Am Anfang war das Wort. Tabu und Tötungsphantasien

Warum wir das Wort "Mord" im öffentlichen Diskurs nicht länger scheuen sollten und über die transformative Stärke der Angst

Wir sind kurz vor einem Siedepunkt im öffentlichen Diskurs angekommen. Was ist passiert? Die Junge Freiheit berichtet am 8. Februar:

„Der stellvertretende Vorsitzende der Jusos im Berliner Bezirk Pankow und Mitglied des erweiterten Landesvorstandes, Bengt Rüstemeier, hatte auf Twitter in verklausulierter Form gefordert, Jungliberale und Vermieter zu töten. Unter anderem schrieb er: „jungl1b€ra£€ €r5h007€n wann?“ („Jungliberale ershooten/erschießen wann?“).“

Hier Screenshots der fraglichen Tweets:

Diskursiver Paarungstanz mit dem Tod

Es gibt viele Tabus im öffentlichen Diskurs. Neben Rassismen ist wohl Gewalt eines der größten Tabus. Eine demokratische Grundordnung erfordert einen zivilen Umgang miteinander. Sie sollen auch dafür Rechnung tragen, dass die Hackordnungskämpfe zivilisiert verlaufen. Dementsprechend sind die besagten Äußerungen von Rüstemeier auch nicht entschuldbar, da sie das zentrale Miteinander verletzen.

Gleichzeitig lohnt sich eine Analyse darüber, woher der Unmut herrührt, der einige dazu veranlasst, diese zentralen Tabus zu verletzen. Sie sind Ausdruck einer zunehmenden sozialen Ungleichheit, die nicht nur von Liberalen sondern auch den konservativen Kräften seit Jahren vernachlässigt werden. Ebenso aber auch (und da liegt die Ironie) auch von der SPD, die sich mit ihrer Austeritätspolitik und Agenda 2010 nur schwerlich vom Vorwurf lösen kann, diese Entwicklung mitgetragen zu haben.

Wenn Töten Tabu ist, sollten wir anfangen von "Mord" zu sprechen

Intellektuell hat Rüstemeier, haben auch viele andere im Diskurs verloren, wenn sie solche Ausfälle produzieren. Wir sollten einen neuen Standpunkt finden, von dem aus wir Kritik üben können. Ein guter Ansatz wäre es, wenn wir stattdessen anfangen offen von Mord zu sprechen.

Die unzureichende und passive Politik während Klima-, Corona- und Sozialstaatskrise sind für mich nicht mehr länger anders zu begreifen und der Politik zu kommunizieren. Und auch die Medien sollten darüber nachdenken, ihren Wortschatz zu erweitern, um ihre Fragen entsprechend anzupassen. Wir brauchen wirklichen Druck auf die Regierenden, um Regierungsverantwortung zu erzeugen. Denn wem Mord vorgeworfen wird, der muss sein Handeln und auch sein Nicht-Handeln erklären. Deutsche Politik hat in allen drei Bereichen eine erstaunliche Passivität gezeigt. Selbes gilt für deutsche Medien, die zwar von sich behaupten können, darüber berichtet zu haben – ebenso wie Politiker behaupten könnten, sie hätten ja etwas unternommen  aber in Wirklichkeit haben wir es hier oft mit Symbolpolitik zu tun, die von Mutlosigkeit und Angst geprägt war und weiterhin ist.

Das größte Tabu ist die Angst. Lasst Sie uns verlieren

Zu Recht könnte man nun die Frage stellen: „Aber wieso den Verantwortlichen nun noch mehr Angst machen, indem wir ihnen Mord vorwerfen?“. Ganz einfach. So merken sie, dass sie nicht allein sind, mit ihrer Angst. Denn in Wahrheit sind auch wir es, die Angst haben. Angst davor, unsere Nächsten durch zu lasche Coronamaßnahmen zu verlieren. Angst davor, dass wir unsere Planeten aufgrund der zaghaften Klimapolitik zerstören. Angst davor, dass wir keine Wohnung oder Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt haben, trotz guter Ausbildung.

„Spielraum“ in diesen Bereichen ist vorbei. Und die Zeit zum Spielen, wie ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe, sowieso.

Am Anfang war das Wort.

* Das Titelbild ist von Michael Horse. Link: https://www.instagram.com/p/CLAd-vjlGRM/

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