringer Betreiber von Thermen und Spaßbädern. Der Sender steht seit Jahren im Verruf ohne kritische Begleitung als Verbreiter von Kreml-nahen Informationen zu agieren, rechte esoterische Inhalte auszustrahlen sowie politische und kommerzielle Inhalte nur ungenügend getrennt voneinander in seinem Programm zu senden. Außerdem: das hier.

Für mich war klar, dass es eine kritische Auseinandersetzung mit dem Sender bedarf. Zwar gab es regionale und überregionale Aufregung über Salves Ausstrahlung von RT Deutsch, aber das Format Lebensforum Wohlstand, das den Hypnose-Coach Kiel eingeladen hatte, wurde bis dahin noch nicht ausreichend „gewürdigt“. Einzige Ausnahme war damals ein Beitrag in der Thüringischen Landeszeitung aus dem Jahr 2013.

Wohlstand für alle?

Lebensforum Wohlstand ist eine Sendung auf SalveTV, die vom Betreiber der Erfurter Firma Deutsche Edelmetallkasse – Herbert Jungwirth – moderiert wird. Jungwirth verbreitet auf SalveTV auch sein Format Edelmetallkasse.TV, in dem er Gäste etwa über die Vorzüge von Gold zu Bargeld „aufklärt“ und dabei indirekt für seine eigenen Produkte Werbung betreibt. Darunter auch der „Glückstaler Kurt Tepperwein“ für den gleichnamigen und bereits verstorbenen Esoteriker, der 2005 wegen des Missbrauchs von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen rechtskräftigt verurteilt wurde.

Für meine Recherchen wandte ich mich mit einer Interviewanfrage direkt an den Sender sowie an die Thüringer Landesmedienanstalt (kurz: TLM), deren Aufsicht SalveTV unterliegt. Im Büro bei SalveTV nahm man meine Anfrage entgegen und wollte sich zeitnah bei mir melden. Dann geschah etwas für mich unerwartetes und ich erhielt noch am späten Nachmittag – fern des Redaktionsbüros – einen Anruf von einer hochrangigen Mitarbeiterin von SalveTV, deren Namen ich hier nicht nennen werde.

„Es gibt doch so viel Gutes über Salve zu berichten“

Das Gespräch dauerte über eine gute Stunde und war eine dieser interessanten Augenblicke, in denen der Fragende zum Befragten wird. Gedächtnisprotokoll: „Warum wollen sie denn über das Thema berichten? Es gibt doch so viel Gutes über Salve zu berichten“. Ich entgegnete, dass das zutreffen mag, es jedoch nichts an meiner Kritik an der Ausstrahlung des Formats schmälert.

Mein Gegenüber versicherte mir selbst eine persönliche Ablehnung gegenüber den Inhalten von Lebensforum Wohlstand, sprach aber auch davon, dass es aus wirtschaftlichen Gründen notwendig sei, auch solche Sendungen zu unterhalten. Krönender Abschluss des Gesprächs war das Angebot: „Sie können ja mal ein Praktikum bei uns machen. Wir suchen immer Leute“. Eine interessante Art auf eine kritische Anfrage zu reagieren.

Auch interessant: Woher hatte SalveTV meine private Mobilfunknummer? Die Mitarbeiterin wollte sich mir gegenüber dazu nicht äußern, denn das täte ja nichts zur Sache, so behauptete sie. In der Redaktion gab laut Angabe meiner Kolleg*innen auch niemand meine Telefonnummer heraus. Dafür gab es auch immer strikte Richtlinien, egal ob die Kolumnistin von der ZEIT anruft oder ein regionaler Schankwirt.

Spuren ins Nirvana

Der Anruf hatte mir klargemacht, dass ich in ein Wespennest gestochen hatte. Und trotzdem blieb am Ende nichts übrig, außer großer Ernüchterung. Im Gespräch mit der Landesmedienanstalt versicherte man mir, dass meine Mobilfunknummer nicht von dort an SalveTV weitergereicht wurde. Die Nummer hatte ich für meine Anfrage der TLM übergeben. Außerdem sei man bei der TLM über die Beschwerden bezüglich der Formate informiert, jedoch würde SalveTV seinen Verpflichtungen im Sinne des Telemediengesetzes nachkommen und überhaupt vollziehe man regelmäßige Prüfungen. Zudem – und das war für mich letztlich das in der Sache nachvollziehbarste Argument – sei man besonders vorsichtig mit der Rundfunkaufsicht, was inhaltliche Zensur anginge.

Daran war und ist auch jetzt nichts auszusetzen. Mein innerer Kompass war zur damaligen Zeit dennoch am Rotieren. Wieso ist es gesetzlich zulässig, ein Format senden zu lassen, das offensichtlich mit den Ängsten und Nöten von verletzlichen Menschen in unserer Gesellschaft spielt und ihnen einfache Antworten liefert wie: Der Islam ist böse oder Kauf Gold… am besten natürlich bei mir?

Es kann auch mal ins Auge gehen

Mir ist mittlerweile klar geworden, dass ich mich verbissen hatte. Zu sehr darauf, einen Missstand aufzuklären, den ich selbst nicht hätte aufklären können. Ich habe mich andererseits auch darin geirrt, meinen Beitrag nicht zu produzieren und zu senden. Auf Radio LOTTE gab es von mir nie einen Beitrag zu dem Thema, obwohl es meine bis dato wohl umfangreichste Recherche zu einem Thema war.

Solange SalveTV in der Lage ist seine reichsbürgertümlichen Inhalte über Internet und Fernsehen zu verbreiten, ist eine Kritik daran nicht nur möglich, sondern sogar notwendig in einer Rechtssetzung, die – zu Recht – hohe Hürden für Eingriffe in die Medienlandschaft aufstellt.

Diesen Mut hatte ich damals nicht, aber es ist nie zu spät sein persönliches Sendekonzept umzustellen. Nicht wahr, SalveTV? *mit-dem-dritten-Auge-zuzwinkersmiley*

#Nachtrag 05.09.2020: Das *mit-dem-dritten-Auge-zuzwinkersmiley* soll natürlich ausdrücklich nicht als verstecktes Anbiedern an einen Praktikumsplatz bei SalveTV interpretiert werden (obwohl es aus humoristischer – wenn auch nicht unbedingt aus menschlicher – Sicht natürlich beachtlich wäre).

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