Foto: DPA / Zentralbild / Jens Galane.*

Alexander von Schönburg (Bild-Zeitung): Zitat erfunden?

Über den zweifelhaften Beitrag, eines zweifelhaften Mitglieds der Bild-Chefredaktion

Bei Recherchen entdecke ich Unstimmigkeiten in einem Beitrag des BILD-Redakteurs Alexander von Schönburg. Hat er einfach nur schlecht recherchiert oder ein Zitat erfunden? Alles über den adeligen und sein mysteriöses Schweigen.

Alexander von Schönburg ist Graf, Bruder von Gloria von Thurn und Taxis, Schriftsteller und – was für diesen Beitrag viel wichtiger ist – seit 2009 Mitglied der Chefredaktion der Bild-Zeitung. Mit so einer herausragenden Position bei einer Zeitung sollte man sich eigentlich der eigenen Verantwortung bewusst sein. Das von Schönburg wenig Verantwortungsbewusstsein hat, zeigt sich in vielfältiger Form.

Von Schönburg reiste Anfang März 2020 nach Venedig. Nur wenige Tage zuvor hatte die italienische Regierung ganz Italien zur Schutzzone erklärt. Für die Stadt war eine Ausgangssperre verhängt worden. In einem Video für die Bild spricht er davon, dass die Regeln „rabiat“ umgesetzt werden. Was genau war so rabiat? Ein Polizist hatte Alexander von Schönburg einen Strafzettel ausgestellt, weil dieser sich zur Ausgangssperre scheinbar ohne Grund in der Stadt aufhielt. Eine Sanktionierung wegen des Verstoßes gegen Maßnahmen zum Schutz von Menschenleben als „rabiat“ zu bezeichnen, ist eine Meinung. Verantwortungsvoll ist anders. Wenige Tage später muss dann auch der Journalist von Schönburg die Stadt verlassen, denn das Hotel wird geschlossen.

Alexander von Schönburg in Venedig
Alexander von Schönburg in Venedig. Hart arbeitender Journalismus in der Pandemie. | Foto: Sebastian Karadshow/Karadshow Media

Am 19. September vergangenen Jahres stellte er für Bild.de die Frage: „Ist Kirche gefährlicher als Puff?!“. Zu diesem Zeitpunkt hatten fünf Bundesländer die Prostitution unter strengen Auflagen wieder ermöglicht. Die gleiche Position teilt auch seine Schwester Gloria von Thurn und Taxis, die im Mai 2020 im Welt-Interview das „Gottesdienst-Verbot“ als „reine Schikane“ bezeichnete. Die Fürstin findet (ebenfalls im Mai in der Welt): „[S]ogar die katholische Kirche ist dabei, sich wie eine UN-kompatible NGO zu gerieren“. Sie warnt auch davor „jede Gegenmeinung als Rechtspopulismus zu verunglimpfen.“

Adel verpflichtet. Adel verzichtet?

Ähnliche Ansichten haben die Geschwister ebenfalls zum Thema Klimakrise. So sagte sie sinngemäß, so die Landshuter Zeitung IDOWA, dass die Klimadebatte von einem autistischen Mädchen geführt werde. Inwiefern die Diagnose von Greta Thunberg für die Klimadebatte relevant ist, bleibt unklar. Sollte sie dies wie berichtet wirklich erwähnt haben, dann handelt es sich um einen ableistischen Kommentar.

Auch von Schönburg hat sich in die Klimadebatte eingebracht, mit seinem Buch „Der Grüne Hedonist“. Rezensionen zum Buch findet man hier und ebenfalls hier. Im Zusammenhang mit Greta Thunberg spricht er jedoch davon, dass „die ökologistische Neoreligion auf einer Angstbotschaft beruht.“ Weiter sagt er: „Ich sehe das nicht so. Ich sehe eher, dass die Eliten sich geradezu nach Rustikalität und Maßhalten sehnen und verschwenderischer Konsum als überholt angesehen wird.“ 

Hier entlarvt sich von Schönburg meiner Meinung nach selbst als Doppelmoralist. Wer für einen journalistischen Beitrag während einer weltweiten Pandemie extra nach Italien fliegt – in eine Stadt mit Ausgangssperre dazu – der kann nicht ernsthaft behaupten, dass er sich in Verzicht übt. Von Schönburg legt mehr Wert auf den Hedonismus und weniger auf das „grüne“, dessen Anstrich er sich gerne geben würde.

Adel verpflichtet, aber Adel verzichtet eben nicht gerne. Sei es auf Gottesdienste oder Urlaub eine Berichterstattung aus Venedig.

Der Journalist Boris Rosenkranz (Übermedien) hat Alexander von Schönburg in diesem Video unterhaltsam porträtiert.

Das erfundene Zitat eines Pulitzerpreisträgers

Wenn Alexander von Schönburg redet, klingt das manchmal wie ein Proseminar an einer Querdenkerhochschule“, so der Journalist Boris Rosenkranz für Übermedien in einem Video über Alexander von Schönburg. Nach den Recherchen für einen anderen Beitrag, muss ich derzeit jedoch davon ausgehen, dass von Schönburg nicht nur argumentativen Anschluss bei der Bewegung von „Querdenken“ gefunden hat, sondern auch – und diesmal unter Umständen besonders gravierend – journalistische Standards verletzt. Entweder hat der Bild-Journalist im vorliegenden Beispiel – im besten anzunehmenden Fall – unsauber recherchiert oder aber er hat ein Zitat erfunden.

Es geht um folgende Stelle aus seinem BeitragSind die Löscharbeiten verheerender als der Brand?“, der am 25.03.2020 auf Bild.de publiziert wurde:

„In der »New York Times« meldet sich Chef-Kommentator Thomas L. Friedman mit einem tief aus dem Herzen kommenden »Was um Himmels willen [sic!] tun wir uns hier eigentlich an?« zu Wort.“

Er stellt die Frage der Fragen: »Sind die Löscharbeiten verheerender als der Brand selbst?« Und er fordert, wie inzwischen viele namhafte Ökonomen, den Stillstand der Wirtschaft auf die Zeit bis Ostern zu beschränken. Sonst drohe uns ein Kollaps der Weltwirtschaft, gegen den der Crash 1929 ein Kindergeburtstag war, inklusive Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und Verelendung.“

Alexander von Schönburg

Das Problem daran: Dafür das Friedman dies jemals gesagt haben soll, gibt es keinerlei Belege. Im Gegenteil. Möglicherweise bezieht sich von Schönburg auf ein Interview von Friedman mit dem politischen Philosophen Michael Sandel vom 24.03.2020. Fehlanzeige. Eine letzte Möglichkeit: Vielleicht geht es um einen Artikel vom 26.03.2020, den er vorab erhalten haben könnte oder der falsch datiert ist. Doch auch hier sieht es schlecht aus.

Die einzige Ähnlichkeit zur Metapher der „Löscharbeiten“ ist folgendes Zitat aus der New York Times: „Die Heilung darf nicht schlimmer sein als das Problem selbst!“. Diese Worte stammen allerdings nicht von Friedman, sondern vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump. Die Worte Trumps selbst, hat dieser übrigens auch nicht selbst erfunden, sondern von einem Kommentator des amerikanischen Fernsehsenders FOX News übernommen, wie Moderator John Oliver in der Sendung „Last Week Tonight“ (HBO) dargelegt hat.

Die erste Verwendung dieses Zitats findet sich online lediglich im Beitrag des Journalisten von Schönburg. Diverse Übersetzungen von mir ins Englische haben ebenfalls keine Ergebnisse für das Zitat hervorgebracht. Was ist hier also geschehen? Die einzige Antwort kann nur der Autor liefern. Seit Wochen habe ich nun mehrfach versucht, von Alexander von Schönburg eine Antwort zu erhalten. Am 1. Mai, am 17. Mai und am 19. Mai. Bislang ohne Erfolg.

Die Ironie der Geschichte

Bei der Recherche fiel mir außerdem auf, dass von Schönburgs privater Blog kein Impressum enthält. Eigentlich eine Grundbedingung für deutsche Blogbetreiber:innen und in der Theorie auch Selbstverständlichkeit für Journalist:innen. Auch dies habe ich Alexander von Schönburg via Twitter mitgeteilt.

Alexander von Schönburg nutzt in seinen literarischen Werken gerne das Mittel der Ironie. Sollte an der schwerwiegendsten Annahme – die Erfindung eines Zitats – etwas dran sein, dann wäre dies eine besondere Form von Ironie. Ein Journalist der für Corona-Skeptiker schreibt, also jene, die eine erstaunliche Schnittmenge mit den „Lügenpresse“-Rufern aufweist, hätte dann selbst eine wahrhafte Lüge verbreitet. Obendrein noch mit einem Zitat, dass eine Form von Angst verbreitet („Sonst drohe uns ein Kollaps der Weltwirtschaft, gegen den der Crash 1929 ein Kindergeburtstag war“), welche er sonst gerne Klimaaktivist:innen unterstellt.

Alexander von Schönburg ist Mitglied der Chefredaktion bei BILD. Das adelt ihn jedoch nicht dazu, sich über journalistische Standards hinwegzusetzen.

Ich verfolge die Sache weiter.

*Das Titelbild wurde mit dem Zeitungs-Generator von Onlinewahn erstellt.

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