Foto von Ulrike Guérot via Wikimedia Commons / Európa Pont / Lizensiert unter CC BY 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/. Hintergrund via Pixabay.com. Bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de.

Wer schweigt, stimmt Ulrike Guérot zu

»Achtung! Wegschauen!« – Verschwörungsnarratologie für die „Mitte“ der Gesellschaft

Derzeit wird viel über Verdrängung geschrieben. Etwa in Bezug auf Teile der SPD und deren Umgang mit dem Krieg in der Ukraine. Gleichzeitig, so macht es den Anschein, freut sich die Landschaft der Medienkritik über die willkommene Ablenkung von Corona. Würde der ehrliche Umgang mit letzterem doch einen blinden Fleck enthüllen, der dort im Lauf der Pandemie immer größer gewachsen ist. Dass im deutschen TV mittlerweile eine waschechte Verschwörungsnarratologin auftreten darf, medienkritische Formate wie ZAPP oder Übermedien dazu aber weitgehend schweigen, ist ein Skandal und letztlich: Arbeitsverweigerung. Ein Kommentar.

Ulrike Guérot wird als „kritische Intellektuelle“ bezeichnet. Das Lob kommt in diesem Fall vom Twitter-Feuilleton. Präziser gesagt, von einem anonymen Account aus der sogenannten „Kindertruppe“, der mit Querdenken interagiert, sich Rechtsradikalismus gegenüber aufgeschlossen zeigt und hier den Autor und Journalisten Patrick Bahners als „Mitläufer“ bezeichnet. So viel Eigentor muss sein.

Auch mir wurde bereits vorgeworfen, angeblich unlautere Kritik an Ulrike Guérot zu üben. Die Querdenkerin Nicole Reese sprach davon, dass ich Guérot stalke, verunglimpfe und belästige. Nicole Reese, die selbst an der Aufrechterhaltung von Querdenken beteiligt ist. Wobei es kein Wunder ist, dass diese Guérot verteidigt, gehört Guérot selbst doch zu den Verteidigerinnen von Querdenken.

Patrick Bahners ist wohl der bekannteste Kritiker an der Medienpräsenz von Guérot. Die Bonner Politikwissenschaftlerin war in den Jahren vor der Pandemie bereits medial fest im Sattel. Insbesondere der Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur haben sie gefördert. Rund 25% aller Medienauftritte und Erwähnungen gehen zwischen 2013 und heute auf den Sender aus dem Haus des Deutschlandradios zurück, so meine Auswertung:

Spätestens seit 2016 hat Guérot sich im öffentlichen Diskurs fest etabliert. Eine Medienpräsenz, die sich seit 2019 verstetigt hat. Damals war sie vielgefragt, aufgrund ihrer Utopie einer europäischen Republik. Einer Utopie, die bereits damals nicht ganz kritiklosen Widerhall fand. So schrieb Dominik Geppert im November 2016 in einer Besprechung ihres Buchs „Warum Europa eine Republik werden muss!für die FAZ: „[Ulrike Guérot] setzt Wunschdenken und die Sehnsucht nach dem großen Wurf an die Stelle klugen Abwägens und organischer Entwicklung.

Utopie und Dystopie

Ein bisschen Utopie schadet nie?

Der häufig falsch verstandenen Phrase „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ von Helmut Schmidt, setze ich immer gerne entgegen: „Wer keine Visionen hat, sollte zum Bestatter.“ Hier liegt der Fall jedoch anders. 2016 konnte Guérot ihre Visionen für die Vereinigten Staaten von Europa noch schadlos in den Diskurs einbringen. Heute sagt Bernd Harder von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) aber folgendes über einige Aussagen der Bonnerin:

Wenn wir uns an den üblichen Kennzeichen einer Verschwörungstheorie orientieren (Nichts ist so, wie es scheint; alles, was auf der Welt geschieht, wird von Hintergrundmächten in negativer Absicht planvoll manipuliert) – wie soll man Guérots Ausführungen dann anders nennen?

Wie wurde aus der Frau mit den großen Utopien jemand, der die „Dystopie eines alles umfassenden biotechnologischen Überwachungsstaates“ heraufbeschwört, so Thomas Gesterkamp für Neues Deutschland? Man müsste sie fragen. Doch bereits der bloße Hinweis darauf, dass eine von ihr im Februar geteilte Petition auf die Plattform einer pro-russischen Initiative zurückging, goutierte sie mit Schweigen.

Folgt man dem Verlauf der Debatte, so scheint es, dass Guérots glaubwürdige Euphorie für Europa sich im Verlauf der Pandemie zunehmend verbittert hat. Dabei ist ihre grundlegende Idee eines Europas der Bürger:innen schwer zu kritisieren. Schaut man jedoch genauer hin, welche Strömungen Guérot gerne Repräsentanz einräumen möchte, entblößt sich der anti-demokratische Tenor hinter solchen Aussagen.

Anti-demokratisches Gedankengut

Anfang März nahm Guérot an einem Podcast mit Paul Brandenburg und Milena Preradovic teil. Der Podcast, dessen Zielgruppe man ohne große Zweifel Querdenken zuordnen kann, titelte: „Erosion der Demokratie“. Ohne Fragezeichen. Sie setzte dort zivilgesellschaftliche Bewegungen wie Black Lives Matter und den Christopher Street Day gleich mit PEGIDA. Um eine rechtsextreme Organisation als Teil der Zivilgesellschaft zu deklarieren, mokiert sie sich darüber, dass der Begriff normativ belegt sei.

Dass es für eine normative Differenzierung gute Gründe gibt, da eine der hier genannten Gruppierungen letztlich an einer Zerstörung des gesellschaftlichen Miteinanders arbeitet, bedarf hoffentlich keiner näheren Erläuterung. Hätte Guérot von „Gesellschaft“ als solcher gesprochen, so hätte man das noch akzeptieren können. Tut sie aber nicht.

Sie nahm dort auch die AfD in Schutz und sagte sinngemäß, dass diese eine demokratische Partei sei, weil sie nicht verboten sei. Menschen mit der Befähigung zur Logik und hinreichendem rudimentären Geschichtswissen, könnten dazu sicherlich einiges beitragen, um die Absurdität dieser Aussage zu hinterfragen.

Pro Putin, ohne Alternativen

Beim Thema Ukrainekrieg verdichten sich die argumentativen Schwächen von Guérot. In erschreckender Parallelität zur Kritik an ihrer Europa-Utopie in der FAZ, gelingt es ihr nicht, glaubhafte Lösungsangebote einzubringen. Stattdessen: Pauschalkritik. Kritik an den Angriffskriegen der Vereinigten Staaten, Kritik an Waffenlieferungen in die Ukraine, Pauschalkritik am Westen und Kritik am Entzug der Sendelizenz für Russia Today durch die Europäische Union.

Was hat Guérot als Alternative anzubieten? Wie könnte man der Ukraine konkret helfen? Antworten darauf, gibt sie nicht. „Wir müssten ganz grundsätzlich über eine eurasische Friedensordnung nachdenken“, sagt sie. Diese „gesamteurasische Friedensordnung“ beinhaltet laut Guérot eine eurasische Sicherheitsarchitektur mit Russland. Gleichzeitig sei sie aber nicht „naiv“, betont sie.

Warum sie so wenig Konkretes zu bieten hat, offenbart sich etwas später. Sie argumentiert mit dem Politikwissenschaftler John Mearsheimer, dass es eine neutrale Ukraine braucht und das eine Spaltung des Landes unvermeidlich sei. Dass Putin es aber nicht nur auf einen Teil der Ukraine abgesehen hat, sollte im Hinblick auf seine Offensive eindeutig sein. Ohne westliche Unterstützung wäre auch eine geteilte Ukraine kaum zu erreichen.

Hier treffen sich Utopie und Dystopie in einer Weise, die ich bei einer Politikwissenschaftlerin nicht für möglich gehalten hätte.

Zeitenwende: Müssen wir alle V-Theoretiker:innen zukünftig boykottieren?

Trotz dieser Auslassungen, ist Guérots Nimbus als intellektuelles Schwergewicht bislang ungebrochen. Sogar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, erhält Ulrike Guérot regelmäßig eine Plattform. Mitte März konnte sie bei Deutschlandfunk Kultur Werbung für ihr Buch „Wer schweigt, stimmt zu“ machen. Also kurze Zeit, nachdem sie im Podcast PEGIDA als Teil der Zivilgesellschaft bezeichnen konnte.

Im Deutschlandfunk darf sich Guérot verteidigen. Eine Passage aus ihrem Buch, die zuvor bereits heftig kritisiert wurde:

„Zuerst räumen wir auf, jeder in seinem Land. Wir überantworten die Verantwortlichen dem Internationalen Strafgerichtshof, sollte sich herausstellen, dass es nicht die Fledermaus war, sondern doch ein Labor, das uns das Virus beschert hat, wie der dänische Sonderbeauftragte der UNO kürzlich leakte. Wir bitten die USA, sich um Anthony Fauci und Bill Gates zu kümmern. Wir schließen die WHO und durchforsten ihre finanziellen Verstrickungen mit der Pharmaindustrie. Wir lassen die dunklen Gestalten von Pfizer und Co. nicht entkommen.“

Ulrike Guérot

Ein Ausschnitt, der bei Deutschlandfunk Kultur beschönigend als „Polemik“ bezeichnet wird. Bernd Harder von der GWUP findet dafür am gleichen Tag klare Worte, die ich eingangs bereits zitiert habe. Harders Positionierung konnte Guérots weiteres Auftauchen in reichweitenstarken Medien nicht verhindern, denn diese hatte ja laut Deutschlandfunk Kultur schließlich nur polemisiert.

Am 6. April tritt Guérot in der Sendung „13 Fragen“ des ZDF auf. Titel: „Zeitenwende: Müssen wir alle Autokratien zukünftig boykottieren?“ Auf Anfrage teilte mir die Presseabteilung des ZDF mit: „Die Gäste des Online-Debattenformats 13 FRAGEN werden von der Redaktion der Produktionsfirma in Absprache mit der im ZDF zuständigen Redaktion eingeladen. Dazu erfolgt eine gründliche Recherche. Ulrike Guérot als anerkannte Politikwissenschaftlerin wurde eingeladen, weil sie zum Thema der Folge eine starke Meinung vertritt; verschwörungstheoretische Thesen hat sie bei 13 FRAGEN nicht geäußert.

Zum Thema „gründliche Recherche“ hätte es wohl auch gehört, sich mit dem Auftreten von Guérot in den sogenannten „alternativen Medien“ zu beschäftigen. Neben ihrem Auftritt bei Brandenburg und Preradovic veröffentlichte sie am 16. März einen Auszug ihres neuen Buchs auf der Seite von Rubikon. Es sollte bekannt sein, dass die Seite Verschwörungsnarrative verbreitet. Auch beim Projekt Gegneranalyse taucht der Rubikon regelmäßig im Zusammenhang mit Corona und Verschwörungstheorien auf.

Ich fragte beim ZDF nach: „[M]al etwas zugespitzt: Würden Sie im ZDF auch Bodo Schiffmann zu Wort kommen lassen, solange er dort keine Verschwörungsnarrative verbreitet und dies auf die sozialen und alternativen Medien beschränkt?Bodo Schiffmann ist Mitinitiator von Querdenken und bekannt für seine Verschwörungstheorien zur Pandemie.

Das ZDF antwortete: „[E]s gehört zum Konzept des Debattenformats 13 FRAGEN, eine offene Gesprächskultur zu fördern und Menschen mit konträren Ansichten zu Wort kommen zu lassen – sofern sie sich im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung bewegen.

Vernunftland ist abgebrannt, oder: „Ihr seid nicht meine Mitte“

Wenn Verschwörungsnarratolog:innen mittlerweile als diskursfähig gelten, sollten alle Alarmglocken schrillen. Um dem entgegenzuwirken, braucht es mehr mutige Stimmen, die sich klar positionieren. Anfragen beim Center for Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) – einer gemeinnützigen Organisation, die unter anderem Aufklärung zu Verschwörungsglauben anbietet – hat ergeben, dass man dort gerade keine Einschätzung zu Ulrike Guérot anbietet.

Pia Lamberty von CeMAS hat sich nach meinen Recherchen jedenfalls bislang nicht öffentlich zu Guérot geäußert. Auch der Volksverpetzer nicht. Bei CeMAS scheint man die zahlreichen querdenkennahen Elterninitiativen ebenfalls bislang nicht auf dem Schirm zu haben, obwohl sich auch dort Verschwörungsnarrative nachweisen lassen und diese politisch und medial nicht unbedeutend sind. Den letzten offenen Brief der Initiative Familien unterschrieb ebenfalls niemand geringeres, als Ulrike Guérot.

Auch der Volksverpetzer hat sich in diesen Fragen bisher kaum über das Klientel von einfach identifizierbaren Querdenkern wie Stefan Homburg oder Bodo Schiffmann hinausgewagt. Was auch immer die Gründe dafür sind, es braucht gerade jetzt einen Umgang mit einer sich anscheinend zunehmend radikalisierenden gesellschaftlichen Mitte. Wir haben lange genug auf die Extreme an den Rändern geschaut.

Die landläufige Medienkritik in Deutschland schweigt schon seit Monaten zu querdenkernahen Elterninitiativen. Wer glaubt, dass sich das mit Ulrike Guérot – zudem noch während des Kriegs in der Ukraine – anders verhalten wird, ist naiv. Die Arbeitsverweigerung von ZAPP und Übermedien hierzu ist fatal. Wenn jetzt auch noch zivilgesellschaftliche Organisationen und Journalist:innen sich dem anschließen, lassen wir diese Medienkrise unbehelligt geschehen.

Etwas ist dran, am Titel von Guérots neuestem Buch. Wer schweigt, stimmt zu. Die Frage ist nur, ob man Guérot durch sein Schweigen weiterhin einen Platz im öffentlichen Diskurs eingesteht, oder einen Ordnungsruf in eine chaotische Mitte gibt. Eine Mitte, die derzeit so kopflos scheint, dass die große Gefahr besteht, Verschwörungsnarratologie als legitim Alternative zur Realität gesellschaftlich zu normalisieren.

Eine Mediengesellschaft, in der es mehr Kritiken zu „Die Passion“ gibt, als zu Ulrike Guérot, scheint mir jedoch auf einem solchen Weg zu sein.

* Titelbild: Foto von Ulrike Guérot via Wikimedia Commons / Európa Pont / Lizensiert unter CC BY 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/. Hintergrund via Pixabay.com. Bearbeitet von Gunnar Hamann, Ostprog.de.

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3 Comments

Phil · 18. April 2022 at 23:05

scheinbar oder anscheinend?

Frederic · 24. April 2022 at 4:42

Heute um kurz nach 8:00 Uhr wird Guérot mal wieder im Deutschlandfunk interviewt: https://www.deutschlandfunk.de/programm
Ich verstehe auch nicht, warum sie überall ihren Bullshit verbreiten kann und so wenig Kritik geäußert wird. Narrenfreiheit?
Vielen Dank für Deine Arbeit und schöne Grüße!

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